«Die Macht der Musik»
Ullrich Fichtner, Spiegel-Journalist und Musikliebhaber, hat sich in seinem neuen Buch auf eine Reise durch viele gesellschaftliche Praktiken begeben, in denen es um Musik geht. Seine Grundthese: Die Musikalisierung der Gesellschaft stehe bevor. Diese werde – das schließt er aus zahlreichen Studien – unsere Gesellschaft grundlegend zum Besseren verändern. Nicht ganz klar wird, ob Fichtner die These vertritt, diese Musikalisierung sei bereits im Gange und werde sich durchsetzen, oder ob er dies nur fordert. Je nachdem, welchen Bereich er betrachtet, ist er da unterschiedlich optimistisch. Im Kapitel über Schulmusik liegen Anspruch und heutige Situation noch weit auseinander, die Kapitel über Musik und Biologie weisen für ihn dagegen besonders in die Zukunft.
Der Mensch als musikalisches Wesen
Er schließt daraus: «Seit einigen Jahren verdichten sich Forschungsergebnisse zu der Erkenntnis, dass der Mensch ein musikalisches Wesen ist. Dass Musik existenziell für unser Leben und Überleben ist, dass gerade Kinder ohne sie verkümmern und mit ihr regelrecht aufblühen. Ist dies als Wissen einmal etabliert, steht uns eine Musikalisierung der Verhältnisse ins Haus, ein bedeutender kultureller Umbruch.» Fichtner illustriert dies durch Begegnungen mit Menschen, die Musik in irgendeiner Form zu ihrem Beruf oder ihrer lebenslangen Leidenschaft gemacht haben. Er begibt sich dabei in verschiedene Genres und Aufführungsformen sowie zu Kontexten, in denen Musik zum Beispiel zu medizinischen Zwecken eine Rolle spielt.
Das ist interessant, aber es bleiben auch Fragen unangesprochen: Wie wichtig ist Musik tatsächlich für das «Verkümmern oder Aufblühen» von Kindern? Gibt es nicht auch glückliche Menschen, für die Musik höchstens im Hintergrund eine Rolle spielt? Gibt es nicht auch Studien, die etwa Sport oder Schach untersuchen und genauso positive Ergebnisse haben? Oder hat tatsächlich die Musik hier eine besondere Rolle? Es ist nicht sehr überraschend, dass Menschen, die sich ein Leben lang intensiv mit einer Sache beschäftigen, daraus große Kraft und Zufriedenheit ziehen. Damit zu belegen, dass diese Sache bei allen Menschen Musik sein könnte, halte ich allerdings für gewagt.
Spannende Musikerlebnisse und Gesprächspartner:innen
Die Kapitel lassen sich auch einzeln lesen und sind episodisch aufgebaut. Fichtner nimmt uns mit zu musikalischen Erlebnissen und vielfältigen Gesprächspartner:innen aus dem Musikbusiness, von exklusiven Konzerten auf Schloss Elmau bis zu Massenkonzerten mit Disneymelodien, von Donaueschingen bis Tiktok. Es ist erfrischend, einem Autor zu folgen, der all diesen unterschiedlichen musikalischen Kulturphänomenen ernsthaft etwas abgewinnen kann. Wer mit auf die Reise eines vielgereisten Musikliebhabers kommen möchte, für den ist dieses Buch eine schöne Lektüre. Dem Titel «Die Macht der Musik – Über ihre Kraft, unser Leben glücklicher und unsere Gesellschaft gerechter zu machen» wird es aber nur gerecht, wenn man bereits eine gewisse Voreingenommenheit für die Musik mitbringt.