Estland: Ein Gesang — ein Land

Autor:in

Anu Kõlar

Ausgabe

N° 128 | Januar 2026

Das Image Est­lands ist geprägt von Gesang und Sin­gen, sei es durch die Sin­gen­de Revo­lu­ti­on Ende der 1980er-Jah­re oder durch die Auf­nah­me der est­ni­schen, let­ti­schen und litaui­schen Lied- und Tanz­fest­tra­di­tio­nen in die Lis­te des kul­tu­rel­len Erbes der UNESCO im Jahr 2003. Wenn man fragt, wie und war­um das Chor­sin­gen in Est­land eine so bemer­kens­wer­te Posi­ti­on erreicht hat, muss man in die Ver­gan­gen­heit bli­cken. Geo­po­li­tisch an der Schnitt­stel­le zwi­schen Ost und West gele­gen, stand Est­land den größ­ten Teil sei­ner Geschich­te unter frem­der Herr­schaft. Nur zwei­mal – von 1918 bis 1940 und seit 1991 – ist es den Esten gelun­gen, die Unab­hän­gig­keit durch­zu­set­zen. Seit der Chris­tia­ni­sie­rung Ende des 12. Jahr­hun­derts gehör­ten die est­ni­schen Gebie­te ein­deu­tig zur deut­schen Ein­fluss­sphä­re, noch ver­stärkt durch die Han­se. Die Ober­schicht der Gesell­schaft war deutsch­spra­chig. Ihre füh­ren­de Rol­le in Wirt­schaft, Kirchen‑, Bil­dungs- und Musik­le­ben blieb auch dann bestehen, als Est­land Pro­vinz des schwe­di­schen Reichs (1561– 1721) und danach des rus­si­schen Kai­ser­reichs (1721–1918) wur­de. Die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung, die soge­nann­ten Undeut­schen, bestand über­wie­gend aus Bau­ern, die bis Anfang des 19. Jahr­hun­derts Leib­ei­ge­ne waren.

Das Vereinswesen als Nährboden der Identität

Ver­än­de­run­gen in den gesell­schaft­li­chen Bezie­hun­gen und im geis­ti­gen Leben began­nen um die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts im Zusam­men­hang mit der Auf­klä­rung, beson­ders aber durch die Mis­si­ons­ar­beit der Herrn­hu­ter. Die­se Bewe­gung schätz­te das gemein­sa­me Sin­gen und Musi­zie­ren. Damit brach­te sie unter ande­rem eine revo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­rung in Musik­prak­ti­ken und im Lied­re­per­toire der Esten mit sich und berei­te­te der Chor­be­we­gung den Boden.

Von euro­päi­schen Auf­klä­rungs­ideen getra­gen, ent­stand ein reges Ver­eins­we­sen. Hier ent­wi­ckel­te sich der Chor­ge­sang eben­falls zu einer belieb­ten Akti­vi­tät. Die ers­ten est­ni­schen Kul­tur­ver­ei­ne wur­den Mit­te der 1860er-Jah­re nach deutsch­bal­ti­schem Vor­bild in den grö­ße­ren Städ­ten Tal­linn und Tar­tu – auf Deutsch damals Reval und Dor­pat – gegrün­det, aber auch auf dem Land wuchs ihre Zahl rasch. Die Ver­ei­ne – frei­wil­li­ge, auf ähn­li­chen Inter­es­sen beru­hen­de demo­kra­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen – boten die Mög­lich­keit, über ver­schie­de­ne The­men zu dis­ku­tie­ren. Sie hal­fen durch gemein­sa­me Unter­neh­mun­gen, beson­ders durch Chor- und Orches­ter­ak­ti­vi­tä­ten und öffent­li­che Kon­zer­te, eine gemein­sa­me kul­tu­rel­le Iden­ti­tät auf­zu­bau­en. Gera­de des­halb wur­den die Ver­ei­ne zum Haupt­nähr­bo­den für das sich stär­ken­de Selbst­be­wusst­sein der Esten und die Ver­brei­tung natio­na­ler Ideen.

Die Ver­ei­ne wur­den zum Haupt­nähr­bo­den für das sich stär­ken­de Selbst­be­wusst­sein der Esten und die Ver­brei­tung natio­na­ler Ideen.

Die Entstehung der estnischen Sängerfeste

Die ers­ten deutsch­bal­ti­schen Sän­ger­fes­te in Tal­linn 1857 und 1866 brach­ten den viel­sei­ti­gen Johann Vol­de­mar Jann­sen (1819–1890) auf die Idee, mit dem Ver­ein Vane­mui­ne ein ähn­li­ches est­ni­sches Sän­ger­fest vor­zu­be­rei­ten. Nach Über­win­dung büro­kra­ti­scher Hin­der­nis­se und eini­ger Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten fand vom 18. bis 20. Juni 1869 in Tar­tu das ers­te est­ni­sche all­ge­mei­ne Sän­ger­fest statt. 46 Män­ner­chö­re und fünf Blas­or­ches­ter mit ins­ge­samt 878 Sän­gern und Musi­kern nah­men teil; es gab über 12.000 Zuhörer:innen. Bei den bei­den Haupt­kon­zer­ten des Fes­tes wur­den 27 ziem­lich schwie­ri­ge vier­stim­mi­ge Lie­der auf Est­nisch auf­ge­führt. Dar­über hin­aus wur­den ein Fest­um­zug, Auf­trit­te ein­zel­ner Chö­re sowie ein Wett­be­werb für Chö­re und Orches­ter orga­ni­siert und natio­nal gefärb­te Reden gehal­ten. Wie zeit­ge­nös­si­sche Zei­tun­gen und Erin­ne­run­gen von Teilnehmer:innen bezeu­gen, erleb­te man an die­sen Tagen eine bei­spiel­lo­se Begeis­te­rung, Zusam­men­ge­hö­rig­keit und Zuver­sicht, die dem Musik­le­ben fri­schen Schwung ver­lie­hen. Im kul­tu­rel­len Gedächt­nis und in den est­ni­schen Geschichts­bü­chern mar­kiert das ers­te all­ge­mei­ne Sän­ger­fest den Höhe­punkt des soge­nann­ten «Natio­na­len Erwa­chens».

Die fol­gen­den all­ge­mei­nen Sän­ger­fes­te fan­den in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den statt. Die Sän­ger­fest­be­we­gung fand eine immer brei­te­re Reso­nanz – jedes Fest gab einen Impuls zur Grün­dung neu­er Chö­re und zur Erwei­te­rung des Reper­toires. Sän­ger­fes­te, die als kul­tu­rel­le Anlei­he von den Deutsch­bal­ten ent­stan­den waren, wur­den spä­tes­tens Ende des 19. Jahr­hun­derts zu einem typisch est­ni­schen Ereig­nis und Teil der natio­na­len Tra­di­ti­on. Mit der Chor­be­we­gung ging die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ein­her: Am Ende des Jahr­hun­derts erlang­ten die ers­ten Esten am Peters­bur­ger Kon­ser­va­to­ri­um höhe­re Bil­dung in der Musik.

Ein qua­li­ta­tiv neu­es Niveau zeig­te das sieb­te all­ge­mei­ne Sän­ger­fest 1910, des­sen Pro­gramm aus­schließ­lich aus Wer­ken est­ni­scher Komponist:innen bestand; zudem waren alle Dirigent:innen der ver­ei­nig­ten Chö­re aka­de­misch aus­ge­bil­de­te Musiker:innen. Mit mehr als 10.000 Teilnehmer:innen über­traf das Fest alle vor­he­ri­gen. Bemer­kens­wert ist, dass zum ers­ten Mal in der Geschich­te der Sän­ger­fes­te öffent­li­che Kon­flik­te zwi­schen Orga­ni­sa­to­ren und rus­si­schen Behör­den­ver­tre­tern aus­bra­chen, der letz­te davon am Ende des Fes­tes, als die Chö­re spon­tan «Mu isa­maa, mu õnn ja rõõm» («Mein Vater­land, mein Glück und mei­ne Freu­de») von Fre­de­rik Paci­us zu sin­gen began­nen. Die Esten hat­ten das Lied als inof­fi­zi­el­le Hym­ne über­nom­men, spä­ter wur­de es zur Natio­nal­hym­ne der Repu­blik Est­land.

Aufblühen in Zeiten estnischer Unabhängigkeit

Am Ende des Ers­ten Welt­kriegs gelang es Est­land, am 24. Febru­ar 1918 die natio­na­le Unab­hän­gig­keit aus­zu­ru­fen. Die Chor­be­we­gung wur­de damit noch leben­di­ger, obwohl der Auf­bau des klei­nen Staa­tes in sehr engen Ver­hält­nis­sen begann. Wäh­rend der ers­ten Unab­hän­gig­keit (1918–1940) wur­den vie­le Musik­in­sti­tu­tio­nen ins Leben geru­fen, dar­un­ter das Tall­in­ner Kon­ser­va­to­ri­um und das Rund­funk­or­ches­ter. 1921 wur­de mit staat­li­cher Unter­stüt­zung auch der Est­ni­sche Sän­ger­bund gegrün­det. Er soll­te die Chö­re ver­ei­nen, neu­es Reper­toire beschaf­fen und ver­öf­fent­li­chen sowie Sän­ger­fes­te orga­ni­sie­ren. Wäh­rend der Unab­hän­gig­keit fan­den ins­ge­samt vier all­ge­mei­ne Sän­ger­fes­te statt: 1923, 1928, 1933 und 1938. Das präch­tigs­te war das letz­te, das neun­te all­ge­mei­ne Sän­ger­fest, an dem 17.500 Sänger:innen und Musiker:innen teil­nah­men, die dem Publi­kum 43 Lie­der und Orches­ter­stü­cke est­ni­scher Komponist:innen prä­sen­tier­ten.

Über­all blit­zen wei­ße Sän­ger­müt­zen: Der Lie­der­platz in Tal­linn bei einem Sän­ger­fest im frü­hen 20. Jahr­hun­dert (Foto: Carl Sarap, Crea­ti­ve Com­mons)

Chorgesang und Sängerfeste unter sowjetischer Besatzung

Im Som­mer 1940 wur­de Est­land sowje­tisch besetzt; am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs wur­de die Besat­zung fort­ge­führt. Auch unter die­sen Bedin­gun­gen wur­den die Sän­ger­fes­te fort­ge­setzt, jedoch unter staat­li­cher Lei­tung und Auf­sicht. Unmit­tel­bar nach der Beset­zung und Anne­xi­on der Repu­blik Est­land liqui­dier­te das Regime alle frei­wil­li­gen Bür­ger­ver­ei­ni­gun­gen und orga­ni­sier­te die Struk­tu­ren des Musik­le­bens nach dem sowje­tisch-zen­tra­li­sier­ten Modell um. Die­sem zufol­ge war die Tätig­keit der Ama­teur­chö­re an Fabri­ken, Arbei­ter­klubs, Schu­len und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen gebun­den; aus dem Reper­toire wur­den alle Lie­der ent­fernt, die nicht der kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gie ent­spra­chen, und Chö­re wur­den unter Druck gesetzt, Lie­der sowje­ti­scher Autor:innen auf­zu­füh­ren. Nur die­je­ni­gen neu­en Wer­ke est­ni­scher Kom­po­nist: innen wur­den gedruckt, die die Zen­sur pas­siert hat­ten.

Die all­ge­mei­nen Sän­ger­fes­te wur­den in stark poli­ti­sier­te Mas­sen­fei­ern umge­wan­delt. Aller­dings änder­te sich der poli­ti­sche Kurs der Sowjet­uni­on wie­der­holt, was sich auch in der Orga­ni­sa­ti­on der Sän­ger­fes­te wider­spie­gel­te. So waren die Fes­te wäh­rend der Sta­lin-Ära 1950 und 1955 gekenn­zeich­net durch eine Fül­le rus­sisch­spra­chi­ger Pro­pa­gan­da­lie­der, die Betei­li­gung von Mili­tär­or­ches­tern und ‑chö­ren, die Abschaf­fung von Tra­di­tio­nen und so wei­ter. Die Sän­ger­fes­te 1960, 1965 und 1969 fie­len in die soge­nann­te Tau­wet­ter-Peri­ode, ein Teil des frü­he­ren Reper­toires und der ver­bo­te­nen Ritua­le wur­de wie­der erlaubt. In den 1970er- und 1980er-Jah­ren, als die sowje­ti­sche Ideo­lo­gie den Inter­na­tio­na­lis­mus und die Über­le­gen­heit der rus­si­schen Spra­che und Kul­tur beton­te, muss­ten Kol­lek­ti­ve aus ande­ren Sowjet­re­pu­bli­ken ein­ge­la­den und der Anteil rus­si­scher Lie­der erhöht wer­den.

Ein Symbol des estnischen Widerstands

Bereits zu Beginn der Sowjet­be­sat­zung war das Ver­ständ­nis für die beson­de­re, auch natio­nal ver­bin­den­de Wir­kung des gemein­sa­men Sin­gens bei den Chö­ren ver­wur­zelt. Trotz des ste­ten Drucks und der Kon­trol­le durch die Behör­den blieb dies auch wäh­rend der Sowjet­zeit so. Bei allen zwi­schen 1960 und 1990 statt­fin­den­den Sän­ger­fes­ten wie­der­hol­te sich ein und das­sel­be Mus­ter: In zwei lan­gen Frei­luft­kon­zer­ten führ­ten Chö­re und Orches­ter 30 bis 45 Stü­cke auf. Gleich­zei­tig wuss­ten sowohl Sän­ger: innen und Musiker:innen als auch Zuhörer:innen, dass der emo­tio­na­le Höhe­punkt des Fes­tes am letz­ten Abend erreicht wer­den wür­de, wenn alle Chö­re auf der Büh­ne zusam­men­ka­men, ins­ge­samt bis zu 25.000 Sänger:innen. Nach eini­gen all­ge­mein bekann­ten Lie­dern been­de­te der ver­ei­nig­te Chor das Sän­ger­fest mit dem lyri­schen Lied «Mu isa­maa on minu arm» («Mein Vater­land ist mei­ne Lie­be ») des legen­dä­ren Diri­gen­ten und Kom­po­nis­ten Gus­tav Erne­saks (1908–1993). Das Publi­kum erhob sich, stand mit ent­blöß­tem Haupt und sang mit.

So wur­den die Sän­ger­fes­te der Sowjet­zeit zum Sym­bol est­ni­schen Wider­stands. Gera­de des­halb wird auch ver­ständ­lich, was geschah, als in der zwei­ten Hälf­te der 1980er-Jah­re die Hoff­nung auf den Zusam­men­bruch der sozia­lis­ti­schen Ord­nung ent­stand: In Est­land brach die Sin­gen­de Revo­lu­ti­on aus, es kam zu spon­ta­nen Sän­ger­fes­ten in Tal­linn 1988 und 1989, bei denen Zehn­tau­sen­de gemein­sam neue und älte­re patrio­ti­sche Lie­der san­gen.

Die est­ni­schen Sän­ger­fes­te set­zen sich fort: Im Som­mer 2025 fand das 28. all­ge­mei­ne Sän­ger­fest statt; das nächs­te steht 2028 bevor.

 

Der Arti­kel wur­de über­setzt von Anu Scha­per.

 

Neu­gie­rig gewor­den?

Bei visit esto­nia, dem Tou­ris­mus­amt Est­lands, fin­den sich eini­ge Foto- und Video­ein­drü­cke des Sän­ger­fests in Tal­linn:
https://visitestonia.com/de/aktivitaeten/das-saenger-und-tanzfest-in-estland

Arte hat dem est­ni­schen Sän­ger­fest 2025 eine Epi­so­de der Sen­dung Re: gewid­met:
https://www.arte.tv/de/videos/120880–006‑A/re-singen-fuer-estland/

Portrait von Anu Kõlar

Autor:in

Anu Kõlar

Die Musikwissenschaftlerin Anu Kõlar lehrt an der Estnischen Akademie für Musik und Theater, an der sie auch promoviert wurde. Ihre Fachgebiete sind die estnische Musikgeschichte und Fragen der Musikgeschichtsschreibung allgemein.

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