Musicals für Kinderchöre – eine Erfolgsgeschichte

Autor:in

Stella Antwerpen

Ausgabe

N° 129 | März 2026

Wenn an einem Frei­tag­abend der Vor­hang in einer Schul­au­la auf­geht, liegt eine beson­de­re Mischung aus Lam­pen­fie­ber, gespann­ter Erwar­tung und kol­lek­ti­vem Herz­klop­fen in der Luft. Kin­der ste­hen bereit, schwen­ken ner­vös ihre Requi­si­ten, die Lehr­kraft am Kla­vier nickt ermu­ti­gend. Ein Schlag – und der Chor setzt ein. Sol­che Sze­nen gehö­ren längst zur Bil­dungs- und Chor­land­schaft Deutsch­lands. Kin­der- und Jugend­chor­mu­si­cals erfreu­en sich seit Jah­ren wach­sen­der Beliebt­heit. Monat für Monat erschei­nen neue Titel in den Ver­la­gen. Auch ohne zen­tra­le Sta­tis­tik lässt sich fest­stel­len: Sowohl die Zahl der Kom­po­si­tio­nen als auch der rea­li­sier­ten Auf­füh­run­gen ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erheb­lich gestie­gen.

Chorgesang im Musical: der besondere Bühnenmoment

Was macht es so beson­ders, ein Musi­cal für den Kin­der­chor zu schrei­ben? Peter Schind­ler, seit Jahr­zehn­ten Kom­po­nist und prä­gen­de Figur im Bereich der Kin­der- und Jugend­chor­mu­sik, bringt es auf den Punkt: «Die Rol­le des Cho­res in einem Musi­cal ist unge­mein wich­tig, weil man damit sagt: Ihr seid alle will­kom­men. Ihr könnt alle dabei sein. Dann geht so eine Ener­gie durch eine Schu­le. Vie­len wird Mut gemacht, sie bekom­men die Mög­lich­keit, vor­ne zu ste­hen.» Unzäh­li­ge Kin­der haben sei­ne bekann­tes­ten Musi­cals bereits sin­gen dür­fen: «Die Käse­ban­de», «Der blaue Pla­net», «Weih­nach­ten fällt aus» oder «König Keks», um nur eini­ge zu nen­nen. Schind­ler betont, dass er als Kom­po­nist jede Alters­grup­pe als gleich wert­voll behan­delt. Ob für Kita-Kin­der, Grund­schü­ler, Jugend­li­che oder Senio­ren: Allen Betei­lig­ten, allen Zuschau­en­den gesteht er die­sen beson­de­ren Büh­nen­mo­ment zu. «Die Büh­ne als Raum muss erfah­ren wer­den. Es kann nicht nur ein Markt sein, der bedient wird.» Die erfolg­rei­che Kom­po­nis­tin Anne Rieg­ler beschreibt es so: «Der Chor hat in all mei­nen Musi­cals die zen­tra­le und tra­gen­de Rol­le.» Rieg­ler kennt das Metier Kin­der­chor­mu­si­cal von klein auf. Ihr Vater Tho­mas Rieg­ler kom­po­nier­te ins­ge­samt vier Kin­der­chor­mu­si­cals («Isra­el in Ägyp­ten», «König David», «Wir zei­gen Gesicht», «Es ist voll­bracht», alle erschie­nen im Carus-Ver­lag). Durch ihr Mit­wir­ken sowie aus Erzäh­lun­gen und Kom­men­ta­ren ihres Vaters lern­te Rieg­ler viel. Mit 28 schrieb sie dann ihr ers­tes eige­nes Kin­der­mu­si­cal «Joseph – wie Isra­el nach Ägyp­ten kam» (Carus). Ihr Weih­nachts­mu­si­cal «Die drei Wei­sen gehen auf Rei­sen» wur­de im Erschei­nungs­jahr rund 35 Mal auf­ge­führt – ein beacht­li­cher Wert im Kin­der­chor­be­reich.

Ein Kinderchor in Kulissen des Alten Agypten singt und winkt mit den Händen.
Vol­ler Ein­satz ist gefragt in Anne Rieg­lers Kin­der­chor­mu­si­cal «Joseph … Wie Isra­el nach Ägyp­ten kam» © Ger­hard Kup­fer

Musicals für Kinderchöre: auf der Höhe der Zeit

Die wach­sen­de Prä­senz von Kin­der- und Jugend­chor­mu­si­cals ist kein kurz­fris­ti­ger Trend. Schon vor über 80 Jah­ren schrie­ben Kom­po­nis­ten wie Fried­rich Schie­ker (1894–1977) oder Gün­ther Kretz­schmar (1929–1986) Wer­ke, die bewusst auf päd­ago­gi­sche Umsetz­bar­keit, cho­ri­sche Über­sicht­lich­keit und musi­ka­li­sche Zugäng­lich­keit setz­ten – damals viel­leicht noch unter den Bezeich­nun­gen Ope­ret­te oder Sing­spiel. Heut­zu­ta­ge wird ersicht­lich, dass die Wur­zeln der Kin­der- und Jugend­chor­mu­si­cals an der Schnitt­stel­le von tra­di­tio­nel­lem Chor­we­sen, Kir­chen­mu­sik und dem moder­nen Schul- und Lai­en­mu­si­cal lie­gen. Wäh­rend Kin­der- und Jugend­mu­si­cals als schu­li­sches For­mat seit Lan­gem eta­bliert sind, hat sich das spe­zi­fi­sche Chor­mu­si­cal als eige­ne Gat­tung erst in den letz­ten Jahr­zehn­ten kla­rer her­aus­ge­bil­det. Das Chor­mu­si­cal ver­steht sich als Musik­thea­ter im Kol­lek­tiv. Somit über­nimmt eben ein Chor eine tra­gen­de Rol­le – erzäh­lend, kom­men­tie­rend, sze­nisch agie­rend. Wie Rieg­ler betont, kann hier die kol­lek­ti­ve Stim­me zum zen­tra­len Gestal­tungs­mit­tel wer­den. Das spie­gelt sich auch im musi­ka­li­schen Mate­ri­al wider: sing­ba­re, gut erfass­ba­re Chor­par­tien, häu­fig ein­stim­mig oder in leich­ter Mehr­stim­mig­keit; klar struk­tu­rier­te Wie­der­ho­lun­gen; über­schau­ba­re Ton­um­fän­ge. Solist:innen wer­den gezielt ein­ge­setzt, oft als Erwei­te­rung des Chor­klangs, nicht als Kon­kur­renz. Hin­zu kom­men Spre­cher­tex­te und ein­fa­che sze­ni­sche Ele­men­te, die sich gut in die Pro­ben­ar­beit inte­grie­ren las­sen. Man­che Arran­ge­ments wir­ken auf den ers­ten Blick schlicht – doch aus chor­prak­ti­scher Sicht liegt genau dar­in ihre Stär­ke. Sie sind funk­tio­nal, pro­ben­taug­lich und auf Ensem­bles mit hete­ro­ge­nen Vor­aus­set­zun­gen zuge­schnit­ten. So wären hier auch Wer­ke von Andre­as Schmitt­ber­ger wie «Das Apfel­kom­plott» oder «Das gehei­me Leben der Pira­ten» (Fidu­la) oder auch Wer­ke zu Kom­po­nis­ten, wie «Freun­de, Töne, Göt­ter­fun­ken» von John Høy­bye (Carus) oder «B‑A-C‑H, der größ­te Musi­ker» von Andre­as Hant­ke (Stru­be) zu nen­nen.

Mitsingen einfach gemacht

Der Ent­ste­hungs­pro­zess vie­ler Wer­ke ist stark pra­xis­ori­en­tiert. Schind­ler beschreibt ihn als hand­werk­lich und kör­per­lich erfahr­bar: «Mei­ne Autor:innen und ich spie­len uns die Tex­te vor, lesen mit ver­teil­ten Rol­len, gehen auf und ab und schau­en, ob es funk­tio­niert. Denn so etwas kann kein Lek­to­rat.» Die­se Nähe zur Auf­füh­rungs­pra­xis erklärt, war­um sich vie­le Chor­mu­si­cals ver­gleichs­wei­se schnell erar­bei­ten las­sen – ein nicht zu unter­schät­zen­der Aspekt für Regie­füh­ren­de, die mit begrenz­ter Pro­ben­zeit arbei­ten. Die Auf­füh­run­gen rei­chen von Grund­schul-AGs über Musik­schu­len, Jugend­chö­re und kirch­li­che Grup­pen bis hin zu Feri­en­pro­jek­ten. Pro­fes­sio­nel­le Ver­la­ge unter­stüt­zen die­se Arbeit zuneh­mend mit umfang­rei­chem didak­ti­schem Zusatz­ma­te­ri­al: Pro­ben­hin­wei­se, alter­na­ti­ve Beset­zun­gen, ver­ein­fach­te Fas­sun­gen, Play­backs, digi­ta­le Übetracks, Video-Tuto­ri­als und Pro­ben­mit­schnit­te erleich­tern die Ein­stu­die­rung zusätz­lich – beson­ders dort, wo kei­ne erfah­re­ne Regie zur Ver­fü­gung steht. Dies ist in Zei­ten des Musik­leh­rer-Man­gels und des Sei­ten- oder Quer­ein­stiegs Rea­li­tät. Im schu­li­schen Kon­text gilt das Musi­cal zudem als inter­dis­zi­pli­nä­res For­mat: Musi­ka­li­sche Ensem­ble­ar­beit, sze­ni­sche Gestal­tung, Sprach­för­de­rung und sozia­le Kom­pe­tenz grei­fen inein­an­der. Fächer wie Vokal­pra­xis oder Chor-AGs eig­nen sich gut, um sol­che Pro­jek­te über län­ge­re Zeit­räu­me zu ent­wi­ckeln. Oft bleibt das Musi­cal ein punk­tu­el­les Ereig­nis – etwa zu Jubi­lä­en –, doch bewähr­te Wer­ke und gut auf­be­rei­te­te Klas­si­ker eta­blie­ren sich lang­fris­tig im Reper­toire.

Auf einer Bühne singt und agiert ein Kinderchor, im Hintergrund zeigt eine Leinwand Fische und Vögel
Eine Auf­füh­rung von Anne Rieg­lers Kin­der­chor­mu­si­cal «Der ach­te Tag» 2022 © Ger­hard Kup­fer

Gebrauchsmusik im besten Sinne: flexible Chormusicals

Ein Aspekt, der im Chorall­tag oft für Unsi­cher­heit sorgt, ist die Fra­ge nach Auf­füh­rungs­rech­ten. Für Chor­mu­si­cals greift in der Regel das soge­nann­te gro­ße Recht: Musik­dra­ma­ti­sche Wer­ke mit sze­ni­schem Ablauf wer­den nicht über die GEMA, son­dern direkt über die Ver­la­ge abge­rech­net. Auch des­halb gibt es wohl kein zen­tra­les Regis­ter für Auf­füh­run­gen, weder in Deutsch­land noch inter­na­tio­nal. Vie­le Schu­len wäh­len auch selbst pro­du­zier­te Stü­cke, adap­tie­ren bekann­te Musi­cals oder nut­zen Juni­or-Lizenz­ver­sio­nen gro­ßer Wer­ke – je nach Regi­on, Bud­get und Alters­grup­pen. Und die Komponist:innen selbst? Auch hier herrscht häu­fig ein rea­lis­ti­scher Blick. Schind­ler bringt es nüch­tern auf den Punkt: «Man ver­dient erst ein­mal gar nichts. Das kommt – wenn über­haupt – mit der Zeit.» Anne Rieg­ler gewann den ers­ten Preis beim Wett­be­werb «Büh­ne frei» 2024/2025 mit ihrem Werk «Aus der Rei­he getanzt – Ein Zir­kus­mu­si­cal» (erscheint im Som­mer oder Herbst 2026 bei Carus). Finan­zi­el­ler Erfolg steht dabei nicht im Vor­der­grund. Rieg­ler ver­steht ihre Wer­ke ganz prag­ma­tisch und zugleich beein­dru­ckend als Gebrauchs­mu­sik im bes­ten Sin­ne: «Wenn es kom­po­niert ist, ist es in der Welt. Dann kön­nen ande­re damit etwas machen.» Eine gewis­se gestal­te­ri­sche Frei­heit exis­tiert, wenn auch in ver­tret­ba­rem Rah­men: indem zum Bei­spiel optio­na­le Instru­men­te her­aus­ge­nom­men wer­den, zwei­stim­mi­ge Lie­der nur ein­stim­mig gesun­gen wer­den, ein Melo­die­in­stru­ment die Sing­stim­me mit­spielt oder Solo­lie­der vom gan­zen Chor gesun­gen wer­den.

So, wie du bist, bist du richtig – Musical als Botschaft

Viel­leicht liegt genau hier ein Schlüs­sel zum Erfolg von Chor­mu­si­cals: Man muss ein Werk nicht zwangs­läu­fig ver­ein­fa­chen – ent­schei­dend ist, die Wege zur Betei­li­gung krea­tiv zu öff­nen. Musi­cals bie­ten dafür idea­le Vor­aus­set­zun­gen: vie­le Rol­len, fle­xi­ble Beset­zun­gen, cho­ri­sche und non­ver­ba­le Aus­drucks­for­men. Auch Trä­ger und Ver­la­ge ent­wi­ckeln mehr und mehr inklu­si­ves Mate­ri­al mit erwei­ter­ten Spre­cher­rol­len, redu­zier­ten Chor­sät­zen, Play­backs oder Ele­men­ten in Gebär­den­spra­che. Ein Bei­spiel wäre hier das Musi­cal «Alles ist mög­lich» von Sue Leh­mann, das im Saar­land von einem Reha-Chor mit Men­schen mit und ohne Han­di­cap mehr­fach auf­ge­führt wur­de und gro­ßen Anklang fin­det. Hier geht es um das The­ma «Bar­rie­re­frei­heit». Das gan­ze Stück ver­mit­telt ein­drucks­voll die Bot­schaft, die Men­schen all­ge­mein immer wie­der hören soll­ten: So, wie du bist, bist du rich­tig.

Warum Kinderchormusicals bleiben

Kin­der- und Jugend­chor­mu­si­cals ermög­li­chen es, gro­ße Grup­pen sowie Men­schen mit oder ohne Han­di­cap tra­gend ein­zu­bin­den. Der Chor wird zum Hand­lungs­trä­ger, nicht zur blo­ßen Klang­flä­che. Der Markt ist leben­dig und viel­fäl­tig, und jähr­lich ent­ste­hen tau­sen­de Auf­füh­rungs­mög­lich­kei­ten, die jun­gen Men­schen künst­le­ri­sche Teil­ha­be eröff­nen. Wenn vie­le Kin­der­stim­men gemein­sam eine Geschich­te erzäh­len, ent­steht etwas, das weit über Auf­füh­rungs­zah­len und Markt­me­cha­nis­men hin­aus­geht: Gemein­schaft, Selbst­wirk­sam­keit und blei­ben­de Erin­ne­rung. Genau dar­in liegt wohl der wich­tigs­te Grund für den zuneh­men­den Erfolg die­ses Gen­res.

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Portrait von Stella Antwerpen

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Stella Antwerpen

Stella Antwerpen ist Sängerin, Chorleiterin, Stimmbildungscoach und Gymnasiallehrerin. Sie schreibt für Fachmagazine und ist Mitglied verschiedener Wettbewerbsjurys.

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