Kapellmeister als Held – Ruhm und Nachruhm Palestrinas

Autor:in

Jens Berger

Ausgabe

N° 128 | Januar 2026

War­um wur­de ein Ita­lie­ner aus der Hoch­re­nais­sance, Gio­van­ni Pier­lui­gi da Pal­estri­na (wahr­schein­lich 1525 bis 1594) im roman­ti­schen Deutsch­land zum Inbild «rei­ner Kir­chen­mu­sik»? Bereits im 17. Jahr­hun­dert begann die Ver­eh­rung Pal­estri­nas – und sie hielt an wie bei kei­nem ande­ren Kom­po­nis­ten. Johann Joseph Fux mach­te in sei­nem didak­ti­schen Klas­si­ker Gra­dus ad Par­nas­sum (1725) die von ihm so ver­stan­de­ne pal­estri­ni­sche Kon­tra­punkt­leh­re zur Norm, der Gene­ra­tio­nen von Kompositionsschüler:innen folg­ten. Hier stan­den noch nicht der Künst­ler und sei­ne Kunst im Vor­der­grund, son­dern sein Werk­zeug und sei­ne Tech­nik: ein Regel­ka­non der Dis­so­nanz­bän­di­gung und Stimm­füh­rung. Ein «roman­ti­scher» Pal­estri­na, der gleich­sam als his­to­ri­sche Gestalt die Gegen­wart zu prä­gen schien, gewann erst im 19. Jahr­hun­dert Kon­tur.

Palestrinas Nachleben – Entstehung einer Legende

Wie kam es dazu? His­to­ris­mus lag um 1800 in der Luft, und Pal­estri­nas Musik wur­de geschätzt als klar, aus­ge­wo­gen, natür­lich, dabei kunst­fer­tig und expres­siv, ohne je eksta­tisch zu wer­den. Sei­ne Mys­ti­fi­zie­rung ging mit­un­ter jedoch so weit, in ihm den «Jesus Chris­tus der Musik» zu sehen (Alex­and­re-Éti­en­ne Cho­ron, 1811). Dazu trug auch E. T. A. Hoff­mann ent­schei­dend bei, der es 1814 in sei­nem Auf­satz «Alte und neue Kir­chen­mu­sik» auf den Punkt brach­te: «alles Welt­li­che ver­ach­tend und ver­schmä­hend … es ist wahr­haf­te Musik aus der andern Welt (musi­ca dell’altro mon­do).»

Palestrina als bärtiger Mann in reich verziertem Oberteil blickt zum Betrachter.
Gio­van­ni Pier­lui­gi da Pal­estri­na, wie ihn Hen­ri-Joseph Hes­se 1828 sah © Wiki­me­dia Com­mons

Zum Fun­ken wur­de eine Bio­gra­fie: Giu­sep­pe Bai­ni ver­öf­fent­lich­te 1828 – ein Jahr vor Felix Men­dels­sohns tri­um­pha­ler Wie­der­auf­füh­rung von Bachs Mat­thä­us-Pas­si­on – sei­ne «Memo­rie sto­ri­co-cri­ti­che del­la vita e del­le ope­re di G. P. Pal­estri­na». Die­ses Buch mach­te den Kom­po­nis­ten zum prin­ceps musi­cae, zum Fürs­ten der Musik, und knüpf­te ihn an die Legen­de vom Kon­zil von Tri­ent, das die Kir­che und die Kir­chen­mu­sik neu ord­nen und ein­rich­ten woll­te. Dem­nach habe Pal­estri­na 1555 mit sei­ner Mis­sa Papae Mar­cel­li bewie­sen, dass mehr­stim­mi­ge Kir­chen­mu­sik ver­ständ­lich und wür­dig sein kön­ne, und damit das dro­hen­de Ver­bot der Poly­pho­nie abge­wen­det. His­to­risch ist das so nicht halt­bar; das Kon­zil hat kei­ne all­ge­mei­ne Poly­pho­nie-Sper­re ver­hängt, Pal­estri­na war kein ein­zel­ner Ret­ter, die Mes­se sowie­so schon vor­her fer­tig, aber die Legen­de wirk­te stark: Sie gab Pal­estri­na in der katho­li­schen Welt des 19. Jahr­hun­derts die Rol­le eines musi­ka­li­schen Hei­li­gen, eines Maß­stabs für «wah­re» lit­ur­gi­sche Kunst.

Palestrina in Deutschland: Am richtigen Ort …

War­um fiel dies gera­de im deutsch­spra­chi­gen Raum auf frucht­ba­ren Boden? Nach den napo­leo­ni­schen Umbrü­chen erstark­te eine kirch­li­che Erneue­rungs­be­we­gung, die sich auch musi­ka­lisch von der Opern­äs­the­tik lösen woll­te, wie sie vie­ler­orts den Got­tes­dienst domi­nier­te. In die­ser Atmo­sphä­re gewann Pal­estri­na Auto­ri­tät als Gegen­fi­gur zum Büh­nen­pa­thos: still, trans­pa­rent, text­nah, kon­tem­pla­tiv. Zugleich befeu­er­te der His­to­ris­mus das Inter­es­se an alten Quel­len, Metho­den und Sti­len. Wie die Ber­li­ner Sing-Aka­de­mie unter Carl Fried­rich Zel­ter bei Bach und Hän­del his­to­ri­sche Boden­haf­tung such­te, sehn­te sich auch die katho­li­sche Kir­chen­mu­sik nach einem gleich­sam gerei­nig­ten Fun­da­ment.

Insti­tu­tio­nell trug vor allem Regens­burg Pal­estri­nas Wie­der­auf­stieg. Carl Pro­s­ke (1794–1861) sam­mel­te und edier­te ab den 1830er-Jah­ren alte Kir­chen­mu­sik in sei­ner Rei­he Musi­ca Divina. Franz Xaver Haberl grün­de­te 1874 die Kir­chen­mu­sik­schu­le in Regens­burg, lei­te­te den All­ge­mei­nen Cäci­li­en-Ver­band für Deutsch­land mit und war trei­ben­de Kraft der ers­ten gro­ßen Gesamt­aus­ga­be Pal­estri­nas bei Breit­kopf & Här­tel. Die­se Edi­ti­on mach­te vie­le Wer­ke zugäng­lich und präg­te mit reich­li­chen edi­to­ri­schen Ein­grif­fen das Bild vom Pal­estri­na-Klang. Zugleich eta­blier­te sich mit der Cäci­li­en­be­we­gung ein Kanon des­sen, was man als lit­ur­gisch ange­mes­sen erach­te­te: a cap­pel­la, kla­re Text­be­hand­lung, moda­le Wen­dun­gen und dis­zi­pli­niert behan­del­te Dis­so­nan­zen, Ver­zicht auf instru­men­ta­le kolo­ris­ti­sche Zuga­ben. Pal­estri­na als Ide­al zu fol­gen, hieß aber nicht zurück­zu­bli­cken und nach­zu­ah­men, son­dern Nor­men und Regeln zu fol­gen. Was das für die neu­en Wer­ke bedeu­te­te, wird noch zu sehen sein, aber für das Fach der Musik­wis­sen­schaft und die prak­ti­sche Musi­zier­aus­bil­dung wur­de die sys­te­ma­ti­sche­re und pro­fes­sio­nel­le­re Beschäf­ti­gung mit Alter Musik schon mal zu einem wesent­li­chen Motor.

Palestrina in Deutschland: … zur richtigen Zeit

Für das Kom­po­nie­ren im 19. Jahr­hun­dert indes hieß es: Der Kon­tra­punkt erwach­te zu neu­em Leben. Kanon, Imi­ta­ti­on und Fuge blie­ben ohne­hin vital, alte For­men wur­den neu gefüllt oder neue ent­wi­ckelt. A‑cap­pel­la-Wer­ke rück­ten wie­der stär­ker in den Mit­tel­punkt des Kom­po­nie­rens für Chö­re. Und damit wur­de Chor­kom­po­nie­ren ein eigen­stän­di­ges Feld, nicht bloß Neben­pro­dukt des Büh­nen- oder Orches­ter­be­triebs.

Was zeich­ne­te nun die neu­en Wer­ke unter altem Lich­te aus? Pal­estri­na stand für eine Kunst, die dem Wort die­nen will, ohne Selbst­zweck, Thea­tra­lik und Pathos. Für eine hand­werk­lich sou­ve­rä­ne, ele­gan­te und stets um idea­le Balan­ce bemüh­te Mehr­stim­mig­keit, die so zeit­los und läu­ternd ist, dass sie immer als ret­ten­der Anker die­nen kann, wenn sich – mal wie­der – Kir­chen­mu­sik in der Kri­se wähnt. Damit war sie zugleich iden­ti­täts­stif­tend und kon­fes­si­ons­über­grei­fend. Gera­de auf katho­li­scher Sei­te ent­stan­den zahl­lo­se Mes­sen und Motet­ten, die die­sen soge­nann­ten sti­le anti­co auf­nah­men, ohne bloß expe­ri­men­tel­le Archäo­lo­gie zu betrei­ben.

Prüfstein Palestrina – Renaissance bei Bruckner, Rheinberger, Liszt

Vie­le mach­ten sich ans Werk; auch gro­ße Namen fehl­ten nicht. Anton Bruck­ner, mehr als ordent­lich aus­ge­bil­det im stren­gen Kon­tra­punkt, ver­band in sei­nen Motet­ten pal­estri­ni­sche Vokal­li­ni­en mit spät­ro­man­ti­scher Har­mo­nik; die Osan­na-Fugen in sei­nen Mes­sen set­zen auf kla­ren, anti­ki­sie­ren­den Ton­satz und rei­chern ihn mit moder­nen Far­ben an. Josef Rhein­ber­ger schrieb eben­falls Mes­sen und Motet­ten, deren trans­pa­ren­te Tex­tur bewusst an die Renais­sance erin­nert, und sah im Kon­tra­punkt ohne­hin die Grund­la­ge jeder kom­po­si­to­ri­schen Bil­dung. Wer künst­le­risch inte­ger sein wol­le, kom­me nicht ohne ihn aus. Franz Liszt beschritt kom­po­si­to­risch zwar auch vie­le ande­re Wege, such­te aber zum Bei­spiel in sei­ner Mis­sa cho­ra­lis und in sei­nen Zyklen Rosa­rio und Via Cru­cis eine schlich­te, uner­war­tet aske­ti­sche Vokal­spra­che: mit moda­len Far­ben, line­ar geführ­ten Stim­men, ganz fern von Opern­schmelz und Vir­tuo­sen­tum. Dabei ver­zich­te­te er sogar auf eini­ge sei­ner gelieb­ten Oktav­par­al­le­len. Auch am Kla­vier gewähr­te Liszt Pal­estri­na Ein­zug: in den Can­tus-fir­mus-Varia­tio­nen sei­nes Mise­re­re d’après Pal­estri­na (Har­mo­nies poé­ti­ques et reli­gieu­ses No. 8).

Drei Portraits der Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, Anton Bruckner und Franz Liszt
Die Kom­po­nis­ten Josef Gabri­el Rhein­ber­ger, Anton Bruck­ner und Franz Liszt grif­fen den soge­nann­ten Pal­estri­nastil in ihren Wer­ken auf © Wiki­me­dia Com­mons

Wie Liszt setz­ten sich unter ande­rem auch Ver­di, Debus­sy und Richard Wag­ner mit Pal­estri­na aus­ein­an­der und für ihn ein. Wag­ner, kein Kost­ver­äch­ter, wenn es um gro­ße Chö­re geht, ließ die ange­nom­me­ne alte Mehr­chö­rig­keit in sei­nem Lie­bes­mahl der Apos­tel (1843) auf­le­ben. In sei­nen Schrif­ten geriet er ins metay­phy­si­sche Schwär­men, erleb­te bei Pal­estri­na eine «geis­ti­ge Offen­ba­rung, von wel­cher wir daher mit so unsäg­li­cher Rüh­rung ergrif­fen wer­den, weil sie uns zugleich deut­li­cher als alles ande­re das inners­te Wesen der Reli­gi­on, frei von jeder dog­ma­ti­schen Begriffs­fik­ti­on, zum Bewußt­sein bringt» (1870). Ihn rühr­ten vor allem die Farb- und Akkord­wech­sel, die Har­mo­nien. Fest im Dur-Moll-Sys­tem ver­an­kert, konn­te das Publi­kum im 19. Jahr­hun­dert gar nicht anders, als hier har­mo­ni­sche Stu­fen zu hören.

In pro­tes­tan­ti­schen Krei­sen blick­te man noch wei­ter über den enge­ren lit­ur­gi­schen Rah­men hin­aus. Johan­nes Brahms, weder Cäci­lia­ner noch sonst­wie dog­ma­tisch, setz­te sei­nen Motet­ten op. 29 und 74 in einem gelehr­ten, text­be­zo­ge­nen Chor­stil, der kon­tra­punk­ti­sche Kunst nicht zitiert, son­dern neu lebt. Zwar ver­dankt sich vie­les bei ihm eher der Bach-Lek­tü­re, zum Bei­spiel die Pas­sa­ca­glia am Schluss sei­ner vier­ten Sym­pho­nie, doch dass die Roman­ti­ker über­haupt die Kunst der «alten Meis­ter» in ihre Wer­ke ein­flie­ßen lie­ßen, ist Pal­estri­na min­des­tens mit zu dan­ken.

Erwachendes Verstehen: Wie das 19. Jahrhundert Palestrina aufführte

So ist auch die Wir­kung auf die Kom­po­si­ti­ons­aus­bil­dung nicht zu unter­schät­zen. Das 19. Jahr­hun­dert sah im Pal­estri­na-Kon­tra­punkt nicht nur eine Schu­le der Tech­nik, son­dern eine der Wahr­haf­tig­keit und Red­lich­keit: Wer Dis­so­nan­zen beherrscht, Tex­tu­ren balan­ciert, Stim­men selbst­stän­dig führt und sich dabei treu an etli­che Stimm­füh­rungs­re­geln hält, lernt, sorg­sam mit sei­nem Mate­ri­al umzu­ge­hen. Die bes­ser zugäng­li­chen Quel­len in Neu­edi­tio­nen boten greif­ba­re Bei­spie­le für Pra­xis und Unter­richt. Gleich­zei­tig flos­sen auf Sei­ten der Her­aus­ge­ber edi­to­ri­sche Ent­schei­dun­gen ins Ver­ständ­nis die­ser Musik ein, etwa die Fra­ge nach hin­zu­zu­set­zen­den Vor­zei­chen, die Pal­estri­nas Zeit­ge­nos­sen mut­maß­lich als selbst­ver­ständ­lich weg­ge­las­sen haben, sowie nach Men­su­ral­no­ta­ti­on und deren Moder­ni­sie­rung. So klang Pal­estri­na im 19. Jahr­hun­dert: groß besetzt, lang­sam und voll roman­tisch-war­mer Fül­le, die der Musik ihre Schär­fen nahm. Dass wir heu­te, his­to­risch genau­er infor­miert, wie­der fei­ner phra­sie­ren, leich­ter arti­ku­lie­ren und Klang­far­ben­dif­fe­ren­zen mit Sinn fül­len, ändert nichts dar­an: Ohne den roman­ti­schen Pal­estri­na gäbe es den moder­nen nicht.

Einen wesent­li­chen Anteil dar­an trug der Cäci­lia­nis­mus, der Pal­estri­na zur Leit­fi­gur für musik-lit­ur­gi­sche Erneue­rung erhob, auch wenn nur weni­ge Wer­ke der Cäci­li­en­ver­eins­kom­po­nis­ten der Rezep­ti­ons­ge­schich­te stand­hiel­ten. In Pri­vat­zir­keln und auf gro­ßen Kon­zert­büh­nen wur­de nun Pal­estri­na auf­ge­führt, oft sehr kräf­tig besetzt. In den 1840ern wid­me­ten sich gan­ze Män­ner­chor­fes­ti­vals der Renais­sance­po­ly­pho­nie und ver­hal­fen ihr zu neu­er Blü­te.

Wo das puris­ti­sche Ide­al des Cäci­lia­nis­mus sich anschick­te, zur Norm anzu­schwel­len, gerie­ten aller­dings damit ande­re Tra­di­ti­ons­li­ni­en aufs Neben­gleis. Etwa die rei­che­re Instru­men­tal­pra­xis in Nord­ita­li­en, die volks­tüm­li­cher gepräg­te Kir­chen­mu­sik man­cher Gegen­den oder die Hybrid­for­men zwi­schen Oper und Lit­ur­gie. Und bei aller Hin­ga­be ans Vor­bild Pal­estri­na haben man­che sei­ner Epi­go­nen zu sehr den Blick ver­engt und jene Aspek­te des Kom­po­nie­rens aus den Augen ver­lo­ren, die nicht in Regel­wer­ken zu fas­sen sind. Franz Liszt nann­te in einem Brief an Anton Rubin­stein die­se Nach­ah­mer eine «alte, unge­sal­ze­ne, unge­pfef­fer­te Wurst». Er hat­te nicht unrecht. Man­ches mit bes­ter Absicht «im Pal­estri­na-Stil» Ver­fass­te geriet höl­zern und for­mel­haft. Aber die Hal­tung zeig­te Wir­kung. Denn so öff­ne­ten sich Tore zu einer noch immer leben­di­gen Kul­tur des «erns­ten» Schrei­bens für Chö­re, für text­be­wuss­te und hand­werk­lich stren­ge A‑cap­pel­la-Wer­ke.

Wegbereiter für die Gegenwart: Das Bild Palestrinas im ausgehenden 19. Jahrhundert

Am Ende des «lan­gen 19. Jahr­hun­derts» hat Hans Pfitz­ner 1917 einen sym­bo­li­schen End­stein der roman­ti­schen Pal­estri­na-Rezep­ti­on gesetzt: mit sei­ner Oper Pal­estri­na. Sie dra­ma­ti­siert den Mythos des Künst­lers, der mit sei­ner Mes­se die Musik ret­tet. Pfitz­ners Pal­estri­na will nicht ein kor­rek­tes his­to­ri­sches Bild des Kapell­meis­ters von San­ta Maria Mag­gio­re zeich­nen, sie ist eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für ein mut­maß­li­ches ewi­ges Gewis­sen und Gesetz der Kunst, das sich gegen Moden und Markt behaup­tet. Gewiss wirkt hier nicht nur die kon­kre­te Sehn­sucht nach Renais­sance­po­ly­pho­nie, son­dern die Annah­me, dass frü­her aller­lei bes­ser gewe­sen sein mag.

Das Gemälde eines voll besetzten Konzertsaals, ein musizierendes Orchester auf der Bühne
Ein­wei­hung einer Pal­estri­na-Büs­te in der Sala Filar­mo­ni­ca Roma­na, Rom 1880 © Wiki­me­dia Com­mons

Für das 19. Jahr­hun­dert war Pal­estri­na ein künst­le­risch-mora­li­scher und hand­werk­li­cher Kom­pass und ein Reser­voir klang­li­cher Mög­lich­kei­ten: von stren­ger Poly­pho­nie bis zu modal gefärb­ter Trans­pa­renz, von lit­ur­gi­scher Reha­bi­li­tie­rung bis zur groß­di­men­sio­nier­ten Chor­klang­fan­ta­sie. Noch in Schul­lehr­plä­nen der 1950er-Jah­re hat­te Pal­estri­na Vor­rang vor Bach. Spä­tes­tens mit dem Sie­ges­zug der Neu­sich­tung des­sen, wie man Alte Musik auf­füh­ren kann, hat der roman­ti­sche Pal­estri­na-Sound an Boden ver­lo­ren. Das geht heu­te fei­ner, text­be­zo­ge­ner. Wer Pal­estri­na hört, mag indes stau­nen, wie modern man­ches klin­gen kann. Die­ses Stau­nen ver­dankt sich auch den Roman­ti­kern, die ihn nicht zum stum­men Ver­eh­ren auf den Muse­ums­so­ckel stell­ten, son­dern als prä­sen­te Auto­ri­tät in der Kom­po­si­ti­ons­werk­statt ihre Feder lei­ten lie­ßen. Der deut­sche Pal­estri­na des 19. Jahr­hun­derts war bei­des: Lehr­meis­ter und Leit­bild. Dass wir sei­ne eige­nen Wer­ke heu­te dif­fe­ren­zier­ter lesen und auf­füh­ren, nimmt dem roman­ti­schen Impuls nichts: Er hat ein Feld berei­tet, auf dem Renais­sance und Gegen­wart mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men.

Der Text erschien erst­mals unter dem Titel «Die Renais­sance der Renais­sance» in der Zeit­schrift Fono Forum. Die Chor­zeit dankt für die freund­li­che Geneh­mi­gung zum Abdruck.


Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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