Heavy-Metal-Chöre: Wer Bock hat, macht mit

Autor:in

Friedrich Sprondel

Ausgabe

N° 127 | November 2025

Hea­vy-Metal-Fans erkennt man in der S‑Bahn zu den gro­ßen Spiel­stät­ten der Stadt meis­tens rasch, genau­so wie ande­re. Guns N’ Roses? Band­a­na und melan­cho­li­scher Gesichts­aus­druck. Roland Kai­ser? Pic­co­lo und bun­te Fin­ger­nä­gel. Ramm­stein? Viel Schwarz und düs­te­re Stim­mung. Wenn sich aber unter den Leder­ja­cken dunk­le T‑Shirts span­nen und die Men­ge gemüt­li­che Vor­freu­de aus­strahlt, dann hat man es oft mit einem Metal-Kon­zert zu tun. Hier herrscht ein star­ker Gemein­schafts­geist. Stark, aber ange­nehm unauf­dring­lich.

Musik plus Gemein­schafts­geist ergibt oft: Chor. Das soll die­ser Rund­blick zei­gen, ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Metal-Fans ken­nen ihre Songs und Tex­te und sin­gen ger­ne mit. Den Gesang vom Mosh­pit auf die Büh­ne holen – die­ser Gedan­ke fin­det sich gleich auf meh­re­ren Web­sites, auf denen sich Metal-Chö­re vor­stel­len. Im Mosh­pit wird unge­hemmt getanzt und eben auch mit­ge­sun­gen. Die­ses Ener­gie­le­vel, das ver­zerr­te E‑Gitarren und Hoch­ge­dreh­ter Beat mit sich brin­gen, macht das Gemein­schafts­er­leb­nis nur umso stär­ker.

Metalchöre zwischen Lübeck und Nürnberg

Die Metal-Ener­gie zapf­te bereits 2009 ein Män­ner­chor in Ost­west­fa­len-Lip­pe an. Seit mehr als 15 Jah­ren kom­bi­nie­ren die Her­ren von Shan­tal­li­ca aus Bie­le­feld Shan­tys und Schla­ger mit dem Sound einer Rock­band und haben damit Erfolg. Auch die schwie­ri­ge Zeit der Coro­na- Pan­de­mie hat der Chor über­stan­den, unter ande­rem mit aus­ge­feil­ten Coro­na-Chor­vi­de­os. Im März trat der Chor beim Wacken Open Air auf, im Mai feu­er­te er den Bie­le­fel­der Klub Armi­nia beim DFB-Pokal-End­spiel in Ber­lin an.

Etli­che Metal-Chö­re wur­de in den 2010er-Jah­ren gegrün­det, und immer noch kom­men neue dazu. So fand sich 2017 in Ber­lin der Chor Stimm­ge­walt zusam­men. Mit sie­ben Frau­en- und fünf Män­ner­stim­men defi­niert er sich als Vocal Band und tritt a cap­pel­la auf. Schlag­zeug wird per Beat­boxing erzeugt. Sein Reper­toire nennt der Chor «Dark a cap­pel­la ». Es geht dabei weni­ger um Tem­po und Ener­gie als um ein Spiel mit «dunk­ler» Sym­bo­lik. Stimm­ge­walt nahm Weih­nachts­tracks auf, die frei nach H. P. Love­craft dem «gro­ßen Alten» Cthul­hu hul­dig­ten statt dem Jesus­kind . Iro­ni­sches A Cap­pel­la in düs­ter.

Eben­falls 2017 traf sich der Metal­Chor Müns­ter zum ers­ten Mal. Und auch hier hat die Gemein­schaft die Pan­de­mie über­stan­den. Der Chor lädt nach wie vor zu sei­nen Pro­ben in ein Gym­na­si­um in Müns­ter ein und singt bei sei­nen Auf­trit­ten- ger­ne im Frei­en- auch mal mit einer Akus­tik-Band.

Ein Heavy-Metal-Franchise und seine Ableger

2018 ent­stand in Nord­deutsch­land sogar ein Hea­vy-Metal-Fran­chise. Um den Chor­lei­ter Chris­ti­an Son­der­mann bil­de­ten sich unter dem Namen Doom Birds – im Gespräch war auch «Doom­spat­zen» – Hea­vy-Metal-Chö­re in Ham­burg und Lübeck, bald kamen Aus­grün­dun­gen in Essen, Nürn­berg, Kiel und im Alten Land dazu. «Chap­ters» nann­ten sich die Satel­li­ten­chö­re, wie die Orts­grup­pen von Rocker­ban­den. Die Idee: ein­fa­che Arran­ge­ments von Metal-Titeln und Eigen­kom­po­si­tio­nen in mar­ki­gem A‑cap­pel­la-Gesang, dazu eine Akus­tik- oder E‑Gitarre, die mit Powerchords für den Metal-Sound sor­gen. Gleich 2018 schaff­ten es die Doom Birds auf das Wacken Open Air – und in die Medi­en, dank flei­ßi­ger Social-Media-Arbeit. Das Nürn­ber­ger Chap­ter mach­te sich schon 2019 selbst­stän­dig unter dem Namen Stim­men­ge­wit­ter. Der Chor tritt mit Akus­tik- oder E‑Gitarre auf und singt laut und herz­haft bekann­te Metal- und Hard­rock-Titel. Beim Auf­tritt auf dem Deut­schen Chor­fest 2025 in Nürn­berg war die Ener­gie mit Hän­den zu grei­fen. Eben­falls in Nürn­berg fand sich 2020 der Chor Lou­der than Ducks zusam­men, um gemein­sam Metal‑, Punk- und Rock-Titel zu sin­gen, unter­stützt von Akus­tik- und Wes­tern­gi­tar­re. 2023 nann­te sich der Chor um zu Bards of Metal. Er ist regel­mä­ßig auf den Nürn­ber­ger Bar­den tref­fen und an ande­ren Orten in Fran­ken zu hören. Den bis­her jüngs­ten Metal-Chor grün­de­te Sän­ge­rin und Chor­lei­te­rin Jele­na Dobric gemein­sam mit dem Ver­ein «30666 – City of Metal» in Han­no­ver. Dem Chor Metal­Mor­phix gelang es auf Anhieb, rund 40 Mitsänger:innen zu gewin­nen. Schon im März 2025 konn­te er ein Kon­zert auf die Büh­ne brin­gen (Link zum Inter­view).

Musikalische Vielfalt und entspannte Offenheit

Musi­ka­lisch ist die Band­brei­te bei den Chö­ren groß. Sie reicht vom gepfleg­ten A‑cap­pel­la-Klang bei Stimm­ge­walt bis hin zu zwei- bis drei­stim­mi­gen Arran­ge­ments, die sich leicht aus­wen­dig ler­nen las­sen. Die Chö­re brin­gen sie herz­haft – Stim­men­ge­wit­ter, Nor­t­hern Ravens, Tunes of Dark­ness – oder ganz locker – Metal­Chor Müns­ter, Bards of Metal – über die Ram­pe, die auch mal ein Stadt­park oder ein Bal­kon sein kann. Sowohl Män­ner als auch Frau­en gehen dabei ger­ne in tie­fe Lagen. Metal eben.

So unter­schied­lich die For­ma­tio­nen aber sind: Sie alle eint die Lie­be zum Hea­vy Metal, zu sei­nem ener­gie­vol­len Sound, zu sei­nen teils düs­te­ren und pro­vo­zie­ren­den, teils nach­denk­li­chen Tex­ten. Aber nicht nur das. Bei den meis­ten Chö­ren fin­den sich Aus­sa­gen wie beim Nürn­ber­ger Stim­men­ge­wit­ter: «Schwar­ze Scha­le, bun­ter Kern!» In sei­nem Leit­bild schreibt der Chor: «Spaß und gute Lau­ne ste­hen vor Leis­tungs­druck und Per­fek­ti­on … Wir möch­ten, dass unse­re Mit­glie­der sich in unse­rem Chor will­kom­men und sicher füh­len, egal woher sie kom­men, wie sie aus­se­hen, wen sie lie­ben oder wor­an sie glau­ben.» Auch beim Metal­Chor Müns­ter heißt es: «Ein Ein­stieg ist jeder­zeit mög­lich, Sin­g­er­fah­rung oder groß­ar­ti­ge Bega­bung sind nicht nötig. Alle Men­schen, die sin­gen möch­ten und Metal mögen, sind will­kom­men.» Und der Metal­chor e. V. schreibt über sich: «Du kannst nicht sin­gen? Scheiß­egal. Wir sin­gen, weil wir Bock dar­auf haben, und för­dern unse­re musi­ka­li­schen Talen­te, so gut wir es eben kön­nen. Komm vor­bei!»

Und da ist er: der star­ke, ent­spann­te Gemein­schafts­geist, den Hea­vy Metal sei­nen Fans ein­flößt. Wie er einem auch in der S‑Bahn begeg­net, wenn star­ke und ent­spann­te Men­schen einem Abend mit Iron Mai­den ent­ge­gen­gon­deln.

Portrait von Friedrich Sprondel

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Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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