Notenempfehlung: Choral Music Composed by Women
Komponistinnen gibt es aktuell wahrscheinlich so viele wie nie, und dennoch sind ihre Werke in den Konzertprogrammen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Mit dem Chorbuch «Choral Music Composed by Women» möchte der Carus-Verlag diesem Umstand entgegenwirken und bringt gemeinsam mit dem Deutschen Chorverband und dem Archiv Frau und Musik ein Nachschlagewerk heraus, das 47 Werke aus sechs Jahrhunderten von insgesamt 45 Komponistinnen enthält. Den Herausgeber:innen Franziska de Gilde, Jan Schumacher und Mary Ellen Kitchens war es dabei ein Anliegen, nicht nur eine große stilistische Vielfalt abzubilden, sondern gleichermaßen Werke für verschiedene Gelegenheiten und in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu präsentieren.
Viel zu entdecken: bekannte und unbekannte Komponistinnen
So viel vorab: Das ist bestens gelungen. Das Buch enthält Kanons, Volksliedsätze, Madrigale, romantische Lieder und komplexe zeitgenössische Chorwerke. Dabei dürfen natürlich Kompositionen von den berühmten Vertreterinnen Clara Schumann und Fanny Hensel nicht fehlen. Aber selbst hier gelingen Überraschungen, denn weder Hensels «Nacht ruht auf den fremden Wegen» noch Schumanns als Kanon bearbeitete Melodie von «Wenn ich ein Vöglein wär’» gehören zu den Standardwerken dieser Komponistinnen.
Spannend sind vor allem die unbekannten Namen in der informativen, kleinen Komponistinnenübersicht am Ende des Buchs. Vittoria Aleotti beispielsweise schrieb Ende des 16. Jahrhunderts ihr beschwingtes Madrigal «Hor che le vaga Aurora», das im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Pendants durch seine Vierstimmigkeit von deutlich mehr Ensembles gut aufführbar sein dürfte. Eine echte Entdeckung ist auch die erst 25-jährige litauische Komponistin Evita Rudžionyte mit ihrem schlichten, ruhig pulsierenden «Evening prayer» auf den Text von Psalm 4, in das sie die Melodie eines litauischen Schlafliedes eingebaut hat und das durch seine entspannte Lage für viele Chöre empfehlenswert ist.
Vielfalt in Genre und Komplexität: für alle ist etwas dabei
Deutlich komplexer geht es in «Fire» von Lucia Birzer zu: Durchweg achtstimmig und mit einigen improvisatorischen Elementen und solistischen Parts bearbeitet die Preisträgerin des Komponistinnenwettbewerbs Females* Featured Emily Dickinsons Text äußerst plastisch und abwechslungsreich. Etwas weniger aufwendig, aber mit ähnlichen Mitteln wie glissandi und Flüsterpassagen arbeitet die bekannte schwedische Dirigentin und Komponistin Karin Rehnqvist in ihrem Werk «Universe», das sich mit der Faszination und vor allem der Unfassbarkeit unseres Universums beschäftigt.

Zur Vielfältigkeit der Sammlung gehören auch kleinere geistliche Werke wie das ruhig fließende «Ave verum» der französischen Spätromantikerin Mel Bonis, die mitreißende Psalmvertonung «Loven Gud i himmelshöjd» ihrer schwedischen Zeitgenossin Alice Tegnér, die übrigens auch in einer deutschen Textfassung von Franziska de Gilde vorliegt, oder das mit Flüsterelementen und jubelnden Motiven versehene «Trinity Halleluja» der jungen Komponistin Elisabeth Fußeder. Für weltliche Anlässe kann man beispielsweise mit Dorothea Hofmanns spannender Bearbeitung von «Die Gedanken sind frei!», der poppig anmutenden Ballade «Take what you need» der indisch-amerikanischen Komponistin Reena Esmail, bei der auch das Publikum miteinbezogen wird, oder dem locker schwingenden «Song of the beautiful» von Emily Tallmadge auf einige abwechslungsreiche Nummern zurückgreifen.
Empfehlenswerte Entdeckungen, bereicherndes Zusatzmaterial
Diese äußerst empfehlenswerte Sammlung füllt eine entscheidende Lücke, und man fragt sich fast, warum niemand früher auf diese Idee gekommen ist. Sie deckt stilistisch wie sprachlich eine große Bandbreite ab und ist mit den kurzen Biographien der Komponistinnen und den englischen Übersetzungen der Texte sehr informativ. Aufführungshinweise und gegebenenfalls die deutsche Übersetzung sind direkt beim Werk als Fußnote abgedruckt – fast alle sind auch als Einzelausgabe erhältlich.
Das Chorbuch «Choral Music Composed by Women» ist vom Carus-Verlag gemeinsam mit dem Deutschen Chorverband und dem Archiv Frau und Musik realisiert worden.
Das Archiv Frau und Musik in Frankfurt am Main bewahrt Noten, Tonträger, Literatur und Graue Literatur über Komponistinnen, Musikerinnen und Dirigentinnen vom 9. bis 21. Jahrhundert im Bereich der klassischen Musik sowie von Rock, Pop und Jazz.
www.archiv-frau-musik.de
Mitglieder von Chören aus den DCV-Mitgliedsverbänden können Choral Music Composed by Women zu einem vergünstigten Preis (-15%) erwerben.