Ich bin jetzt Tänzerin. Bewegung ist mein Leben. Naja, einmal pro Woche, donnerstags in der «Dance Class», wie wir Profis sagen. Und ich sehe es als meine Pflicht, dieses Talent weiterzugeben. Zum Beispiel an meinen Chor. Wir proben gerade unser erstes Musicalprogramm und ich habe mich bereit erklärt, einige Tanzschritte zu «Circle of Life» aus «The Lion King» einzustudieren. Was für eine Zeitverschwendung.
Circle of Hüfte
Los ging’s mit einer professionellen Ansprache: «Hey ihr kleinen Warzenschweinchen, ich bringe euch heute eine super-süße Choreo bei. Wir shaken unsere Bootys. Vielleicht wird’s auch hot wie in der Savanne!» Dann das Warm-up. Hüftkreisen. «Spürt mal, wie eure Muskeln sich dehnen. Welche Feelings kommen da bei euch hoch?» Marion aus dem Alt sagt, ihr künstliches Gelenk knackt. Tenor Norbert kreist beharrlich in die falsche Richtung. Bass Uwe wankt und fällt fast in Marions Schoß. Ich atme tief ein. Uff. Der Circle of Life in meinem Chor steht kurz vor seinem natürlichen Ende.
Attitude statt Händchenhalten
Egal, ich gehe in die Choreo. Beim Refrain («In the circle of life, it’s the wheel of fortune …”) gleite ich in eine langsame Bodyroll. Alle starren mich an wie eine Herde Giraffen. Und so bewegen die sich auch. Wie bekiffte Giraffen. «Mehr Flow!», rufe ich. «Schaltet den Kopf aus! Feel sexy!» Mein nächster Move: Beine weit auseinander, halbe Drehung, Blick über die rechte Schulter. «Hier brauchen wir Attitude. Ihr seid die Savanne, wild, frei, sinnlich!» Ach du je. Die erinnern mich an Strauße, die ihre Gesichtchen hektisch in alle Richtungen drehen, während ihr Körper regungslos bleibt. «Sinnlicher, viel sinnlicher! Touch your Hüften! Lasst das Becken sprechen!»
Marion fragt leise: «Warum sollen wir denn bei Simbas Geburt sinnlich sein?» Norbert nickt. «Sind wir hier bei ‹Moulin Rouge›? Warum fassen wir uns nicht einfach an den Händen – symbolischer Lebenskreis, fertig.» Ich schüttele energisch den Kopf. «Anfassen? Eklig. Wer weiß, wo eure Hände heute schon überall waren?» Marion murmelt: «Na, zum Beispiel an unserem Hüftbereich.» Boah, Augenroll.
Meine Güte. Sind. Die. Verkopft. «Nächste Woche ‹Hakuna Matata› – bei Pumbaas Strophe geht’s auf den Boden. Bringt Knieschoner mit!»