Humor im Chor: Wie bringt man Komik ins Chorkonzert?

Autor:in

Christiane Hrasky

Ausgabe

N° 116 | Juni 2024

Wenn ich in ein Chor­kon­zert gehe und lachen kann, weil der Chor Komik ins Pro­gramm ein­baut, fin­de ich es wun­der­bar. Doch mit dem Humor ist das so eine Sache. Der berühm­te Satz von Otto Juli­us Bier­baum, «Humor ist, wenn man trotz­dem lacht», mag im Leben durch vie­le Situa­tio­nen hel­fen. Auf der Büh­ne lei­der nicht. Der Grat zwi­schen Humor und Kla­mauk ist schmal. Mit Chor ist das noch spe­zi­el­ler.

Fan­gen wir bei der Lite­ra­tur an. Humor ist auch Geschmacks­sa­che. Jede:r muss ent­schei­den, was er oder sie lus­tig fin­det. Ganz vor­ne ste­hen für mich die Arran­ge­ments von May­be­bop. Oli­ver Gies hat ein fei­nes Gespür für gute Poin­ten und ich fin­de ihn ziem­lich lus­tig. Die Come­di­an Har­mo­nists sind Klas­si­ker. Cars­ten Ger­litz hat auch eini­ge groß­ar­ti­ge Stü­cke her­aus­ge­bracht. Und es gibt noch vie­les mehr, ver­öf­fent­licht und unver­öf­fent­licht. Denn auch die Chor­ver­la­ge haben das Spek­trum humor­vol­ler Ver­öf­fent­li­chun­gen stark erwei­tert. Eine gründ­li­che Recher­che lohnt sich auf jeden Fall. Aber wenn man ein gan­zes Pro­gramm auf die Büh­ne brin­gen möch­te, reicht es nicht, ein lus­ti­ges Stück nach dem ande­ren zu sin­gen. Abend­fül­len­de Komik ent­steht zum größ­ten Teil durch den Kon­text, in den man die Stü­cke setzt. Und natür­lich durch die Prä­sen­ta­ti­on der­sel­ben.

«Die abstru­se Prü­de­rie hat den Lie­dern eine neue inhalt­li­che Dimen­si­on gege­ben und eine rasan­te Komik ent­wi­ckelt.»

Komik durch spritzige Kontraste

Unter Komik, die durch den Kon­text ent­steht, ver­ste­he ich den Ein­satz kon­tras­tie­ren­der Stil­mit­tel. Oder die Kom­bi­na­ti­on von Din­gen, die eigent­lich nichts mit­ein­an­der zu tun haben und in der Zusam­men­füh­rung neue Dimen­sio­nen eröff­nen. Das kön­nen Tex­te, Ein­spie­lun­gen, Anmer­kun­gen, Zeit­be­zü­ge und His­to­ri­sches sein. Ein Bei­spiel: Einer mei­ner Lie­der­aben­de hat­te als The­ma die Lie­be. Das ver­spricht erst­mal nicht, beson­ders ori­gi­nell oder lus­tig zu wer­den. Ich habe Lie­bes­lie­der aller Gen­res aus­ge­sucht, von «Ti amo» bis «Bon­jour mon cœur». Und habe die­se mit Aus­schnit­ten aus einem Ehe­rat­ge­ber aus den 50er Jah­ren kom­bi­niert. Die abstru­se Prü­de­rie hat den Lie­dern eine neue inhalt­li­che Dimen­si­on gege­ben und eine rasan­te Komik ent­wi­ckelt. In dem Pro­gramm kamen noch dada­is­ti­sche Gedich­te zum Ein­satz, die die Absur­di­tät auf die Spit­ze getrie­ben haben.

Ein wei­te­res Stil­mit­tel für einen humor­vol­len Auf­tritt sind star­ke Kon­tras­te. Die vor­han­de­nen Stü­cke kön­nen für kur­ze Pas­sa­gen ver­frem­det wer­den, indem sie sehr viel schnel­ler oder lang­sa­mer auf­ge­führt oder eine Okta­ve höher oder tie­fer gesun­gen wer­den. Ein­zel­ne Aus­schnit­te kön­nen nur Män­nern oder nur Frau­en zuge­ord­net wer­den. Ein­deu­ti­ge Musik­sti­le kön­nen mit Pas­sa­gen aus einer ande­ren Musik­epo­che kon­tras­tiert wer­den, zum Bei­spiel, indem man in einen Pop­song einen Aus­schnitt eines Cho­rals oder Madri­gals ein­fügt. Ein­zel­ne Takt­aus­schnit­te kön­nen gespro­chen statt gesun­gen wer­den. Und gan­ze Stü­cke kön­nen im Cha­rak­ter ver­frem­det wer­den, indem man fröh­li­che Stü­cke plötz­lich ganz lang­sam und trau­rig singt oder melan­cho­li­sche Stü­cke furi­os cre­scen­die­ren lässt. Um bestimm­te inhalt­li­che Aus­sa­ge zu unter­strei­chen, kann man ein Stück einem per­ma­nen­ten Tem­po­wech­sel unter­zie­hen: erst wild, dann lang­sam, dann wie­der wild oder kon­ti­nu­ier­lich immer lang­sa­mer bezie­hungs­wei­se schnel­ler wer­dend. Eben­so kön­nen Stü­cke mit einem Break unter­bro­chen wer­den, an den sich über­ra­schen­de Wech­sel oder Über­gän­ge anschlie­ßen.

Choreografie als Schlüssel zum heiteren Bühnenprogramm

Ich habe meh­re­re sze­ni­sche Choraben­de mit Amateur:innen auf die Büh­ne gebracht. Inspi­riert haben mich dabei beson­ders Eric Gede­on und Franz Wit­ten­brink. Deren Lie­der­aben­de zäh­len für mich nach wie vor zu den bes­ten und lus­tigs­ten Thea­ter-Insze­nie­run­gen, die ich in mei­nem Leben gese­hen habe. Mein wich­tigs­ter Leit­spruch war dabei: Nur Cho­reo­gra­fie, nie­mals Schau­spie­le­rei! Denn Schau­spiel ist eine Kunst, die man gelernt haben muss. Wenn wir Ama­teu­re schau­spie­lern las­sen, set­zen wir sie der Gefahr aus, pein­lich zu wir­ken. Das müs­sen wir als Leiter:innen unbe­dingt ver­hin­dern.

Eine gute Cho­reo­gra­fie sehe ich als Schlüs­sel für ein gelun­ge­nes hei­te­res Büh­nen­pro­gramm. Sie muss sehr viel geübt wer­den. Denn sie wirkt erst, wenn alle die Bewe­gungs­ab­läu­fe ver­in­ner­licht haben und das Büh­nen­pro­gramm in einen natür­li­chen Fluss kom­men kann. Wenn die Sänger:innen nicht mit­kom­men, ist weni­ger immer mehr. Also lie­ber spar­sa­me und dafür gelin­gen­de Cho­reo­gra­fie als opu­len­te halb­fer­ti­ge. Cho­reo­gra­fi­sche Ele­men­te sind zual­ler­erst ein­stu­dier­te Bewe­gungs­ab­fol­gen. Die­se kön­nen von ein­zel­nen Sänger:innen aus­ge­führt wer­den, vom gan­zen Chor oder von Chor­grup­pen par­al­lel und abwech­selnd. Die Bewe­gun­gen soll­ten nicht zu kom­pli­ziert sein und nicht zu oft wie­der­holt, bezie­hungs­wei­se bei mehr­fa­chen Wie­der­ho­lun­gen vari­iert oder mal aus­ge­setzt wer­den. Zum Ler­nen für zu Hau­se sind klei­ne, unauf­wän­di­ge Vide­os oder Pro­ben­mit­schnit­te sehr hilf­reich.

Gut durchdachte Bühnenkleidung

Cho­reo­gra­fien kön­nen auch mit Tex­ten umge­setzt wer­den, zum Bei­spiel, wenn man einen Sprech­text oder gespro­che­nen Lied­text in Wör­ter oder Satz­tei­le glie­dert und nach­ein­an­der oder in Grup­pen spre­chen lässt, unter­bricht, das Publi­kum Fol­ge­wor­te und Rei­me ergän­zen lässt oder Rei­me falsch aus­füllt. Zur Cho­reo­gra­fie gehö­ren auch Klei­dung und Requi­si­ten.

«Wenn jedes Lied neue Requi­si­ten braucht, ver­lie­ren sie an Wir­kung und der Abend wird zur Mate­ri­al­schlacht.»

Auch die­se müs­sen nicht auf­wän­dig sein, aber sie soll­ten gründ­lich durch­dacht wer­den. Fol­gen­de Fra­gen kön­nen hel­fen: Passt die Klei­dung zum gesam­ten Abend oder nur zu einem Teil? Zum gan­zen Abend ist bes­ser. Umzie­hen ist auf­wän­dig und meist nicht nötig. Brau­chen wir die glei­che Klei­dung für den gesam­ten Chor oder reicht ein gemein­sa­mes Detail und/oder die Fest­le­gung auf ein oder zwei Far­ben? Gibt es ein Acces­soire, das durch den gesam­ten Abend trägt und im bes­ten Fall bei meh­re­ren Stü­cken eine neue und über­ra­schen­de Funk­ti­on bekommt? Wenn jedes Lied neue Requi­si­ten braucht, ver­lie­ren sie an Wir­kung und der Abend wird zur Mate­ri­al­schlacht.

Soll­te Licht­tech­nik zur Ver­fü­gung ste­hen, erhöht das die Büh­nen­wir­kung. Aber auch klei­ne Licht­ef­fek­te kön­nen Abwechs­lung in den Abend brin­gen: Man kann das Saal­licht kurz­zei­tig aus­schal­ten (mit klei­nem Sicher­heits­licht an den Aus­gän­gen), Taschen­lam­pen im Chor ver­tei­len und damit das Publi­kum oder das eige­ne Gesicht anleuch­ten oder eine klei­ne Light­show an der Decke ver­an­stal­ten. Wenn das Saal­licht gedimmt ist, kann die Büh­ne mit far­bi­gem Licht illu­mi­niert wer­den und so ver­schie­de­ne Stim­mun­gen erzeu­gen. Dafür ist Vor­aus­set­zung, dass alle das Pro­gramm aus­wen­dig kön­nen.

Humor und Schwarmintelligenz: gemeinsam ans Ziel

Ein Klas­si­ker für gelin­gen­de Auf­füh­run­gen ist es, Din­ge auf­zu­grei­fen, die mit dem Chor und mit dem Publi­kum zu tun haben. Dazu zäh­len Hei­mat-Spe­zi­fi­sches, Dia­lek­te, regio­na­le Rede­wen­dun­gen und Eigen­hei­ten, das Auf­grei­fen von Pop- und Rock­songs, die alle ken­nen, Zita­te aus Kin­der­sen­dun­gen, mit denen ein Groß­teil des Publi­kums auf­ge­wach­sen ist, oder Zitat-Andeu­tun­gen aus der Wer­bung, die alle ken­nen. All das ist natür­lich nur sinn­haft, wenn es eine inhalt­li­che Ver­bin­dung zum Pro­gramm gibt – sei sie auch noch so abstrus.

Und wie kann man so ein Pro­gramm zusam­men­stel­len? Ich habe sehr gute Erfah­run­gen damit gemacht, die Schwarm­in­tel­li­genz des gesam­ten Cho­res zu nut­zen und bin fol­gen­der­ma­ßen vor­ge­gan­gen: Ich habe ein groß­ge­fass­tes The­ma auf­ge­stellt, zum Bei­spiel die Küche. Dann habe ich einen Auf­ruf an alle geschickt, Chor­stü­cke oder Lieb­lings­lie­der an mich ein­zu­rei­chen, sozu­sa­gen eine indi­vi­du­el­le Best-Of-Bewer­bung. Die Lie­der­lis­te, die meist sehr umfang­reich war, habe ich auf Chortaug­lich­keit über­prüft und eine ers­te Aus­wahl getrof­fen, denn schö­ne Chor­stü­cke sind die Grund­la­ge von allem. Wir haben oft auch eini­ge The­men-absei­ti­ge Stü­cke auf­ge­nom­men, der Zusam­men­hang hat sich oft spä­ter ein­ge­stellt. Dann habe ich eine klei­ne Redak­ti­ons­grup­pe auf­ge­stellt oder erst­mal allei­ne wei­ter­ge­ar­bei­tet – mal so, mal so. Bei­des hat Vor- und Nach­tei­le. Als nächs­tes haben wir das Pro­gramm in vier bis fünf Tei­le unter­teilt und die Tei­le haben eine Über­schrift bekom­men, also inter­ne Arbeits­ti­tel. Hier: Vor­spei­se, Haupt­spei­se, … Des­sert. Die Lie­der wur­den den Tei­len zuge­ord­net und pas­sen­de Tex­te gesucht – bei dem Küchen­a­bend haben wir bei­spiels­wei­se Sprich­wör­ter gesam­melt und auf ver­schie­dens­te Art und Wei­se ein­ge­streut. Anschlie­ßend haben wir eine Hand­lung erfun­den und den Tei­len zuge­ord­net. In dem Küchen­bei­spiel ging es um einen Koch­wett­be­werb, in dem zwei Koch-Mann­schaf­ten in Kon­kur­renz zuein­an­der ste­hen. Bei­de haben wäh­rend des Kon­zer­tes einen ech­ten Obst­sa­lat geschnip­pelt – die Schnip­pe­lei wur­de ein­ge­baut in die Lie­der und die Cho­reo­gra­fie – und der Obst­sa­lat am Ende dem Publi­kum ser­viert. Das end­gül­ti­ge Pro­gramm ist in der Pro­ben­ar­beit ent­stan­den. Span­nen­des und Lus­ti­ges wur­de wei­ter­ge­führt und aus­ge­baut. Nicht Funk­tio­nie­ren­des oder Schwer­gän­gi­ges aus­sor­tiert oder ver­än­dert. Ich habe von Pro­be zu Pro­be die Ver­än­de­run­gen aus­ge­ar­bei­tet und doku­men­tiert bezie­hungs­wei­se allen zugäng­lich gemacht.

Humor-Pro­gram­me machen sehr viel Arbeit und kos­ten Ener­gie und Ner­ven. Aber wenn sie gelin­gen, ist es wirk­lich ein gro­ßer Spaß – für alle!

Portrait von Christiane Hrasky

Autor:in

Christiane Hrasky

Christiane Hrasky ist Landeskantorin der Nordkirche. Mit „Schöner Singen 60+“ ist sie in Workshops und auf ihrem YouTube-Kanal zu erleben. Sie leitet den Franz-Schubert-Chor Hamburg und das Hamburger Kammerchor-Projekt vocanti.

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