«Nigun» – jüdische Chormusik mit dem SWR Vokalensemble
Kann ein Chor lachen, weinen, tanzen, jubeln, gar verführen? Ein überzeugendes Ja bietet das SWR Vokalensemble bei der Hohelied-Vertonung «Shir Hashirim» (1973) von Yehezkel Braun. Das Stück ist ein Renner im Herkunftsland Israel – hierzulande bislang kaum präsent. Das könnte sich nun ändern.
Israels Chorgeschichte hörbar gemacht
«Nigun», eine neue Einspielung des Stuttgarter Chores, lässt bis ins Jahr 1955 zurückblicken. Damals gründete der israelische Dirigent Gary Bertini den «Rinat Chor», womit er nicht nur den Grundstein für eine professionelle Chormusik in seinem Land legte. Der spätere Nationalchor beeinflusste maßgeblich das Gedeihen einer israelischen Chorlandschaft. Hebräische Psalmen, Verse und Hymnen wurden vertont. Die Komponist:innen der Gründergeneration wurden um die Wende zum 20. Jahrhundert in Deutschland, Osteuropa und Russland geboren, doch ihre Inspirationsquellen waren breiter gestreut. Alle verband eine Faszination für traditionelle Musik der Juden verschiedener Herkunft sowie die der Araber. Auch die Folgegeneration israelischer Komponist:innen, darunter Yehezkel Braun (1922–2014), ließ sich davon stark prägen.

Oder Aharon Harlap, der 1941 in Kanada zur Welt kam. Harlap wanderte 1967 nach Israel aus, er studierte unter anderem mit Gary Bertini. Mit seinem «Akeidat Yitchak» (Die Bindung Isaaks), 1979 für Rinat geschrieben, beginnt die CD dramatisch, packend und in den dissonanten Reibungen und Kontrasten haarfein gezeichnet. Dieser Satz fügt sich zusammen mit 14 weiteren auf «Nigun» zu einer beeindruckenden Werkschau ab den 1950er-Jahren. Vor allem in den Kompositionen der Sechziger- und Siebzigerjahre zeigt sich ein immenser Reichtum an zeitgenössischen Stilrichtungen und Einflüssen etwa US-amerikanischer Komponist:innen.
Stuttgarter Exzellenz: das SWR Vokalensemble
Für Yuval Weinberg, 1990 in Tel Aviv geboren und seit 2020 Chefdirigent des exzellenten SWR Vokalensembles, war es eine Herzensangelegenheit, Aufmerksamkeit auf die klangprächtige wie ‑mächtige Musik seines Landes zu lenken. In Stuttgart waren ihm beste sängerische Voraussetzungen zum Gelingen gegeben. Als weiteres Beispiel sei das expressionistische «Chidot» (Rätsel) der 1992 geborenen Komponistin Shiri Riseman genannt. Der mahnende, vom alttestamentlichen Buch Habakuk inspirierte Text fesselt durch seine ungemein direkte Ansprache und die lautmalende, präzise, dabei hochemotionale Interpretation.