Schon Aristoteles wusste: Die Stimme ist Spiegel der Seele. Atem, Stimme, Sprache und Seele hängen wesentlich zusammen, dirigieren unser Selbstbewusstsein wie unsere Präsenz – und umgekehrt. Sprechstimme und Singstimme fungieren zum einen als Ausdrucksmittel zum Zweck der Kommunikation sowie der künstlerischen Äußerung. Zum anderen ist die Stimme ein Instrument, das wesentlich Durchsetzungskraft und Selbstbehauptung beeinflusst. Zwei Chorsängerinnen berichten aus eigener Erfahrung, was Stimmbildung für Menschen mit physischer Behinderung leisten kann.
Singen im Chor mit Hindernissen
Wiebke Richter ist Diplom-Psychologin, Familientherapeutin und Beraterin für Behinderte bei PHÖNIX in Regensburg nach dem Prinzip des Peer Counseling, das bedeutet: Beratung für Menschen mit Behinderung, von Menschen mit Behinderung. Seit 2020 ist sie für die Partei Die Grünen im Regensburger Stadtrat aktiv, seit 2023 im Oberpfälzer Bezirkstag sowie im Sozial- und im Kulturausschuss tätig. Außerdem engagiert sie sich in zahlreichen Initiativen, Netzwerken und Projekten für Barrierefreiheit und Inklusion. Auf Landes- und Bundesebene setzt sie sich für eine starke Behindertenpolitik ein. Sie ist leidenschaftliche Chorsängerin.
Ihr Leben lang hat sie in kleinen und großen Chören gesungen, das Chorsingen ist ihr Freude und Notwendigkeit gleichermaßen. Sie hat ein Faible für klassische Musik – das Problem: In einer Stadt wie Regensburg ist die Auswahl allgemein nicht so groß, und dann proben viele im Turm! Was sich für die einen charmant liest, ist für die anderen eine nicht zu bewältigende Hürde. Wiebke hat eine angeborene Muskelerkrankung und ist daher auf einen Rollstuhl angewiesen, um mobil sein zu können. Damit geht einher, dass sie mehr als laufende Zweibeiner Spannung aufbringen muss. Sie singt im zweiten Sopran, in die Höhe gibt es Grenzen. Es erfordert sehr viel Atemübung, um Töne halten zu können. Durch vergleichsweise eingeschränktes Lungenvolumen ist sie auf gute Stimmbildung angewiesen. Jahrelang nahm sie privaten Gesangsunterricht, um ihre Stimme fit zu halten. Dies in Kombination mit regelmäßiger und vielseitiger Chortätigkeit ist das beste Training.
«Im Chor ist man klanglich eingebettet. Das ist ein sehr sanfter Zugang zur eigenen Wirksamkeit.»
Singen ist gesund und macht Spaß
Als Kind hatte Wiebke aufgrund ihrer Erkrankung große Atemprobleme. Die Eltern erkannten jedoch früh ihr musikalisches Talent und förderten ihren Gesang. Siehe da, das Atmen wurde merklich besser. Und nicht nur das: Gemeinschaftliches Singen im Chor bringt bekanntlich positive soziale Erfahrungen mit sich. Dabei geht es auch um Selbsterfahrung – sich artikulieren, der eigenen Stimme Ausdruck verleihen und dadurch Selbstbewusstsein entwickeln. «Im Chor ist man klanglich eingebettet. Das ist ein sehr sanfter Zugang zur eigenen Wirksamkeit», meint Wiebke, die durch ihre eigene Lebenserfahrung und ihre Expertise in Psychologie hier ein wirksames therapeutisches Mittel benennt – eines, das Spaß macht. Introvertierte Menschen lernen so, aus sich herauszugehen und die eigene Stimme zu entdecken.
Stimmtraining, Atemtraining und Haltung
Muskeln verlernen ganz schnell, wenn man sie nicht trainiert – das weiß jede:r von uns. Wie andere ihre Atmung durch Joggen routinieren, macht Wiebke Richter mehrfach täglich Zwerchfellübungen, meist noch vor dem Aufstehen und zwischendurch immer wieder, vor allem wenn sie kurzatmig wird. Das verhindert, dass die Stimme ‹brüchig› wird. Durch den Unterricht hat sie gelernt, trotz eingeschränkter Muskelfunktion den Ton zu halten. «Wenn man mit Stütze arbeitet, wird man lauter, ohne viel Kraft und Luft reinzugeben. Der Atem fließt, obwohl kein Atem da ist. Die Stimme muss ja den ganzen Raum erfüllen, ohne Mikrofon. Viele Rollstuhlfahrer:innen sind sehr leise, das kommt von der Haltung her. Die Muskulatur entwickelt sich anders. Abgesehen davon sitzt man einfach eine Ebene tiefer – sich da stimmlich durchzusetzen, kann helfen, sichtbar zu werden. Man muss sich im Sitzen den Raum erobern.» Es geht also um Haltung, innere wie äußere. Stimmbildung ist wichtig, um möglichst viel aus sich selbst herauszuholen.
Inklusiver Chor Thonkunst
Jana Hellem leitet den inklusiven Chor Thonkunst in Leipzig. Das bekannte A‑cappella-Ensemble – benannt nach dem Leipziger Stadtteil Thonberg – ist in der Öffentlichkeit durch Konzerte sehr präsent und hat schon einige Preise eingeheimst. Das Repertoire reicht von klassischen Madrigalen über moderne Popsongs bis hin zu Stücken mit Jazz- und Soul-Einflüssen. Der Chor verbindet Menschen mit und ohne Behinderungen; letztere sind sehr divers.
Atemtechnik vom Kung-Fu-Großmeister
Jana berichtet, dass die Schwierigkeiten bei einem Ensemble mit verschiedenen körperlichen Voraussetzungen sich nicht so sehr unterscheiden – zumindest, was die Probenarbeit anbelangt. Volumen ist nicht das Problem, eher die Atmung. Vor einigen Jahren haben sie sich Unterstützung geholt: von dem vietnamesischen Kung-Fu-Großmeister Chu Tan Cuong aus Halle, der selbst auch musikalisch ausgebildet ist und eine spezielle Atemtechnik entwickelte. Er hat beachtliche therapeutische Ergebnisse bei Menschen erzielt, die durch einen Unfall querschnittsgelähmt sind. Das habe sie meilenweit nach vorne gebracht, erzählt Jana, vor allem die Körperbeherrschung. So lernten die Chorsänger:innen auch Techniken, um der eigenen Aufregung zu begegnen.
Singen und mehr im inklusiven Chor
«Stimme ist das eine, aber der Transport der Musik geht viel über Optik», verrät Jana Hellem noch. Da der Chor viele öffentliche Auftritte hat, misst sie der Präsenz eine besondere Bedeutung bei: «Das fängt bei der Kleidung an, geht über Haltung, Mimik, Gestik.» Daher machen sie Videoaufnahmen, um die Wirkung zu sehen. Die Chormitglieder lernen die Texte auswendig – das schafft sowohl mehr Ausdruck auf der Bühne als auch mehr Stimmvolumen. Ferner können sich die Sänger:innen so eher auf den Rhythmus konzentrieren. Das ist besonders bei Polyphonie wichtig. Manche Teilnehmende würden lange brauchen, um mehrstimmig singen zu können. Sie haben aufgrund ihrer Vita wenig Erfahrung in der Körperlichkeit, haben bestimmte Entwicklungsstufen nicht durchlaufen, motorische Einschränkungen. Die Musik schafft Zugang, baut Hemmungen und Spannungen ab.
Fokus: Stimmbild
In der Themenstrecke «Fokus: Stimmbild» beschäftigen wir uns mit den vielfältigen Gegebenheiten, Funktionen und Eigenarten der Stimme. Wir schauen uns anatomische, physiologische und psychologische Zusammenhänge an, verfolgen Methoden der Stimmbildung und Stimmpflege für verschiedene Anwendungsbereiche, fragen nach besonderen Gesangstechniken in ungewöhnlichen oder extremen Musikstilen und beschäftigen uns mit der Stimme als Instrumentarium unserer Intentionen.
