Notenempfehlung: Choral Music Composed by Women

Autor:in

Tristan Meister

Ausgabe

N° 123 | März 2025

Kom­po­nis­tin­nen gibt es aktu­ell wahr­schein­lich so vie­le wie nie, und den­noch sind ihre Wer­ke in den Kon­zert­pro­gram­men wei­ter­hin deut­lich unter­re­prä­sen­tiert. Mit dem Chor­buch «Cho­ral Music Com­po­sed by Women» möch­te der Carus-Ver­lag die­sem Umstand ent­ge­gen­wir­ken und bringt gemein­sam mit dem Deut­schen Chor­ver­band und dem Archiv Frau und Musik ein Nach­schla­ge­werk her­aus, das 47 Wer­ke aus sechs Jahr­hun­der­ten von ins­ge­samt 45 Kom­po­nis­tin­nen ent­hält. Den Herausgeber:innen Fran­zis­ka de Gil­de, Jan Schu­ma­cher und Mary Ellen Kit­chens war es dabei ein Anlie­gen, nicht nur eine gro­ße sti­lis­ti­sche Viel­falt abzu­bil­den, son­dern glei­cher­ma­ßen Wer­ke für ver­schie­de­ne Gele­gen­hei­ten und in unter­schied­li­chen Schwie­rig­keits­gra­den zu prä­sen­tie­ren.

Viel zu entdecken: bekannte und unbekannte Komponistinnen

So viel vor­ab: Das ist bes­tens gelun­gen. Das Buch ent­hält Kanons, Volks­lied­sät­ze, Madri­ga­le, roman­ti­sche Lie­der und kom­ple­xe zeit­ge­nös­si­sche Chor­wer­ke. Dabei dür­fen natür­lich Kom­po­si­tio­nen von den berühm­ten Ver­tre­te­rin­nen Cla­ra Schu­mann und Fan­ny Hen­sel nicht feh­len. Aber selbst hier gelin­gen Über­ra­schun­gen, denn weder Hen­sels «Nacht ruht auf den frem­den Wegen» noch Schu­manns als Kanon bear­bei­te­te Melo­die von «Wenn ich ein Vög­lein wär’» gehö­ren zu den Stan­dard­wer­ken die­ser Kom­po­nis­tin­nen.

Span­nend sind vor allem die unbe­kann­ten Namen in der infor­ma­ti­ven, klei­nen Kom­po­nis­tin­nen­über­sicht am Ende des Buchs. Vitto­ria Aleot­ti bei­spiels­wei­se schrieb Ende des 16. Jahr­hun­derts ihr beschwing­tes Madri­gal «Hor che le vaga Auro­ra», das im Gegen­satz zu vie­len zeit­ge­nös­si­schen Pen­dants durch sei­ne Vier­stim­mig­keit von deut­lich mehr Ensem­bles gut auf­führ­bar sein dürf­te. Eine ech­te Ent­de­ckung ist auch die erst 25-jäh­ri­ge litaui­sche Kom­po­nis­tin Evi­ta Rudžiony­te mit ihrem schlich­ten, ruhig pul­sie­ren­den «Evening pray­er» auf den Text von Psalm 4, in das sie die Melo­die eines litaui­schen Schlaf­lie­des ein­ge­baut hat und das durch sei­ne ent­spann­te Lage für vie­le Chö­re emp­feh­lens­wert ist.

Vielfalt in Genre und Komplexität: für alle ist etwas dabei

Deut­lich kom­ple­xer geht es in «Fire» von Lucia Bir­zer zu: Durch­weg acht­stim­mig und mit eini­gen impro­vi­sa­to­ri­schen Ele­men­ten und solis­ti­schen Parts bear­bei­tet die Preis­trä­ge­rin des Kom­po­nis­tin­nen­wett­be­werbs Fema­les* Fea­tured Emi­ly Dick­in­sons Text äußerst plas­tisch und abwechs­lungs­reich. Etwas weni­ger auf­wen­dig, aber mit ähn­li­chen Mit­teln wie glis­san­di und Flüs­ter­pas­sa­gen arbei­tet die bekann­te schwe­di­sche Diri­gen­tin und Kom­po­nis­tin Karin Reh­n­q­vist in ihrem Werk «Uni­ver­se», das sich mit der Fas­zi­na­ti­on und vor allem der Unfass­bar­keit unse­res Uni­ver­sums beschäf­tigt.

Eine weiß gelesene Frau mit eher kurzen, leicht ergrauten Haaren blickt aufmerksam in die Kamera.
Die Kom­po­nis­tin Karin Reh­n­q­vist ist im Sam­mel­band mit ihrem Chor­stück «Uni­ver­se» ver­tre­ten © Filip Erlind

Zur Viel­fäl­tig­keit der Samm­lung gehö­ren auch klei­ne­re geist­li­che Wer­ke wie das ruhig flie­ßen­de «Ave ver­um» der fran­zö­si­schen Spät­ro­man­ti­ke­rin Mel Bonis, die mit­rei­ßen­de Psalm­ver­to­nung «Loven Gud i him­mels­höjd» ihrer schwe­di­schen Zeit­ge­nos­sin Ali­ce Teg­nér, die übri­gens auch in einer deut­schen Text­fas­sung von Fran­zis­ka de Gil­de vor­liegt, oder das mit Flüs­ter­ele­men­ten und jubeln­den Moti­ven ver­se­he­ne «Tri­ni­ty Hal­le­lu­ja» der jun­gen Kom­po­nis­tin Eli­sa­beth Fuße­der. Für welt­li­che Anläs­se kann man bei­spiels­wei­se mit Doro­thea Hof­manns span­nen­der Bear­bei­tung von «Die Gedan­ken sind frei!», der pop­pig anmu­ten­den Bal­la­de «Take what you need» der indisch-ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­tin Ree­na Esmail, bei der auch das Publi­kum mit­ein­be­zo­gen wird, oder dem locker schwin­gen­den «Song of the beau­tiful» von Emi­ly Tall­madge auf eini­ge abwechs­lungs­rei­che Num­mern zurück­grei­fen.

Empfehlenswerte Entdeckungen, bereicherndes Zusatzmaterial

Die­se äußerst emp­feh­lens­wer­te Samm­lung füllt eine ent­schei­den­de Lücke, und man fragt sich fast, war­um nie­mand frü­her auf die­se Idee gekom­men ist. Sie deckt sti­lis­tisch wie sprach­lich eine gro­ße Band­brei­te ab und ist mit den kur­zen Bio­gra­phien der Kom­po­nis­tin­nen und den eng­li­schen Über­set­zun­gen der Tex­te sehr infor­ma­tiv. Auf­füh­rungs­hin­wei­se und gege­be­nen­falls die deut­sche Über­set­zung sind direkt beim Werk als Fuß­no­te abge­druckt – fast alle sind auch als Ein­zel­aus­ga­be erhält­lich.

Das Chor­buch «Cho­ral Music Com­po­sed by Women» ist vom Carus-Ver­lag gemein­sam mit dem Deut­schen Chor­ver­band und dem Archiv Frau und Musik rea­li­siert wor­den.

Das Archiv Frau und Musik in Frank­furt am Main bewahrt Noten, Ton­trä­ger, Lite­ra­tur und Graue Lite­ra­tur über Kom­po­nis­tin­nen, Musi­ke­rin­nen und Diri­gen­tin­nen vom 9. bis 21. Jahr­hun­dert im Bereich der klas­si­schen Musik sowie von Rock, Pop und Jazz.

www.archiv-frau-musik.de


Mit­glie­der von Chö­ren aus den DCV-Mit­glieds­ver­bän­den kön­nen Cho­ral Music Com­po­sed by Women zu einem ver­güns­tig­ten Preis (-15%) erwer­ben.

Hier erfah­ren Sie, wie Sie den Rabatt erhal­ten.

Portrait von Tristan Meister

Autor:in

Tristan Meister

Tristan Meister ist Dirigent mehrerer Chöre und Ensembles. Zudem ist er als Dozent tätig und Juror bei Wettbewerben wie dem Deutschen Chorwettbewerb.

Verwandte Artikel

Weitere spannende Themen aus der Chorwelt

Eine Gruppe Frauen in estnischen Trachten in rot und weiß steht in einer Gruppe zusammen. Sie singen.

Estland: Ein Gesang — ein Land

Der Chorgesang und die Sängerfeste bilden einen Grundpfeiler der kulturellen Identität Estlands. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte des Landes.

Auftritt eines Frauenchors

Anmeldestart für die chor.com 2026 in Leipzig: «Building Bridges»

Die nächste chor.com findet vom 1. bis 4. Oktober 2026 in Leipzig statt. Jetzt Tickets zu Teilnahme sichern! Bewerbungen für die Masterclasses sind ab sofort möglich.

Zwei Frauen, die Gesprächspartnerinnen des Podcasts, stehen vor einem roten Hintergrund. Eine hat blonde glatte Haare, die andere dunkle Locken.

Podcast Chorgeschichte(n):
Tausend Stimmen in einer Rille

Auf zerbrechlichem Schellack: Gesang aus tausenden Männerkehlen. Anna Schaefer und Cornelia de Reese über kostbare Platten aus den Dreißigerjahren.