Heavy-Metal-Chöre: Wer Bock hat, macht mit
Heavy-Metal-Fans erkennt man in der S‑Bahn zu den großen Spielstätten der Stadt meistens rasch, genauso wie andere. Guns N’ Roses? Bandana und melancholischer Gesichtsausdruck. Roland Kaiser? Piccolo und bunte Fingernägel. Rammstein? Viel Schwarz und düstere Stimmung. Wenn sich aber unter den Lederjacken dunkle T‑Shirts spannen und die Menge gemütliche Vorfreude ausstrahlt, dann hat man es oft mit einem Metal-Konzert zu tun. Hier herrscht ein starker Gemeinschaftsgeist. Stark, aber angenehm unaufdringlich.
Musik plus Gemeinschaftsgeist ergibt oft: Chor. Das soll dieser Rundblick zeigen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Metal-Fans kennen ihre Songs und Texte und singen gerne mit. Den Gesang vom Moshpit auf die Bühne holen – dieser Gedanke findet sich gleich auf mehreren Websites, auf denen sich Metal-Chöre vorstellen. Im Moshpit wird ungehemmt getanzt und eben auch mitgesungen. Dieses Energielevel, das verzerrte E‑Gitarren und Hochgedrehter Beat mit sich bringen, macht das Gemeinschaftserlebnis nur umso stärker.
Metalchöre zwischen Lübeck und Nürnberg
Die Metal-Energie zapfte bereits 2009 ein Männerchor in Ostwestfalen-Lippe an. Seit mehr als 15 Jahren kombinieren die Herren von Shantallica aus Bielefeld Shantys und Schlager mit dem Sound einer Rockband und haben damit Erfolg. Auch die schwierige Zeit der Corona- Pandemie hat der Chor überstanden, unter anderem mit ausgefeilten Corona-Chorvideos. Im März trat der Chor beim Wacken Open Air auf, im Mai feuerte er den Bielefelder Klub Arminia beim DFB-Pokal-Endspiel in Berlin an.
Etliche Metal-Chöre wurde in den 2010er-Jahren gegründet, und immer noch kommen neue dazu. So fand sich 2017 in Berlin der Chor Stimmgewalt zusammen. Mit sieben Frauen- und fünf Männerstimmen definiert er sich als Vocal Band und tritt a cappella auf. Schlagzeug wird per Beatboxing erzeugt. Sein Repertoire nennt der Chor «Dark a cappella ». Es geht dabei weniger um Tempo und Energie als um ein Spiel mit «dunkler» Symbolik. Stimmgewalt nahm Weihnachtstracks auf, die frei nach H. P. Lovecraft dem «großen Alten» Cthulhu huldigten statt dem Jesuskind . Ironisches A Cappella in düster.
Ebenfalls 2017 traf sich der MetalChor Münster zum ersten Mal. Und auch hier hat die Gemeinschaft die Pandemie überstanden. Der Chor lädt nach wie vor zu seinen Proben in ein Gymnasium in Münster ein und singt bei seinen Auftritten- gerne im Freien- auch mal mit einer Akustik-Band.
Ein Heavy-Metal-Franchise und seine Ableger
2018 entstand in Norddeutschland sogar ein Heavy-Metal-Franchise. Um den Chorleiter Christian Sondermann bildeten sich unter dem Namen Doom Birds – im Gespräch war auch «Doomspatzen» – Heavy-Metal-Chöre in Hamburg und Lübeck, bald kamen Ausgründungen in Essen, Nürnberg, Kiel und im Alten Land dazu. «Chapters» nannten sich die Satellitenchöre, wie die Ortsgruppen von Rockerbanden. Die Idee: einfache Arrangements von Metal-Titeln und Eigenkompositionen in markigem A‑cappella-Gesang, dazu eine Akustik- oder E‑Gitarre, die mit Powerchords für den Metal-Sound sorgen. Gleich 2018 schafften es die Doom Birds auf das Wacken Open Air – und in die Medien, dank fleißiger Social-Media-Arbeit. Das Nürnberger Chapter machte sich schon 2019 selbstständig unter dem Namen Stimmengewitter. Der Chor tritt mit Akustik- oder E‑Gitarre auf und singt laut und herzhaft bekannte Metal- und Hardrock-Titel. Beim Auftritt auf dem Deutschen Chorfest 2025 in Nürnberg war die Energie mit Händen zu greifen. Ebenfalls in Nürnberg fand sich 2020 der Chor Louder than Ducks zusammen, um gemeinsam Metal‑, Punk- und Rock-Titel zu singen, unterstützt von Akustik- und Westerngitarre. 2023 nannte sich der Chor um zu Bards of Metal. Er ist regelmäßig auf den Nürnberger Barden treffen und an anderen Orten in Franken zu hören. Den bisher jüngsten Metal-Chor gründete Sängerin und Chorleiterin Jelena Dobric gemeinsam mit dem Verein «30666 – City of Metal» in Hannover. Dem Chor MetalMorphix gelang es auf Anhieb, rund 40 Mitsänger:innen zu gewinnen. Schon im März 2025 konnte er ein Konzert auf die Bühne bringen (Link zum Interview).
Musikalische Vielfalt und entspannte Offenheit
Musikalisch ist die Bandbreite bei den Chören groß. Sie reicht vom gepflegten A‑cappella-Klang bei Stimmgewalt bis hin zu zwei- bis dreistimmigen Arrangements, die sich leicht auswendig lernen lassen. Die Chöre bringen sie herzhaft – Stimmengewitter, Northern Ravens, Tunes of Darkness – oder ganz locker – MetalChor Münster, Bards of Metal – über die Rampe, die auch mal ein Stadtpark oder ein Balkon sein kann. Sowohl Männer als auch Frauen gehen dabei gerne in tiefe Lagen. Metal eben.
So unterschiedlich die Formationen aber sind: Sie alle eint die Liebe zum Heavy Metal, zu seinem energievollen Sound, zu seinen teils düsteren und provozierenden, teils nachdenklichen Texten. Aber nicht nur das. Bei den meisten Chören finden sich Aussagen wie beim Nürnberger Stimmengewitter: «Schwarze Schale, bunter Kern!» In seinem Leitbild schreibt der Chor: «Spaß und gute Laune stehen vor Leistungsdruck und Perfektion … Wir möchten, dass unsere Mitglieder sich in unserem Chor willkommen und sicher fühlen, egal woher sie kommen, wie sie aussehen, wen sie lieben oder woran sie glauben.» Auch beim MetalChor Münster heißt es: «Ein Einstieg ist jederzeit möglich, Singerfahrung oder großartige Begabung sind nicht nötig. Alle Menschen, die singen möchten und Metal mögen, sind willkommen.» Und der Metalchor e. V. schreibt über sich: «Du kannst nicht singen? Scheißegal. Wir singen, weil wir Bock darauf haben, und fördern unsere musikalischen Talente, so gut wir es eben können. Komm vorbei!»
Und da ist er: der starke, entspannte Gemeinschaftsgeist, den Heavy Metal seinen Fans einflößt. Wie er einem auch in der S‑Bahn begegnet, wenn starke und entspannte Menschen einem Abend mit Iron Maiden entgegengondeln.