Musicals für Kinderchöre – eine Erfolgsgeschichte
Wenn an einem Freitagabend der Vorhang in einer Schulaula aufgeht, liegt eine besondere Mischung aus Lampenfieber, gespannter Erwartung und kollektivem Herzklopfen in der Luft. Kinder stehen bereit, schwenken nervös ihre Requisiten, die Lehrkraft am Klavier nickt ermutigend. Ein Schlag – und der Chor setzt ein. Solche Szenen gehören längst zur Bildungs- und Chorlandschaft Deutschlands. Kinder- und Jugendchormusicals erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Monat für Monat erscheinen neue Titel in den Verlagen. Auch ohne zentrale Statistik lässt sich feststellen: Sowohl die Zahl der Kompositionen als auch der realisierten Aufführungen ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen.
Chorgesang im Musical: der besondere Bühnenmoment
Was macht es so besonders, ein Musical für den Kinderchor zu schreiben? Peter Schindler, seit Jahrzehnten Komponist und prägende Figur im Bereich der Kinder- und Jugendchormusik, bringt es auf den Punkt: «Die Rolle des Chores in einem Musical ist ungemein wichtig, weil man damit sagt: Ihr seid alle willkommen. Ihr könnt alle dabei sein. Dann geht so eine Energie durch eine Schule. Vielen wird Mut gemacht, sie bekommen die Möglichkeit, vorne zu stehen.» Unzählige Kinder haben seine bekanntesten Musicals bereits singen dürfen: «Die Käsebande», «Der blaue Planet», «Weihnachten fällt aus» oder «König Keks», um nur einige zu nennen. Schindler betont, dass er als Komponist jede Altersgruppe als gleich wertvoll behandelt. Ob für Kita-Kinder, Grundschüler, Jugendliche oder Senioren: Allen Beteiligten, allen Zuschauenden gesteht er diesen besonderen Bühnenmoment zu. «Die Bühne als Raum muss erfahren werden. Es kann nicht nur ein Markt sein, der bedient wird.» Die erfolgreiche Komponistin Anne Riegler beschreibt es so: «Der Chor hat in all meinen Musicals die zentrale und tragende Rolle.» Riegler kennt das Metier Kinderchormusical von klein auf. Ihr Vater Thomas Riegler komponierte insgesamt vier Kinderchormusicals («Israel in Ägypten», «König David», «Wir zeigen Gesicht», «Es ist vollbracht», alle erschienen im Carus-Verlag). Durch ihr Mitwirken sowie aus Erzählungen und Kommentaren ihres Vaters lernte Riegler viel. Mit 28 schrieb sie dann ihr erstes eigenes Kindermusical «Joseph – wie Israel nach Ägypten kam» (Carus). Ihr Weihnachtsmusical «Die drei Weisen gehen auf Reisen» wurde im Erscheinungsjahr rund 35 Mal aufgeführt – ein beachtlicher Wert im Kinderchorbereich.

Musicals für Kinderchöre: auf der Höhe der Zeit
Die wachsende Präsenz von Kinder- und Jugendchormusicals ist kein kurzfristiger Trend. Schon vor über 80 Jahren schrieben Komponisten wie Friedrich Schieker (1894–1977) oder Günther Kretzschmar (1929–1986) Werke, die bewusst auf pädagogische Umsetzbarkeit, chorische Übersichtlichkeit und musikalische Zugänglichkeit setzten – damals vielleicht noch unter den Bezeichnungen Operette oder Singspiel. Heutzutage wird ersichtlich, dass die Wurzeln der Kinder- und Jugendchormusicals an der Schnittstelle von traditionellem Chorwesen, Kirchenmusik und dem modernen Schul- und Laienmusical liegen. Während Kinder- und Jugendmusicals als schulisches Format seit Langem etabliert sind, hat sich das spezifische Chormusical als eigene Gattung erst in den letzten Jahrzehnten klarer herausgebildet. Das Chormusical versteht sich als Musiktheater im Kollektiv. Somit übernimmt eben ein Chor eine tragende Rolle – erzählend, kommentierend, szenisch agierend. Wie Riegler betont, kann hier die kollektive Stimme zum zentralen Gestaltungsmittel werden. Das spiegelt sich auch im musikalischen Material wider: singbare, gut erfassbare Chorpartien, häufig einstimmig oder in leichter Mehrstimmigkeit; klar strukturierte Wiederholungen; überschaubare Tonumfänge. Solist:innen werden gezielt eingesetzt, oft als Erweiterung des Chorklangs, nicht als Konkurrenz. Hinzu kommen Sprechertexte und einfache szenische Elemente, die sich gut in die Probenarbeit integrieren lassen. Manche Arrangements wirken auf den ersten Blick schlicht – doch aus chorpraktischer Sicht liegt genau darin ihre Stärke. Sie sind funktional, probentauglich und auf Ensembles mit heterogenen Voraussetzungen zugeschnitten. So wären hier auch Werke von Andreas Schmittberger wie «Das Apfelkomplott» oder «Das geheime Leben der Piraten» (Fidula) oder auch Werke zu Komponisten, wie «Freunde, Töne, Götterfunken» von John Høybye (Carus) oder «B‑A-C‑H, der größte Musiker» von Andreas Hantke (Strube) zu nennen.
Mitsingen einfach gemacht
Der Entstehungsprozess vieler Werke ist stark praxisorientiert. Schindler beschreibt ihn als handwerklich und körperlich erfahrbar: «Meine Autor:innen und ich spielen uns die Texte vor, lesen mit verteilten Rollen, gehen auf und ab und schauen, ob es funktioniert. Denn so etwas kann kein Lektorat.» Diese Nähe zur Aufführungspraxis erklärt, warum sich viele Chormusicals vergleichsweise schnell erarbeiten lassen – ein nicht zu unterschätzender Aspekt für Regieführende, die mit begrenzter Probenzeit arbeiten. Die Aufführungen reichen von Grundschul-AGs über Musikschulen, Jugendchöre und kirchliche Gruppen bis hin zu Ferienprojekten. Professionelle Verlage unterstützen diese Arbeit zunehmend mit umfangreichem didaktischem Zusatzmaterial: Probenhinweise, alternative Besetzungen, vereinfachte Fassungen, Playbacks, digitale Übetracks, Video-Tutorials und Probenmitschnitte erleichtern die Einstudierung zusätzlich – besonders dort, wo keine erfahrene Regie zur Verfügung steht. Dies ist in Zeiten des Musiklehrer-Mangels und des Seiten- oder Quereinstiegs Realität. Im schulischen Kontext gilt das Musical zudem als interdisziplinäres Format: Musikalische Ensemblearbeit, szenische Gestaltung, Sprachförderung und soziale Kompetenz greifen ineinander. Fächer wie Vokalpraxis oder Chor-AGs eignen sich gut, um solche Projekte über längere Zeiträume zu entwickeln. Oft bleibt das Musical ein punktuelles Ereignis – etwa zu Jubiläen –, doch bewährte Werke und gut aufbereitete Klassiker etablieren sich langfristig im Repertoire.

Gebrauchsmusik im besten Sinne: flexible Chormusicals
Ein Aspekt, der im Choralltag oft für Unsicherheit sorgt, ist die Frage nach Aufführungsrechten. Für Chormusicals greift in der Regel das sogenannte große Recht: Musikdramatische Werke mit szenischem Ablauf werden nicht über die GEMA, sondern direkt über die Verlage abgerechnet. Auch deshalb gibt es wohl kein zentrales Register für Aufführungen, weder in Deutschland noch international. Viele Schulen wählen auch selbst produzierte Stücke, adaptieren bekannte Musicals oder nutzen Junior-Lizenzversionen großer Werke – je nach Region, Budget und Altersgruppen. Und die Komponist:innen selbst? Auch hier herrscht häufig ein realistischer Blick. Schindler bringt es nüchtern auf den Punkt: «Man verdient erst einmal gar nichts. Das kommt – wenn überhaupt – mit der Zeit.» Anne Riegler gewann den ersten Preis beim Wettbewerb «Bühne frei» 2024/2025 mit ihrem Werk «Aus der Reihe getanzt – Ein Zirkusmusical» (erscheint im Sommer oder Herbst 2026 bei Carus). Finanzieller Erfolg steht dabei nicht im Vordergrund. Riegler versteht ihre Werke ganz pragmatisch und zugleich beeindruckend als Gebrauchsmusik im besten Sinne: «Wenn es komponiert ist, ist es in der Welt. Dann können andere damit etwas machen.» Eine gewisse gestalterische Freiheit existiert, wenn auch in vertretbarem Rahmen: indem zum Beispiel optionale Instrumente herausgenommen werden, zweistimmige Lieder nur einstimmig gesungen werden, ein Melodieinstrument die Singstimme mitspielt oder Sololieder vom ganzen Chor gesungen werden.
So, wie du bist, bist du richtig – Musical als Botschaft
Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel zum Erfolg von Chormusicals: Man muss ein Werk nicht zwangsläufig vereinfachen – entscheidend ist, die Wege zur Beteiligung kreativ zu öffnen. Musicals bieten dafür ideale Voraussetzungen: viele Rollen, flexible Besetzungen, chorische und nonverbale Ausdrucksformen. Auch Träger und Verlage entwickeln mehr und mehr inklusives Material mit erweiterten Sprecherrollen, reduzierten Chorsätzen, Playbacks oder Elementen in Gebärdensprache. Ein Beispiel wäre hier das Musical «Alles ist möglich» von Sue Lehmann, das im Saarland von einem Reha-Chor mit Menschen mit und ohne Handicap mehrfach aufgeführt wurde und großen Anklang findet. Hier geht es um das Thema «Barrierefreiheit». Das ganze Stück vermittelt eindrucksvoll die Botschaft, die Menschen allgemein immer wieder hören sollten: So, wie du bist, bist du richtig.
Warum Kinderchormusicals bleiben
Kinder- und Jugendchormusicals ermöglichen es, große Gruppen sowie Menschen mit oder ohne Handicap tragend einzubinden. Der Chor wird zum Handlungsträger, nicht zur bloßen Klangfläche. Der Markt ist lebendig und vielfältig, und jährlich entstehen tausende Aufführungsmöglichkeiten, die jungen Menschen künstlerische Teilhabe eröffnen. Wenn viele Kinderstimmen gemeinsam eine Geschichte erzählen, entsteht etwas, das weit über Aufführungszahlen und Marktmechanismen hinausgeht: Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und bleibende Erinnerung. Genau darin liegt wohl der wichtigste Grund für den zunehmenden Erfolg dieses Genres.
