Kleine Profis: Kinder als Darsteller:innen im Musical

Autor:in

Jens Berger

Wäh­rend Musi­cals an den meis­ten öffent­li­chen Thea­tern als Ergän­zung der Opern- und Ope­ret­ten­spiel­plä­ne aufs Pro­gramm gesetzt wer­den, bil­den sie am Lan­des­thea­ter Linz eine eige­ne Spar­te. Regie- und Büh­nen­teams sowie ein fes­tes Ensem­ble erar­bei­ten jede Sai­son meh­re­re Pre­mie­ren. Auch ein fes­ter Stamm jun­ger Darsteller:innen gehört dazu. Die Arbeit mit Kin­dern fol­ge eige­nen Regeln, sei aber loh­nend, meint Mat­thi­as Davids, der die Spar­te am Lan­des­thea­ter Linz seit 2012 lei­tet.

Herr Davids, Sie arbei­ten bei Ihren Musi­cal­pro­duk­tio­nen ver­stärkt auch mit Kin­dern als Darsteller:innen. Wie kam es dazu?

Aus­gangs­punkt war die beson­de­re Situa­ti­on hier in Ober­ös­ter­reich. Durch das dich­te Netz an Musik­schu­len gibt es unglaub­lich vie­le Kin­der mit musi­ka­li­scher Aus­bil­dung – und das auf einem hohen Niveau. Als wir zum ers­ten Mal Kin­der für klei­ne­re Rol­len brauch­ten, stell­te sich schnell her­aus, dass sie sin­gen, tan­zen und kom­ple­xe­re Rol­len gestal­ten kön­nen. Die­se Erfah­rung hat mir die Sicher­heit gege­ben, auch grö­ße­re Pro­duk­tio­nen kon­se­quent mit Kin­dern zu beset­zen – bis hin zu Stü­cken wie «School of Rock», in denen sie fast die gesam­te Hand­lung tra­gen.

Wel­che Bedeu­tung hat das für Ihr Thea­ter?


Oh, eine gro­ße. Das kön­nen wir ganz klar an den Zah­len sehen. Der Alters­durch­schnitt im Musi­cal­pu­bli­kum ist nicht mehr 65 plus. Kin­der wir­ken in mehr­fa­cher Hin­sicht als Mul­ti­pli­ka­to­ren. Sie brin­gen Fami­li­en, Freun­des­krei­se und Schul­klas­sen ins Thea­ter und erschlie­ßen damit neu­es, vor allem jün­ge­res Publi­kum. Gleich­zei­tig ent­steht noch eine ande­re Form der Iden­ti­fi­ka­ti­on: Die Kin­der füh­len sich als Teil des Hau­ses und blei­ben ihm oft lang­fris­tig ver­bun­den.

Der Regisseur Matthias Davids in Nahaufnahme vor einer roten Wand. Er trägt ein grünes T-Shirt und blickt, minimal lächelnd, durch die Gläser seines dick schwarz umdandeten Brillengestells.
© Zoe Gold­stein

«Der wich­tigs­te Punkt ist, Kin­der ernst zu neh­men und ihnen auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Sie spü­ren sofort, ob man sie als voll­wer­ti­ge Darsteller:innen und Kolleg:innen behan­delt.»

Wie wäh­len Sie die Kin­der aus?

Der Pro­zess unter­schei­det sich heu­te kaum noch von Cas­tings für Erwach­se­ne. Wir schrei­ben die Rol­len aus, die Kin­der bewer­ben sich und kom­men zum Vor­sin­gen und Vor­spre­chen. Durch Cas­ting­shows wis­sen vie­le mitt­ler­wei­le erstaun­lich genau, wie so eine Audi­tion abläuft. Ich habe das beson­ders ein­drück­lich bei einem Cas­ting für «Ana­tev­ka» an der Volks­oper Wien erlebt: Die Kin­der tra­ten mit einer Pro­fes­sio­na­li­tät auf, die man frü­her in die­sem Alter nicht für mög­lich gehal­ten hät­te.

Wel­che Rol­le spie­len Musik­schu­len in die­sem Pro­zess?

Sie sind weni­ger für die Rekru­tie­rung ent­schei­dend, aber enorm wich­tig in der Vor­be­rei­tung. In unse­ren aktu­el­len Pro­duk­tio­nen arbei­ten Lehr­kräf­te aus dem Musik­schul­be­reich gezielt mit den Kin­dern, bevor die Pro­ben begin­nen. Dadurch kön­nen wir auf einem höhe­ren künst­le­ri­schen Niveau star­ten und die Pro­ben­zeit effi­zi­en­ter nut­zen.

Wie Kinder und Routiniers voneinander lernen

Wie unter­schei­det sich die Arbeit mit Kin­dern von der mit Erwach­se­nen?

Weni­ger, als man viel­leicht den­ken mag! Der wich­tigs­te Punkt ist, Kin­der ernst zu neh­men und ihnen auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Sie spü­ren sofort, ob man sie als voll­wer­ti­ge Darsteller:innen und Kolleg:innen behan­delt. Gleich­zei­tig ler­nen sie sehr schnell, was Ver­ant­wor­tung bedeu­tet: Wenn sie ihren Ein­satz ver­pas­sen, hat das unmit­tel­ba­re Fol­gen für die gesam­te Sze­ne. Die­se Erfah­rung von Ver­bind­lich­keit und Dis­zi­plin ist für vie­le Kin­der prä­gend.

Wel­che Wir­kung haben die Kin­der auf die erwach­se­nen Ensem­ble­mit­glie­der?

Eine sehr schö­ne. Vie­le erfah­re­ne Darsteller:innen wer­den durch die Begeis­te­rung und Ernst­haf­tig­keit der Kin­der dar­an erin­nert, war­um sie selbst einst die­sen Beruf gewählt haben. Die­se unmit­tel­ba­re Freu­de und Hin­ga­be steckt an und belebt die Atmo­sphä­re im Ensem­ble.

Ein Mädchen in wohl fiktiver Schuluniform springt weit über ein Schulpult und hat dabei das Gesicht energisch angespannt. Ein weiter entfernt stehender Junge hält Drumsticks in den Händen und guckt zaghafter.
© Rein­hard Wink­ler

Sie haben auch anspruchs­vol­le Stof­fe mit jun­gen Darsteller:innen umge­setzt, etwa in Musi­cals nach Vor­la­gen von Andre­as Stein­hö­fel oder Ing­mar Berg­man. Wie gehen Sie sen­si­ble The­men an?

Da muss man sich sorg­fäl­tig vor­be­rei­ten. Es beginnt dann erst­mal spie­le­risch und wird schritt­wei­se ver­tieft. Wich­tig ist, dass die Kin­der ver­ste­hen, was sie tun, ohne über­for­dert zu wer­den. Gleich­zei­tig müs­sen alle Erwach­se­nen im Ensem­ble Ver­ant­wor­tung über­neh­men und ein unter­stüt­zen­des Umfeld schaf­fen. Auch in Musi­cals gibt es ja dras­ti­sche und for­dern­de Situa­tio­nen, die denen in ande­ren Spar­ten in nichts nach­ste­hen. In «Miss Sai­gon» zielt eine Dar­stel­le­rin mit einer Pis­to­le auf ein sehr jun­ges Kind. In der Vor­stel­lung kann die Dar­stel­le­rin aber nicht signa­li­sie­ren, dass das jetzt alles nur Spaß ist, son­dern muss emo­tio­nal alles geben. Es war beein­dru­ckend, wie man selbst so etwas einem Kind doch ver­mit­teln kann. 


Wel­che Rol­le spie­len die Eltern?


Eine ent­schei­den­de. Der orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­wand ist enorm: wei­te Anfahr­ten, teils lan­ge Pro­ben­zei­ten, Abstim­mun­gen mit der Schu­le. Was mich beson­ders beein­druckt, ist die Hin­ga­be, mit der vie­le Eltern ihre Kin­der unter­stüt­zen. Dabei geht es sel­ten um Ehr­geiz im Sin­ne von Kar­rie­re­plä­nen, son­dern viel­mehr um die För­de­rung einer Erfah­rung, die die Kin­der per­sön­lich wach­sen lässt.

Safe Space: Musical als Erfahrungsraum

Wel­che päd­ago­gi­schen Effek­te beob­ach­ten Sie bei den Kin­dern selbst?


Thea­ter ver­mit­telt Kon­zen­tra­ti­on, Dis­zi­plin und Selbst­ver­trau­en auf beson­ders greif­ba­re Wei­se. Die Kin­der erle­ben unmit­tel­bar, dass ihre Leis­tung Teil eines grö­ße­ren Gan­zen ist. Vie­le ent­wi­ckeln so ein star­kes Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für künst­le­ri­sche Pro­zes­se. Wir bekom­men oft Rück­mel­dun­gen, dass sie auch mehr Freu­de am Krea­ti­ven ent­wi­ckeln.

Eine junge Darstellerin spricht mit einem altmodisch gekleideten Mann mit schulterlangen Haaren. Sie trägt eine wohl fiktive Schuluniform und macht den Eindruck, den Mann überzeugen zu wollen. Mit einer Kommilitonin steht sie an einer Kleiderpuppe, die ein Gewand aus goldenen und silbernen Stoffen trägt.
© Rein­hard Wink­ler

Gibt es auch struk­tu­rel­le oder recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, die Sie beach­ten müs­sen?


Ja, Arbeits­zei­ten, Betreu­ung und Sicher­heit sind klar gere­gelt. Kin­der brau­chen eine eng­ma­schi­ge Beglei­tung, und auch Pro­ben­ab­läu­fe und sogar das Büh­nen­bild müs­sen auf ihre Bedürf­nis­se abge­stimmt sein. Sol­che Rah­men­be­din­gun­gen sind wich­tig und sinn­voll.

Ent­steht unter den Kin­dern selbst ein Ensem­ble­ge­fühl?


Abso­lut. Bei jeder Pro­duk­ti­on bil­det sich schnell eine eige­ne Dyna­mik. Erfah­re­ne Kin­der tre­ten in die Vor­bild­rol­le für neue Mit­glie­der – und das mit Freu­de. Gleich­zei­tig ach­ten wir dar­auf, Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen sen­si­bel zu mode­rie­ren, sodass der Zusam­men­halt nicht gefähr­det wird. Auch das ist wie­der ein wich­ti­ger Lern­ef­fekt für die Kin­der: Wie gehe ich bei­spiels­wei­se damit um, wenn ich nicht für die Pre­mie­ren­be­set­zung aus­ge­wählt wer­de?

Wel­che künst­le­ri­schen Per­spek­ti­ven sehen Sie für die Zukunft?


Ich habe gelernt, den Kin­dern viel zuzu­trau­en. Es gibt heu­te ein enor­mes Poten­zi­al, weil vie­le bereits früh eine musi­ka­li­sche Aus­bil­dung erhal­ten. Des­halb suche ich gezielt nach Stü­cken, in denen Kin­der ech­te, ernst­haf­te Rol­len über­neh­men kön­nen – nicht als Statist:innen, son­dern als tra­gen­de Figu­ren der Hand­lung. Wich­tig ist, dass man mit Kin­dern respekt­voll und klar kom­mu­ni­ziert. Kei­ne ver­ein­fach­te «Kin­der­spra­che», son­dern ehr­li­che Anspra­che. Wenn man ihnen Ver­trau­en ent­ge­gen­bringt und gleich­zei­tig kla­re Anfor­de­run­gen stellt, wach­sen sie oft über sich hin­aus. Davon pro­fi­tie­ren nicht nur die Pro­duk­tio­nen, son­dern auch die Kin­der selbst – und letzt­lich das gesam­te Thea­ter.

Zur Per­son

Mat­thi­as Davids ist Musik­thea­ter­re­gis­seur und seit 2012 Künst­le­ri­scher Lei­ter der Spar­te Musi­cal am Lan­des­thea­ter Linz, die er maß­geb­lich auf­ge­baut hat. Unter sei­ner Lei­tung ent­stan­den dort zahl­rei­che Ur- und Erst­auf­füh­run­gen, von denen meh­re­re Pro­duk­tio­nen mit dem Deut­schen Musi­cal Thea­ter Preis und dem Öster­rei­chi­schen Musik­thea­ter­preis aus­ge­zeich­net wur­den. Ins­ge­samt umfasst sei­ne Arbeit über fünf­zig Ur- und natio­na­le Erst­auf­füh­run­gen sowie Insze­nie­run­gen an zahl­rei­chen Büh­nen im deutsch­spra­chi­gen Raum und dar­über hin­aus. Zuletzt insze­nier­te er unter ande­rem am Lan­des­thea­ter Linz, an der Oper Leip­zig und bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len.

Portrait von Jens Berger

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Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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