Singend auf dem Weg: das estnische Sänger- und Tanzfest
Fast drei Jahrzehnte lang beschäftige ich mich nun schon mit der estnischen Musikkultur, war zu zahlreichen Konzert- und Studienaufenthalten in Estland unterwegs und musste mir noch Anfang 2025 selbst eingestehen, dass ich noch nie das estnische Sängerfest besucht hatte, was längst nicht mehr vor meinen estnischen Freund:innen zu entschuldigen war. Im Juli 2025 sollte es dann endlich so weit sein. Meine Tallinner Freundin, Journalistin und Moderatorin beim estnischen Fernsehen ERR, begleitete mich in diesen unglaublich spannenden, eindrücklichen und ja, auch anstrengenden Tagen. Mein Flieger landete am Freitagabend in Tallinn, meine Freundin war bereits vor Ort und es ging sofort zum großen Tanzfest-Areal.
Farbe, Bewegung, Choreografie
Das meist als Sängerfest betitelte Großereignis, die lebensfrohe Manifestation estnischen kulturellen Lebens, die, von Krisenzeiten abgesehen, nur alle fünf Jahre stattfindet, trägt nämlich den vollständigen Titel «Eesti Laulu- ja Tantsupidu» – Estnisches Sänger- und Tanzfest –, und so ist auch der Volkstanz Teil der Festtage. Ich hatte glücklicherweise eine Pressekarte und wir gelangten so auf das längst ausverkaufte Areal: ein Stadion mit tausenden Menschen auf den Zuschauerrängen. Mir wurde schwindelig von den in prächtige Landestrachten gekleideten Tanzgruppen, die sich quirlig auf dem Vorplatz zu ihren jeweiligen Positionen bewegten, hunderte, wie von Zauberhand. Die farbenfrohe, sich über Stunden hinziehende Veranstaltung war schon weit fortgeschritten. Als ich einen Sitzplatz ergattert hatte, bot sich mir ein Schauspiel akkurater, ineinander verwobener Tanzformationen, die das ganze Stadionfeld in ausgelassener Fröhlichkeit überzogen. Hier waren Meister:innen der Regie am Werk (Leitende Choreografin: Helena-Mariana Reimann), und unzählige Probestunden der einzelnen Gruppierungen mussten all dem vorausgegangen sein. Ich hörte einen Esten neben mir flunkern, die russische Armee könne ein solches «Manöver» niemals absolvieren. Bei allen Mitwirkenden, den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, war Herzblut zu spüren.

Vorbereitung und Vorfreude – der Weg zum Sängerfestplatz
Am Folgetag begann auf dem großen Sängerfestplatz in Tallinn das Sängerfest – zwei musikalische Tage mit einem Vorkonzert am Samstagabend und dem Hauptkonzert mit einer Dauer von etwa fünf bis sechs Stunden zuzüglich Pausen am Sonntag. Ein Mammutprojekt in jeder Hinsicht: von der künstlerischen und technischen Organisation über monatelange Probenarbeit sowie das Flechten unzähliger Blumen- und Lorbeerkränze bis hin zur Unterbringung tausender Mitwirkender und deren Verpflegung und Einkleidung. Und dann das Wetter, das, wie ich bereits im Vorfeld gehört hatte, meist regnerisch ist. Ich besorgte mir noch wasserfestes Schuhwerk und einen Regenumhang und war damit bestens gerüstet.
Aus dem Fenster meiner Wohnung, die in einem ruhigen Stadtviertel von Tallinn gelegen war, beobachtete ich vormittags reges Treiben in den Seitenstraßen. Aus den Haustüren traten in estnische Trachten gekleidete Sänger:innen und Musiker:innen. Sie machten sich auf den Weg zum großen Umzug aller Beteiligten, der traditionell von der Stadtmitte hinaus zum Sängerfestplatz führt. Auch meine Freundin und ich machten uns auf den Weg Richtung Innenstadt, zunächst mit dem Auto … bis es kein Weiterkommen gab und die Straßen für das Großereignis abgeriegelt waren. Erst jetzt offenbarte sie mir, dass wir einige Kilometer bis zum Sängerfestplatz zu Fuß gehen werden, wie im Übrigen alle anderen Beteiligten und Zuhörer:innen auch. Es ist Teil des Gemeinschaftserlebnisses. Uns führte der Weg zunächst an eine der Hauptstraßen, wo wir eine ganze Weile den vorbeiziehenden Chorgruppierungen zusahen. Es war bewegend. Die Sänger:innen kamen aus allen Landesteilen Estlands und waren stolz und überglücklich, nach einem strengen Auswahlverfahren nun dabei sein zu können. Trotz der zunächst misslichen Wetterlage wurden immer wieder estnische Lieder angestimmt. Jetzt verstand ich, dass dieses Ereignis erlebt und durchlebt werden muss, und zwar vor Ort. Jeder Chor fieberte bereits auf seine Auftritte hin und auf das Singen mit in diesem Jahr insgesamt 32.000 (!) Gleichgesinnten beim großen Finale am darauffolgenden Tag.
Auf dem Sängerfestplatz: Chorgesang als verbindende Kraft
Auf dem Sängerfestplatz erhebt sich vor dem Publikum eine riesige Konzertmuschel, die zehntausende Chorist:innen und Musiker:innen fassen kann. Davor steht auf einem hohen, für alle gut sichtbaren Podest eine stabile, mit Kränzen geschmückte Plattform für Dirigent:innen. Als meine Freundin und ich am Sängerfestplatz ankamen, war der zur Bühne hin abfallende Hang bereits gut gefüllt. Im vorderen Bereich gab es Sitzgelegenheiten, weiter hinten behalf man sich mit mitgebrachten Klappstühlen oder Picknickdecken. Viele Esten waren mit der gesamten Familie gekommen und hatten große Taschen mit Verpflegung für die nächsten Stunden dabei. Nicht zu vergessen: estnische Fahnen in allen Größen. Ein Meer aus Blau-Schwarz-Weiß … Die Eröffnung des Sängerfests nahte; ab 19.30 Uhr übertrug das Fernsehen live und die Chöre und Dirigent:innen zogen ein. Sie hatten die Flamme des Sängerfests dabei, eine Fackel, die bis hoch auf den Turm neben der Bühne getragen wurde, wo das Feuer in einer weithin sichtbaren Schale von den Organisator:innen entzündet und damit das Sängerfest offiziell eröffnet wurde. Sehr feierlich, sehr der Bedeutung dieses Ereignisses bewusst. Kein olympischer Wettkampf, sondern eine starke Manifestation des Gefühls der Zusammengehörigkeit einer Nation, einer gewachsenen Kultur und historisch wie auch aktuell gesehen ein selbstbewusstes Statement der nationalen Einheit gegenüber Aggressoren und Fremdherrschaft.

Estnischer Chorgesang versteht sich immer auch als verbindende politische Kraft und spiegelt seit den Zeiten der Singenden Revolution die starke Verwurzelung der Esten mit ihrem Land und ihren Traditionen wider. Dafür stehen estnische Hymnen wie die Nationalhymne «Mu isamaa, mu õnn ja rõõm» (Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude) von Frederik Pacius, «Mu isamaa on minu arm» (Mein Vaterland ist meine Liebe), 1944 von Gustav Ernesaks komponiert, oder auch das noch unter sowjetischer Herrschaft 1989 von Peep Sarapik geschriebene «Ta lendab mesipuu poole» (Die Biene fliegt zum Bienenstock). Es sind diese Hymnen, die als Höhepunkt am Schluss des zweiten Konzerttages zelebriert werden. Das Publikum erhebt sich, die estnischen Fahnen werden geschwenkt, die eine oder andere Träne der Rührung wird sichtbar. Auch ich bemerkte eine anhaltende Gänsehaut. 32.000 Chorist:innen und Tausende aus dem Publikum sangen gemeinsam; insgesamt waren etwa zehn Prozent (!) der estnischen Bevölkerung samt Staatspräsident Alar Karis im Rund. Neeme Järvi dirigierte den Abschluss, dann wurden die Dirigent:innen mit dicken Lorbeerkränzen geehrt, mit vereinten Kräften hochgehoben und mehrfach in die Luft geworfen. Das Wetter hatte längst ein Einsehen und in der mittlerweile eingetretenen Abenddämmerung stimmten die Chöre ad hoc Zugaben an. Die Flamme des Sängerfests war da bereits erloschen, aber alle wollten dieses Momentum festhalten, das in seiner Einzigartigkeit erst wieder 2028 stattfinden wird.
Zeitloses Bewahren: das Sänger- und Tanzfest als Tradition
Am Ausgang grüßte noch einmal die sitzende Statue von Gustav Ernesaks, einem wichtigen Protagonisten der estnischen Chorwelt. Sein Denkmal war mit Blumenkränzen geschmückt und blickte anscheinend zufrieden auf das Areal. Nach einigen Schritten entdeckte ich auf einer großen Schautafel folgende Worte von Lennart Meri, dem ehemaligen estnischen Staatspräsidenten (1992–2001): «The song festival has never been in fashion, because it is not a matter of fashion. It is a matter of the heart. As is the Estonian language and spirit, as is love. Fashions come and go, but the people remain and the country remains. Songs have been our weapons, song festivals our victories.»
«Das Sängerfest war nie in Mode, weil es keine Frage der Mode ist. Es ist eine Angelegenheit des Herzens. So wie die estnische Sprache und der estnische Geist, so wie die Liebe. Moden kommen und gehen, aber die Menschen bleiben und die Nation bleibt. Lieder waren unsere Waffen, Sängerfeste unsere Siege.»
Zwei Jahre nach Meris Tod wurden die baltischen Sänger- und Tanzfeste von der UNESCO als Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Nun standen die Kilometer des Rückwegs für uns an. Meine Freundin scherzte, ob meiner offensichtlich schlechten Kondition, man merke, wer nie vor dem «Tiger» weglaufen musste.
Gut zu wissen …
Die Sänger- und Tanzfeste haben in Estland eine lange Tradition und eine große Bedeutung.
Gründung: Das erste Sängerfest in Estland fand 1869 in Tartu statt. Zum ersten Mal in Tallinn wurde das Sängerfest 1880 abgehalten, ab 1896 war die Hauptstadt regelmäßiger Ausrichter.
Teilnehmerzahlen: In den vergangenen fünfzig Jahren hat die Zahl der teilnehmenden Gruppen stark zugenommen: von 627 im Jahr 1975 auf etwa 1.000 im Jahr 2025.
Fun Fact: 2025 gaben die Veranstalter*innen 205.000 Brotscheiben und 178.000 Portionen (etwa 70 Tonnen) Suppe an die Teilnehmer:innen aus.