Humor im Chor: Wie bringt man Komik ins Chorkonzert?
Wenn ich in ein Chorkonzert gehe und lachen kann, weil der Chor Komik ins Programm einbaut, finde ich es wunderbar. Doch mit dem Humor ist das so eine Sache. Der berühmte Satz von Otto Julius Bierbaum, «Humor ist, wenn man trotzdem lacht», mag im Leben durch viele Situationen helfen. Auf der Bühne leider nicht. Der Grat zwischen Humor und Klamauk ist schmal. Mit Chor ist das noch spezieller.
Fangen wir bei der Literatur an. Humor ist auch Geschmackssache. Jede:r muss entscheiden, was er oder sie lustig findet. Ganz vorne stehen für mich die Arrangements von Maybebop. Oliver Gies hat ein feines Gespür für gute Pointen und ich finde ihn ziemlich lustig. Die Comedian Harmonists sind Klassiker. Carsten Gerlitz hat auch einige großartige Stücke herausgebracht. Und es gibt noch vieles mehr, veröffentlicht und unveröffentlicht. Denn auch die Chorverlage haben das Spektrum humorvoller Veröffentlichungen stark erweitert. Eine gründliche Recherche lohnt sich auf jeden Fall. Aber wenn man ein ganzes Programm auf die Bühne bringen möchte, reicht es nicht, ein lustiges Stück nach dem anderen zu singen. Abendfüllende Komik entsteht zum größten Teil durch den Kontext, in den man die Stücke setzt. Und natürlich durch die Präsentation derselben.
«Die abstruse Prüderie hat den Liedern eine neue inhaltliche Dimension gegeben und eine rasante Komik entwickelt.»
Komik durch spritzige Kontraste
Unter Komik, die durch den Kontext entsteht, verstehe ich den Einsatz kontrastierender Stilmittel. Oder die Kombination von Dingen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und in der Zusammenführung neue Dimensionen eröffnen. Das können Texte, Einspielungen, Anmerkungen, Zeitbezüge und Historisches sein. Ein Beispiel: Einer meiner Liederabende hatte als Thema die Liebe. Das verspricht erstmal nicht, besonders originell oder lustig zu werden. Ich habe Liebeslieder aller Genres ausgesucht, von «Ti amo» bis «Bonjour mon cœur». Und habe diese mit Ausschnitten aus einem Eheratgeber aus den 50er Jahren kombiniert. Die abstruse Prüderie hat den Liedern eine neue inhaltliche Dimension gegeben und eine rasante Komik entwickelt. In dem Programm kamen noch dadaistische Gedichte zum Einsatz, die die Absurdität auf die Spitze getrieben haben.
Ein weiteres Stilmittel für einen humorvollen Auftritt sind starke Kontraste. Die vorhandenen Stücke können für kurze Passagen verfremdet werden, indem sie sehr viel schneller oder langsamer aufgeführt oder eine Oktave höher oder tiefer gesungen werden. Einzelne Ausschnitte können nur Männern oder nur Frauen zugeordnet werden. Eindeutige Musikstile können mit Passagen aus einer anderen Musikepoche kontrastiert werden, zum Beispiel, indem man in einen Popsong einen Ausschnitt eines Chorals oder Madrigals einfügt. Einzelne Taktausschnitte können gesprochen statt gesungen werden. Und ganze Stücke können im Charakter verfremdet werden, indem man fröhliche Stücke plötzlich ganz langsam und traurig singt oder melancholische Stücke furios crescendieren lässt. Um bestimmte inhaltliche Aussage zu unterstreichen, kann man ein Stück einem permanenten Tempowechsel unterziehen: erst wild, dann langsam, dann wieder wild oder kontinuierlich immer langsamer beziehungsweise schneller werdend. Ebenso können Stücke mit einem Break unterbrochen werden, an den sich überraschende Wechsel oder Übergänge anschließen.
Choreografie als Schlüssel zum heiteren Bühnenprogramm
Ich habe mehrere szenische Chorabende mit Amateur:innen auf die Bühne gebracht. Inspiriert haben mich dabei besonders Eric Gedeon und Franz Wittenbrink. Deren Liederabende zählen für mich nach wie vor zu den besten und lustigsten Theater-Inszenierungen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Mein wichtigster Leitspruch war dabei: Nur Choreografie, niemals Schauspielerei! Denn Schauspiel ist eine Kunst, die man gelernt haben muss. Wenn wir Amateure schauspielern lassen, setzen wir sie der Gefahr aus, peinlich zu wirken. Das müssen wir als Leiter:innen unbedingt verhindern.
Eine gute Choreografie sehe ich als Schlüssel für ein gelungenes heiteres Bühnenprogramm. Sie muss sehr viel geübt werden. Denn sie wirkt erst, wenn alle die Bewegungsabläufe verinnerlicht haben und das Bühnenprogramm in einen natürlichen Fluss kommen kann. Wenn die Sänger:innen nicht mitkommen, ist weniger immer mehr. Also lieber sparsame und dafür gelingende Choreografie als opulente halbfertige. Choreografische Elemente sind zuallererst einstudierte Bewegungsabfolgen. Diese können von einzelnen Sänger:innen ausgeführt werden, vom ganzen Chor oder von Chorgruppen parallel und abwechselnd. Die Bewegungen sollten nicht zu kompliziert sein und nicht zu oft wiederholt, beziehungsweise bei mehrfachen Wiederholungen variiert oder mal ausgesetzt werden. Zum Lernen für zu Hause sind kleine, unaufwändige Videos oder Probenmitschnitte sehr hilfreich.
Gut durchdachte Bühnenkleidung
Choreografien können auch mit Texten umgesetzt werden, zum Beispiel, wenn man einen Sprechtext oder gesprochenen Liedtext in Wörter oder Satzteile gliedert und nacheinander oder in Gruppen sprechen lässt, unterbricht, das Publikum Folgeworte und Reime ergänzen lässt oder Reime falsch ausfüllt. Zur Choreografie gehören auch Kleidung und Requisiten.
«Wenn jedes Lied neue Requisiten braucht, verlieren sie an Wirkung und der Abend wird zur Materialschlacht.»
Auch diese müssen nicht aufwändig sein, aber sie sollten gründlich durchdacht werden. Folgende Fragen können helfen: Passt die Kleidung zum gesamten Abend oder nur zu einem Teil? Zum ganzen Abend ist besser. Umziehen ist aufwändig und meist nicht nötig. Brauchen wir die gleiche Kleidung für den gesamten Chor oder reicht ein gemeinsames Detail und/oder die Festlegung auf ein oder zwei Farben? Gibt es ein Accessoire, das durch den gesamten Abend trägt und im besten Fall bei mehreren Stücken eine neue und überraschende Funktion bekommt? Wenn jedes Lied neue Requisiten braucht, verlieren sie an Wirkung und der Abend wird zur Materialschlacht.
Sollte Lichttechnik zur Verfügung stehen, erhöht das die Bühnenwirkung. Aber auch kleine Lichteffekte können Abwechslung in den Abend bringen: Man kann das Saallicht kurzzeitig ausschalten (mit kleinem Sicherheitslicht an den Ausgängen), Taschenlampen im Chor verteilen und damit das Publikum oder das eigene Gesicht anleuchten oder eine kleine Lightshow an der Decke veranstalten. Wenn das Saallicht gedimmt ist, kann die Bühne mit farbigem Licht illuminiert werden und so verschiedene Stimmungen erzeugen. Dafür ist Voraussetzung, dass alle das Programm auswendig können.
Humor und Schwarmintelligenz: gemeinsam ans Ziel
Ein Klassiker für gelingende Aufführungen ist es, Dinge aufzugreifen, die mit dem Chor und mit dem Publikum zu tun haben. Dazu zählen Heimat-Spezifisches, Dialekte, regionale Redewendungen und Eigenheiten, das Aufgreifen von Pop- und Rocksongs, die alle kennen, Zitate aus Kindersendungen, mit denen ein Großteil des Publikums aufgewachsen ist, oder Zitat-Andeutungen aus der Werbung, die alle kennen. All das ist natürlich nur sinnhaft, wenn es eine inhaltliche Verbindung zum Programm gibt – sei sie auch noch so abstrus.
Und wie kann man so ein Programm zusammenstellen? Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Schwarmintelligenz des gesamten Chores zu nutzen und bin folgendermaßen vorgegangen: Ich habe ein großgefasstes Thema aufgestellt, zum Beispiel die Küche. Dann habe ich einen Aufruf an alle geschickt, Chorstücke oder Lieblingslieder an mich einzureichen, sozusagen eine individuelle Best-Of-Bewerbung. Die Liederliste, die meist sehr umfangreich war, habe ich auf Chortauglichkeit überprüft und eine erste Auswahl getroffen, denn schöne Chorstücke sind die Grundlage von allem. Wir haben oft auch einige Themen-abseitige Stücke aufgenommen, der Zusammenhang hat sich oft später eingestellt. Dann habe ich eine kleine Redaktionsgruppe aufgestellt oder erstmal alleine weitergearbeitet – mal so, mal so. Beides hat Vor- und Nachteile. Als nächstes haben wir das Programm in vier bis fünf Teile unterteilt und die Teile haben eine Überschrift bekommen, also interne Arbeitstitel. Hier: Vorspeise, Hauptspeise, … Dessert. Die Lieder wurden den Teilen zugeordnet und passende Texte gesucht – bei dem Küchenabend haben wir beispielsweise Sprichwörter gesammelt und auf verschiedenste Art und Weise eingestreut. Anschließend haben wir eine Handlung erfunden und den Teilen zugeordnet. In dem Küchenbeispiel ging es um einen Kochwettbewerb, in dem zwei Koch-Mannschaften in Konkurrenz zueinander stehen. Beide haben während des Konzertes einen echten Obstsalat geschnippelt – die Schnippelei wurde eingebaut in die Lieder und die Choreografie – und der Obstsalat am Ende dem Publikum serviert. Das endgültige Programm ist in der Probenarbeit entstanden. Spannendes und Lustiges wurde weitergeführt und ausgebaut. Nicht Funktionierendes oder Schwergängiges aussortiert oder verändert. Ich habe von Probe zu Probe die Veränderungen ausgearbeitet und dokumentiert beziehungsweise allen zugänglich gemacht.
Humor-Programme machen sehr viel Arbeit und kosten Energie und Nerven. Aber wenn sie gelingen, ist es wirklich ein großer Spaß – für alle!