Kopfporträt von Lucia Birzer
Die junge Dirigentin Lucia Birzer wird vom Forum Dirigieren gefördert ©Kerstin Muth

Forum Dirigieren: Wirkungsvolle Förderung für den Nachwuchs

Beson­ders für ange­hen­de Profidirigent:innen ist den Über­gang vom Stu­di­um in den Beruf häu­fig nicht leicht. Für sie kommt noch eine spe­zi­el­le Hür­de hin­zu: Sie kön­nen nicht im stil­len Käm­mer­lein üben, son­dern brau­chen einen sehr leis­tungs­fä­hi­gen Klang­kör­per. Doch die Mög­lich­kei­ten, Pra­xis­er­fah­rung mit Pro­fis sam­meln zu kön­nen, sind rar gesät. Umso wich­ti­ger sind För­der­pro­gram­me, die den diri­gen­ti­schen Spit­zen­nach­wuchs unter­stüt­zen. Die­ses Vaku­um füllt der Deut­sche Musik­rat, der Musik­för­de­rung im brei­tes­ten Sin­ne betreibt, mit sei­nem zwei­stu­fi­gen, auf vier Jah­re ange­leg­ten Pro­gramm «Forum Diri­gie­ren».

Nach dem Studium, vor der Anstellung: Wie findet man den Weg in die Berufspraxis?

Den Anfang mach­te zu Beginn der 1990er-Jah­re der Orches­ter­för­der­zweig, der 2008 um den Chor­för­der­zweig ergänzt wur­de. «Dort gab es im Prin­zip das glei­che Pro­blem. Zwar hat­ten die jun­gen Leu­te mehr Pra­xis­er­fah­rung, weil sie oft schon lan­ge im Chor gesun­gen und mit Lai­en- oder semi­pro­fes­sio­nel­len Chö­ren gear­bei­tet haben, aber auf dem Spit­zen­ni­veau gab es sehr weni­ge Mög­lich­kei­ten, mit Pro­fis prak­ti­sche Erfah­run­gen sam­meln zu kön­nen», erklärt Eva Pegel, die das «Forum Diri­gie­ren» als Pro­jekt­lei­te­rin betreut. Obwohl auch Hoch­schu­len zuneh­mend Koope­ra­tio­nen mit renom­mier­ten Ensem­bles ein­ge­hen, ist der Bedarf an Unter­stüt­zung wei­ter­hin groß. «Die Chor­sze­ne hat sich in den letz­ten 30 Jah­ren sehr pro­fes­sio­na­li­siert. Damit ist auch der Anspruch an alle Sei­ten gestie­gen, nicht nur an die Stu­die­ren­den, son­dern auch an die, die sie unter­rich­ten», weiß der inter­na­tio­nal gefrag­te Chor­di­ri­gent Georg Grün, der sowohl den Kam­mer­Chor als auch den Bach­Chor Saar­brü­cken lei­tet und eine Pro­fes­sur für Chor­lei­tung an der Hoch­schu­le für Musik Saar inne­hat. «Nach dem Stu­di­um der Chor­lei­tung fal­len vie­le erst­mal in ein Loch, weil sie nicht genau wis­sen, wohin die Rei­se geht. Es gibt ja ganz vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, mit einem Chor zu arbei­ten, vom Thea­ter bis zu semi­pro­fes­sio­nel­len Ensem­bles in der frei­en Sze­ne. Und da ist ein Pro­gramm wie ‹Forum Diri­gie­ren› eine wun­der­ba­re Gele­gen­heit für die­se Zwi­schen­schrit­te, die nach dem Stu­di­um feh­len.»

Wie fördert das Forum Dirigieren?

Für den Chor­för­der­zweig stellt der Deut­sche Musik­rat 15 Plät­ze zur Ver­fü­gung, für die man sich bis zum Alter von 30 Jah­ren belie­big oft bewer­ben kann. Zwar klei­ner als der Orches­ter­zweig, ist das Geschlech­ter­ver­hält­nis hier im Unter­schied zum Instru­men­tal­be­reich aus­ge­wo­gen. Wer zum Vor­di­ri­gie­ren ein­ge­la­den und in die ers­te För­der­stu­fe auf­ge­nom­men wird, erhält die Mög­lich­keit, gut zwei Jah­re lang unter Anlei­tung nam­haf­ter Dirigent:innenpersönlichkeiten an Meis­ter­kur­sen mit unter­schied­lichs­ten Chö­ren teil­zu­neh­men, sei­en es Opern‑, Rund­funk- oder auch sehr gute semi­pro­fes­sio­nel­le Chö­re und Kam­mer­chö­re. Zusätz­lich ste­hen soge­nann­te Aka­de­mie­ver­an­stal­tun­gen auf dem Pro­gramm, bei denen es um außer­mu­si­ka­li­sche, aber den­noch berufs­re­le­van­te The­men wie Steu­ern, Musik­recht, Kon­zert­mo­de­ra­ti­on oder Musi­ker­ge­sund­heit geht. «Nicht ganz unwich­tig ist, dass die Stipendiat:innen auch Teil unse­res Netz­werks sind», meint Eva Pegel. «Wir sind auch eine Anlauf­stel­le, stel­len Kon­tak­te her und ver­su­chen, ganz indi­vi­du­ell Din­ge zu ermög­li­chen, zum Bei­spiel Opern­as­sis­ten­zen. Gera­de im Chor­be­reich ist es oft so, dass die jun­gen Leu­te gar nicht so sehr ans Thea­ter wol­len. Man­che sind aber doch im Opern­be­reich gelan­det und haben Blut geleckt, nach­dem sie mal eine Assis­tenz über sechs Wochen mit­ge­macht und eine gan­ze Pro­duk­ti­on erlebt haben.»

Von der Blaskapelle ans Stadttheater: Lucia Birzer über ihre ersten Karriereschritte

Wenn auch ohne vor­he­ri­ge Opern­as­sis­tenz, hat Lucia Bir­zer, Sti­pen­dia­tin in der ers­ten För­der­stu­fe, im Musik­thea­ter der­zeit ihre Auf­ga­be gefun­den. «Ich habe mich selbst ins kal­te Was­ser gewor­fen», erzählt die 28-Jäh­ri­ge lachend. Sie ist seit Sep­tem­ber 2022 Chor­di­rek­to­rin am Thea­ter in Hof, wo sie ein viel­fäl­ti­ges Auf­ga­ben­ge­biet betreut. «Ich bin natür­lich haupt­ver­ant­wort­lich für den zwan­zig­köp­fi­gen Opern­chor, der immer für die fol­gen­de Pro­duk­ti­on ein­stu­diert sein muss. Da ich, wie an klei­ne­ren Thea­tern üblich, kei­ne Assis­tenz habe, muss ich sowohl die Pro­ben lei­ten als auch Kla­vier spie­len.» Auch per­so­nal­mä­ßig ist sie für den Chor ver­ant­wort­lich, orga­ni­siert die Tages­ab­läu­fe bis hin zu den Kos­tüm­an­pro­ben und darf auch Vor­stel­lun­gen im Gra­ben diri­gie­ren. «An grö­ße­ren Häu­sern wäre das wahr­schein­lich nicht mög­lich. Für mich als Berufs­an­fän­ge­rin ist es schön, viel machen zu dür­fen und ver­schie­de­ne Auf­ga­ben ken­nen­zu­ler­nen. Ich diri­gie­re sehr oft auch sze­ni­sche Pro­ben, habe manch­mal Kla­vier­auf­ga­ben und assis­tie­re dem Musik­di­rek­tor bei den gro­ßen Pro­duk­tio­nen.»

Ihr Inter­es­se am Diri­gie­ren zeig­te sich schon früh und war, wie sie sagt, kei­ne «Mein Traum»-Geschichte. «Ich habe immer im Dorf in der Blas­ka­pel­le gespielt, und als ich 14 oder 15 Jah­re alt war und jemand gesucht wur­de, der die Lei­tung über­nimmt, habe ich das auto­ma­tisch gemacht. In der Ober­stu­fe habe ich im musi­schen Gym­na­si­um in Eich­stätt aus mei­ner Jahr­gangs­stu­fe einen Chor zusam­men­ge­setzt, und wir haben bei Schul­kon­zer­ten auch eige­ne Stü­cke auf­ge­führt. » Dass sie nach dem Abitur zunächst in Mün­chen ein Stu­di­um der Schul­mu­sik absol­vier­te, ehe sie an der Hoch­schu­le für Musik Franz Liszt Wei­mar Chor­di­ri­gie­ren stu­dier­te und mit dem Mas­ter abschloss, hält sie im Rück­blick für eine gute Ent­schei­dung. «Ich glau­be, mit 18 wäre ich dafür noch nicht reif genug gewe­sen. Für ein Diri­gier­stu­di­um braucht man viel Vor­be­rei­tung und viel Per­sön­lich­keit.» Als Sti­pen­dia­tin beim «Forum Diri­gie­ren» hat sie bereits an meh­re­ren Mas­ter­clas­ses mit bekann­ten Chordirigent:innen teil­ge­nom­men. «Die Pra­xis­er­fah­rung, die wir sogar mit Rund­funk­chö­ren sam­meln dür­fen, ist sehr wert­voll. Das Ensem­ble singt jeden Tag zusam­men, die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger haben sehr, sehr viel Übung und Rou­ti­ne und kor­ri­gie­ren sich manch­mal schon selbst, oder es reicht ein klei­ner Hin­weis.»

Profis und Halbprofis: Herausforderungen der Chorarbeit

Obwohl bei den Stipendiat:innen sehr gefragt, müs­sen Rund­funk­chö­re für den diri­gen­ti­schen Nach­wuchs nicht immer das Non­plus­ul­tra sein. Wenn Georg Grün Mas­ter­clas­ses lei­tet, hat er sein eige­nes Ensem­ble zur Ver­fü­gung, den semi­pro­fes­sio­nel­len Kam­mer­Chor Saar­brü­cken. «Der Deut­sche Musik­rat arbei­tet ja mit ver­schie­de­nen Kolleg:innen und ihren Ensem­bles zusam­men, die alle unter­schied­li­che Struk­tu­ren haben. Das Schö­ne bei dem Gesamt­pro­gramm ist, dass die Sti­pen­dia­ten sich unter­schied­li­che Ensem­bles mit unter­schied­li­chen Ansprü­chen und unter­schied­li­chen Schat­tie­run­gen sowie deren Leiter:innen anschau­en und davon pro­fi­tie­ren kön­nen», ist sei­ne Erfah­rung. «Das Schö­ne an semi­pro­fes­sio­nel­len Ensem­bles ist, dass sie manch­mal fle­xi­bler sind in der Art und Wei­se, sich auf Dirigent:innen ein­zu­las­sen, weil sie stär­ker auf das ange­wie­sen sind, was von vor­ne gezeigt wird, als ein rein pro­fes­sio­nel­les Ensem­ble, das aus sich her­aus ein ganz eige­nes Stan­ding hat und manch­mal aus der Kom­fort­zo­ne nicht so ganz her­aus­kom­men kann oder will.» So kann es pas­sie­ren, dass ein Pro­fichor auf sei­nem Niveau bleibt und bes­ser singt, als die Diri­gent: in es gera­de hin­kriegt. «Mei­ne Erfah­rung in den letz­ten Jah­ren war – und das war auch das Feed­back vie­ler Stipendiat:innen –, dass die Spie­ge­lung bei einem semi­pro­fes­sio­nel­len Chor rea­lis­ti­scher ist, weil das Ensem­ble dann schlecht singt, wenn schlecht gear­bei­tet wird.»

Eine künstlerische Persönlichkeit entwickeln: Chance der zweiten Förderstufe

Im Som­mer endet für Lucia Bir­zer und ihre Kolleg:innen die ers­te För­der­stu­fe. Um in die zwei­te För­de­rung auf­ge­nom­men zu wer­den, steht ein erneu­tes Vor­di­ri­gie­ren an, und nicht alle, son­dern nur rund die Hälf­te wer­den den Sprung schaf­fen. Wem dies aber gelingt, hat in den fol­gen­den zwei Jah­ren die Mög­lich­keit, sei­ne künst­le­ri­sche Per­sön­lich­keit abzu­run­den. «Tech­ni­sche Aspek­te sind dann gar kein The­ma mehr, son­dern die Erwar­tung ist, dass eine künst­le­ri­sche Rei­fe zum Aus­druck kommt», sagt Grün. Zugleich wer­den die Stipendiat:innen auf die Kon­zert­för­de­rungs­lis­te gesetzt, die von der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft für aus­üben­de Künstler:innen und Hersteller:innen (gvl) bezu­schusst wird. «Das bedeu­tet kon­kret, dass Chö­re und Orches­ter einen Zuschuss bean­tra­gen kön­nen, wenn sie Nachwuchsdirigent:innen für Kon­zert­pro­jek­te oder Ein­stu­die­run­gen enga­gie­ren. Es hilft, das Hono­rar für die jun­gen Leu­te etwas auf­zu­sto­cken, und soll Chö­re auch dazu anre­gen, weni­ger bekann­te Namen zu enga­gie­ren, ohne sich um einen finan­zi­el­len Ver­lust sor­gen zu müs­sen», erklärt Eva Pegel.

Der Abschlusspreis ist nicht das Ende

Am Ende der ins­ge­samt vier­jäh­ri­gen För­de­rung steht auto­ma­tisch die Teil­nah­me am Deut­schen Chor­di­ri­gen­ten­preis mit dem RIAS Kam­mer­chor in Ber­lin. Im Okto­ber 2024 wer­den dort drei oder vier Kan­di­dat: innen eine gan­ze Woche lang mit den Pro­fis ein Pro­gramm erar­bei­ten. Wur­de der Gewinn bis­her nur einer Per­son zuge­spro­chen, so steht die­ses Prin­zip der­zeit etwas in Fra­ge, wie Pro­jekt­lei­te­rin Pegel anmerkt. «Wir über­le­gen gera­de, ob wir nicht auch einen 2. und 3. Preis ver­ge­ben sol­len, damit nicht einer oder eine alles bekommt und die ande­ren leer aus­ge­hen. Mit einem gro­ßen Abschluss­kon­zert, zu dem auch Ver­an­stal­ter: innen und Agen­tu­ren ein­ge­la­den wer­den, bie­tet der Deut­sche Musik­rat dem diri­gen­ti­schen Nach­wuchs noch ein­mal eine Platt­form. Auch auf der Kon­zert­för­de­rungs­lis­te blei­ben die Stipendiat:innen noch wei­te­re zwei Jah­re. Denn es ist ja nicht so, dass sie dann plötz­lich im Berufs­le­ben ste­hen, son­dern das ist ein lan­ger Pro­zess. Und da wol­len wir sie noch etwas län­ger­fris­tig beglei­ten.»

Portrait von Friedegard Hürter

Autor:in

Friedegard Hürter

Friedegard Hürter ist Musikwissenschaftlerin, begeisterte Chorsängerin und als Musik- und Kulturjournalistin tätig.

Verwandte Artikel

Weitere spannende Themen aus der Chorwelt

Cover der besprochenen Notenausgabe vor illustriertem Hintergrund

Neue (Chor-)Musik: «Christus Factus Est» von Daniel Kidane

Mit Werken für Orchester ist Daniel Kidane zu einem vielgespielten Komponisten der Gegenwart geworden. Jetzt erscheint bei Schott Music ein Werk für gemischten Chor.

Ein großer Kinderchor steht auf monumentalen Kulissen mit Motiven des altertümlichen Agypten.

Musicals für Kinderchöre – eine Erfolgsgeschichte

Sie heißen «Aus der Reihe getanzt», «Passwort: Zeitmaschine» und «Wolle, das mutige Schaf im dicksten Fell». Warum Musicals für Kinderchöre so beliebt sind.

Die trauernde Mutter Gottes am Kreuz, als Miniatur in einem Glaskolben montiert

Von Trauer und Lebensbejahung: Dvořáks Stabat Mater

Geliebt von Presse und Publikum: Antonin Dvořáks Stabat Mater war sofort ein internationaler Erfolg. Jens Berger über das so populäre wie persönliche Werk.