Forum Dirigieren: Wirkungsvolle Förderung für den Nachwuchs
Besonders für angehende Profidirigent:innen ist den Übergang vom Studium in den Beruf häufig nicht leicht. Für sie kommt noch eine spezielle Hürde hinzu: Sie können nicht im stillen Kämmerlein üben, sondern brauchen einen sehr leistungsfähigen Klangkörper. Doch die Möglichkeiten, Praxiserfahrung mit Profis sammeln zu können, sind rar gesät. Umso wichtiger sind Förderprogramme, die den dirigentischen Spitzennachwuchs unterstützen. Dieses Vakuum füllt der Deutsche Musikrat, der Musikförderung im breitesten Sinne betreibt, mit seinem zweistufigen, auf vier Jahre angelegten Programm «Forum Dirigieren».
Nach dem Studium, vor der Anstellung: Wie findet man den Weg in die Berufspraxis?
Den Anfang machte zu Beginn der 1990er-Jahre der Orchesterförderzweig, der 2008 um den Chorförderzweig ergänzt wurde. «Dort gab es im Prinzip das gleiche Problem. Zwar hatten die jungen Leute mehr Praxiserfahrung, weil sie oft schon lange im Chor gesungen und mit Laien- oder semiprofessionellen Chören gearbeitet haben, aber auf dem Spitzenniveau gab es sehr wenige Möglichkeiten, mit Profis praktische Erfahrungen sammeln zu können», erklärt Eva Pegel, die das «Forum Dirigieren» als Projektleiterin betreut. Obwohl auch Hochschulen zunehmend Kooperationen mit renommierten Ensembles eingehen, ist der Bedarf an Unterstützung weiterhin groß. «Die Chorszene hat sich in den letzten 30 Jahren sehr professionalisiert. Damit ist auch der Anspruch an alle Seiten gestiegen, nicht nur an die Studierenden, sondern auch an die, die sie unterrichten», weiß der international gefragte Chordirigent Georg Grün, der sowohl den KammerChor als auch den BachChor Saarbrücken leitet und eine Professur für Chorleitung an der Hochschule für Musik Saar innehat. «Nach dem Studium der Chorleitung fallen viele erstmal in ein Loch, weil sie nicht genau wissen, wohin die Reise geht. Es gibt ja ganz viele verschiedene Möglichkeiten, mit einem Chor zu arbeiten, vom Theater bis zu semiprofessionellen Ensembles in der freien Szene. Und da ist ein Programm wie ‹Forum Dirigieren› eine wunderbare Gelegenheit für diese Zwischenschritte, die nach dem Studium fehlen.»
Wie fördert das Forum Dirigieren?
Für den Chorförderzweig stellt der Deutsche Musikrat 15 Plätze zur Verfügung, für die man sich bis zum Alter von 30 Jahren beliebig oft bewerben kann. Zwar kleiner als der Orchesterzweig, ist das Geschlechterverhältnis hier im Unterschied zum Instrumentalbereich ausgewogen. Wer zum Vordirigieren eingeladen und in die erste Förderstufe aufgenommen wird, erhält die Möglichkeit, gut zwei Jahre lang unter Anleitung namhafter Dirigent:innenpersönlichkeiten an Meisterkursen mit unterschiedlichsten Chören teilzunehmen, seien es Opern‑, Rundfunk- oder auch sehr gute semiprofessionelle Chöre und Kammerchöre. Zusätzlich stehen sogenannte Akademieveranstaltungen auf dem Programm, bei denen es um außermusikalische, aber dennoch berufsrelevante Themen wie Steuern, Musikrecht, Konzertmoderation oder Musikergesundheit geht. «Nicht ganz unwichtig ist, dass die Stipendiat:innen auch Teil unseres Netzwerks sind», meint Eva Pegel. «Wir sind auch eine Anlaufstelle, stellen Kontakte her und versuchen, ganz individuell Dinge zu ermöglichen, zum Beispiel Opernassistenzen. Gerade im Chorbereich ist es oft so, dass die jungen Leute gar nicht so sehr ans Theater wollen. Manche sind aber doch im Opernbereich gelandet und haben Blut geleckt, nachdem sie mal eine Assistenz über sechs Wochen mitgemacht und eine ganze Produktion erlebt haben.»
Von der Blaskapelle ans Stadttheater: Lucia Birzer über ihre ersten Karriereschritte
Wenn auch ohne vorherige Opernassistenz, hat Lucia Birzer, Stipendiatin in der ersten Förderstufe, im Musiktheater derzeit ihre Aufgabe gefunden. «Ich habe mich selbst ins kalte Wasser geworfen», erzählt die 28-Jährige lachend. Sie ist seit September 2022 Chordirektorin am Theater in Hof, wo sie ein vielfältiges Aufgabengebiet betreut. «Ich bin natürlich hauptverantwortlich für den zwanzigköpfigen Opernchor, der immer für die folgende Produktion einstudiert sein muss. Da ich, wie an kleineren Theatern üblich, keine Assistenz habe, muss ich sowohl die Proben leiten als auch Klavier spielen.» Auch personalmäßig ist sie für den Chor verantwortlich, organisiert die Tagesabläufe bis hin zu den Kostümanproben und darf auch Vorstellungen im Graben dirigieren. «An größeren Häusern wäre das wahrscheinlich nicht möglich. Für mich als Berufsanfängerin ist es schön, viel machen zu dürfen und verschiedene Aufgaben kennenzulernen. Ich dirigiere sehr oft auch szenische Proben, habe manchmal Klavieraufgaben und assistiere dem Musikdirektor bei den großen Produktionen.»
Ihr Interesse am Dirigieren zeigte sich schon früh und war, wie sie sagt, keine «Mein Traum»-Geschichte. «Ich habe immer im Dorf in der Blaskapelle gespielt, und als ich 14 oder 15 Jahre alt war und jemand gesucht wurde, der die Leitung übernimmt, habe ich das automatisch gemacht. In der Oberstufe habe ich im musischen Gymnasium in Eichstätt aus meiner Jahrgangsstufe einen Chor zusammengesetzt, und wir haben bei Schulkonzerten auch eigene Stücke aufgeführt. » Dass sie nach dem Abitur zunächst in München ein Studium der Schulmusik absolvierte, ehe sie an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar Chordirigieren studierte und mit dem Master abschloss, hält sie im Rückblick für eine gute Entscheidung. «Ich glaube, mit 18 wäre ich dafür noch nicht reif genug gewesen. Für ein Dirigierstudium braucht man viel Vorbereitung und viel Persönlichkeit.» Als Stipendiatin beim «Forum Dirigieren» hat sie bereits an mehreren Masterclasses mit bekannten Chordirigent:innen teilgenommen. «Die Praxiserfahrung, die wir sogar mit Rundfunkchören sammeln dürfen, ist sehr wertvoll. Das Ensemble singt jeden Tag zusammen, die Sängerinnen und Sänger haben sehr, sehr viel Übung und Routine und korrigieren sich manchmal schon selbst, oder es reicht ein kleiner Hinweis.»
Profis und Halbprofis: Herausforderungen der Chorarbeit
Obwohl bei den Stipendiat:innen sehr gefragt, müssen Rundfunkchöre für den dirigentischen Nachwuchs nicht immer das Nonplusultra sein. Wenn Georg Grün Masterclasses leitet, hat er sein eigenes Ensemble zur Verfügung, den semiprofessionellen KammerChor Saarbrücken. «Der Deutsche Musikrat arbeitet ja mit verschiedenen Kolleg:innen und ihren Ensembles zusammen, die alle unterschiedliche Strukturen haben. Das Schöne bei dem Gesamtprogramm ist, dass die Stipendiaten sich unterschiedliche Ensembles mit unterschiedlichen Ansprüchen und unterschiedlichen Schattierungen sowie deren Leiter:innen anschauen und davon profitieren können», ist seine Erfahrung. «Das Schöne an semiprofessionellen Ensembles ist, dass sie manchmal flexibler sind in der Art und Weise, sich auf Dirigent:innen einzulassen, weil sie stärker auf das angewiesen sind, was von vorne gezeigt wird, als ein rein professionelles Ensemble, das aus sich heraus ein ganz eigenes Standing hat und manchmal aus der Komfortzone nicht so ganz herauskommen kann oder will.» So kann es passieren, dass ein Profichor auf seinem Niveau bleibt und besser singt, als die Dirigent: in es gerade hinkriegt. «Meine Erfahrung in den letzten Jahren war – und das war auch das Feedback vieler Stipendiat:innen –, dass die Spiegelung bei einem semiprofessionellen Chor realistischer ist, weil das Ensemble dann schlecht singt, wenn schlecht gearbeitet wird.»
Eine künstlerische Persönlichkeit entwickeln: Chance der zweiten Förderstufe
Im Sommer endet für Lucia Birzer und ihre Kolleg:innen die erste Förderstufe. Um in die zweite Förderung aufgenommen zu werden, steht ein erneutes Vordirigieren an, und nicht alle, sondern nur rund die Hälfte werden den Sprung schaffen. Wem dies aber gelingt, hat in den folgenden zwei Jahren die Möglichkeit, seine künstlerische Persönlichkeit abzurunden. «Technische Aspekte sind dann gar kein Thema mehr, sondern die Erwartung ist, dass eine künstlerische Reife zum Ausdruck kommt», sagt Grün. Zugleich werden die Stipendiat:innen auf die Konzertförderungsliste gesetzt, die von der Verwertungsgesellschaft für ausübende Künstler:innen und Hersteller:innen (gvl) bezuschusst wird. «Das bedeutet konkret, dass Chöre und Orchester einen Zuschuss beantragen können, wenn sie Nachwuchsdirigent:innen für Konzertprojekte oder Einstudierungen engagieren. Es hilft, das Honorar für die jungen Leute etwas aufzustocken, und soll Chöre auch dazu anregen, weniger bekannte Namen zu engagieren, ohne sich um einen finanziellen Verlust sorgen zu müssen», erklärt Eva Pegel.
Der Abschlusspreis ist nicht das Ende
Am Ende der insgesamt vierjährigen Förderung steht automatisch die Teilnahme am Deutschen Chordirigentenpreis mit dem RIAS Kammerchor in Berlin. Im Oktober 2024 werden dort drei oder vier Kandidat: innen eine ganze Woche lang mit den Profis ein Programm erarbeiten. Wurde der Gewinn bisher nur einer Person zugesprochen, so steht dieses Prinzip derzeit etwas in Frage, wie Projektleiterin Pegel anmerkt. «Wir überlegen gerade, ob wir nicht auch einen 2. und 3. Preis vergeben sollen, damit nicht einer oder eine alles bekommt und die anderen leer ausgehen. Mit einem großen Abschlusskonzert, zu dem auch Veranstalter: innen und Agenturen eingeladen werden, bietet der Deutsche Musikrat dem dirigentischen Nachwuchs noch einmal eine Plattform. Auch auf der Konzertförderungsliste bleiben die Stipendiat:innen noch weitere zwei Jahre. Denn es ist ja nicht so, dass sie dann plötzlich im Berufsleben stehen, sondern das ist ein langer Prozess. Und da wollen wir sie noch etwas längerfristig begleiten.»