«Ich brauche diese Mischung» – die Musicaldarstellerin Mascha Kamenskikh
Mascha Kamenskikh arbeitet in einem besonderen Genre. Das Musical verbindet Tanz, Gesang und Schauspiel und bewegt sich dabei auf eigenen Pfaden zwischen künstlerischer Freiheit und kommerzieller Realität. Warum genau diese Mischung sie fasziniert, erzählt die Darstellerin im Interview.
Woran arbeitest Du zurzeit als Musicaldarstellerin?
Jetzt bin ich gerade wieder als Dozentin bei einer Schauspielschule in Köln und gebe Gesangsunterricht. Von November bis Januar stand ich im Metronom in Oberhausen in zwei Produktionen auf der Bühne: «Der Geist der Weihnacht» von Dirk Michael Steffan, nach der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, und «Cinderella» von Ephraim Peise. Die Inszenierungen kommen beide aus dem Festspielhaus in Füssen.
Wie bist du an diese Projekte gekommen?
Über Theapolis, das ist eine Plattform für professionelle Darsteller:innen. 2024 gab es ein Casting – im Musical sagen wir Audition. Ich habe vorgesprochen, und ein paar Wochen später kam die Zusage. 2025 wurde ich für die Wiederaufnahme angefragt.Die waren wohl ganz happy damit, was ich gemacht habe.
Von Belt bis Twang: Gesang im Musical
Jetzt unterrichtest du selbst Musical-Gesang. Was ist das für eine Art zu singen?
Es gibt Musicals, die eher poppig sind. Zum Beispiel «& Julia» in Hamburg, das ist ganz neu. Oder auch das Rap-Musical «Hamilton». Das ist eine ganz andere Art zu singen als klassischer Gesang, zum Beispiel in «The Sound of Music». Man braucht einen anderen Ton, eine andere Technik und wird auch anders gecastet. Wenn man beides bedienen kann, ist das natürlich cool. Aber meistens hat man seine eigene Präferenz. Ich sehe mich eher in neueren Musicals, da kann ich mich mit meiner Gesangstechnik austoben, mixe meine Register gut ab und nehme vom Belt-Sound bis hin zum Twangy-Klang alles mit.
Twangy?
Etwas nasaler, wenn es in die Höhe geht und Präsenz und Energie haben soll. In «The Sound of Music» wäre das fehl am Platz. Heute geht es auch bei Klassikern wie «Das Phantom der Oper» in die modernere Richtung.Es kommt darauf an, wer es inszeniert. Ich singe gerne authentisch. Klar, damit ich gesund singe, muss ich auch technisch arbeiten. Aber ich versuche immer, bei meiner eigenen Stimme zu bleiben. Dass sie so klingt, wie ich klinge.
Wenn die Bühne ruft
Wie kamst Du zum Musical, und was war das für eine Ausbildung?
In dem Musical «Vom Geist der Weihnacht» habe ich schon als Kind gespielt, das erste Mal 2009. Da war ich acht, neun Jahre alt. Ich wusste zwar, dass es etwas Besonderes war, aber trotzdem dachte ich: Was ist das denn, ich stehe hier auf der Bühne, und mir gucken Leute zu? Dann hat es 2015 noch mal geklappt, und da war mir klar: Das möchte ich beruflich machen – oder es zumindest lernen und dann entscheiden. Ich hatte auch überlegt, doch nur Schauspiel zu machen. Dann dachte ich aber: Nee, da fehlt mir das Singen. Ich singe einfach gerne, auch wenn es mir schlecht geht. Es holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich brauche diese Mischung aus Gesang, Tanz und Schauspiel.

im Gespräch © Christiane Reuter
Bist du mit 15 Jahren dann in die Ausbildung eingestiegen?
Gesangsunterricht habe ich schon mit 12, 13 Jahren genommen. Dann habe ich aber erstmal Abi gemacht. Kurzzeitig war ich auch auf der Uni. Aber nach zwei Semestern dachte ich: Mist, ich wollte doch Musicaldarstellerin werden – okay, jetzt oder nie. Dann habe ich mit 21 die Ausbildung angefangen. «Der Geist der Weihnacht» war 2024 meine erste Produktion nach dem Abschluss.
Was für einen Berufsweg hat man da vor sich?
Ich kenne keine zwei Menschen mit der gleichen Laufbahn. Manche fangen an zu unterrichten, manche gehen zum Film und kommen wieder zurück. Manche lassen es komplett sein und fangen zehn Jahre später wieder an. Manche gründen eine Familie, dann wird es schwierig, weiter auf der Bühne zu stehen. Andere machen ihr Leben lang Musical. Ich bin in die Ausbildung reingegangen mit der Frage: Was mache ich später? Kriege ich Jobs? Und ja, das ist schwierig. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich bin breit aufgestellt. Ich habe selbst schon Gesang und Tanz unterrichtet. Mittlerweile verstehe ich aber auch, warum Leute aufhören mit der Bühne. Das ist sehr kräftezehrend. Man ist in einem Job und schon mit den Gedanken bei der nächsten Audition, beim nächsten Vorsprechen … Ein Hamsterrad.
Die ganze Torte: Teamwork im Musical
Wie ist es, als Hauptfigur auf der Bühne zu stehen?
Musical ist viel mehr als das, was die Protagonist:innen machen. Im Hintergrund passiert so viel – schon damit das Bühnenbild lebendig aussieht. Eine Ensembleposition ist superwichtig. Aus dem Ensemble kommen die Backings, die Mehrstimmigkeit. Klar, die Hauptfiguren tragen die Story. Aber ich liebe musikalische Proben fürs Ensemble, du probst praktisch wie ein Chor, intensiv, stundenlang. Es ist anstrengend, weil die Stimme die ganze Zeit arbeitet. Aber das sind auch die Momente, wo ich Gänsehaut bekomme, bei Proben und auf der Bühne. Das ist dann ein Ganzes. Nicht nur ein Tortenstück, sondern eine ganze Torte.
Ist es hauptsächlich das, was Dir Freude an der Arbeit macht?
Ja – und man lernt auch Leute kennen. Man hat immer diesen gemeinsamen Nenner, das Musical und die Leidenschaft dahinter. Es ein bisschen eine Familie, die da zusammenkommt. Und irgendwann muss man wieder Abschied nehmen. Aber wir sagen dann: Man sieht sich fünf Mal im Leben, spätestens bei der nächsten Audition. Bei «Geist der Weihnacht» war ich zuletzt Solistin mit eigener Garderobe – was cool war, aber ich habe auch viel verpasst, was im Ensemble abging. In «Cinderella» war ich im Ensemble und habe das genossen.
Mit Netz und doppeltem Boden: berufliche Absicherung für Darsteller:innen

Haben Musicaldarsteller:innen auch einen Interessenverband? Man hat es ja oft mit Produktionsfirmen zu tun.
Es gibt Berufsorganisationen für Darsteller:innen, zum Beispiel die GDBA [Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger, Anmerkung der Redaktion]. Sich selbst zu vertreten ist anstrengend, und man zieht oft den Kürzeren. Die Gewerkschaft hängt sich auch wirklich rein. Einer Kollegin wurde bei einer Produktionsfirma fristlos gekündigt, die konnte sich mit einem Anwalt zusammensetzen. Die Arbeitsbedingungen sind auch oft hart. Probentage sind unfassbar lang. Und es ist gut, wenn Leute das hinterfragen und sich dafür einsetzen, dass es noch menschlich zugeht und alle mehr Schlaf bekommen als vier Stunden. Es ist einfach ein unfassbarer Haufen Arbeit! Wer auf der Bühne steht, opfert viel Zeit, Zeit für Familienleben, Zeit mit Freunden.
Die Leute glauben einem ja nur, wenn man alles gibt auf der Bühne.
Genau, und man hat auch einen Anspruch an sich selbst. Ich wäre nicht damit zufrieden, bewusst nur 80 Prozent zu geben. Leider gehen viele auch krank auf die Bühne, sonst würde das Stück nur gekürzt oder gar nicht gespielt. Oder die Verträge sind so gestaltet, dass du nicht die Vollgage bekommst, wenn Du mal ausfällst – oder auch gar nichts. Und vom Applaus allein kann man nicht leben.
Hast du schon das nächste Projekt im Auge?
Ja! Das ist ein Musical, an dem Komponist:innen, Regisseur:innen und Darsteller:innen mitgeschrieben haben. Es nennt sich «Im Auge des Sturms». Dabei geht es um Jugendliche, die versuchen, sich in der Welt zurechtzufinden. Musikalisch ist das ziemlich komplex. Das wird, glaube ich, unfassbar gut. Das Musical spricht queere Themen an, und im derzeitigen politischen Klima bekommt es nicht viele Fördergelder. Umso wichtiger ist es, dass wir spielen. Ich glaube, gerade in dem Weltgeschehen, in dem wir uns befinden, müssen wir klar aussprechen: Wir sind alle Menschen, und wir sind alle okay, so wie wir sind.
Wann und wo ist Premiere?
Am 1. Mai 2026, in Fürth. Ich freue mich sehr darauf!
Zur Person
Mascha Kamenskikh ist Musicaldarstellerin und Tanzpädagogin. Als Schülerin war sie Mitglied in zwei Bands und leitete den Chor einer Jugendgruppe. 2021 bis 2024 absolvierte sie ihre Ausbildung an der StageDream Academy in Grefrath. Seitdem steht sie in zahlreichen Musicals in ganz Deutschland auf der Bühne. Sie lebt in Mönchengladbach.