«Nigun» – jüdische Chormusik mit dem SWR Vokalensemble

Autor:in

Karsten Blüthgen

Ausgabe

N° 128 | Januar 2026

Kann ein Chor lachen, wei­nen, tan­zen, jubeln, gar ver­füh­ren? Ein über­zeu­gen­des Ja bie­tet das SWR Vokal­ensem­ble bei der Hohe­lied-Ver­to­nung «Shir Hash­irim» (1973) von Yehez­kel Braun. Das Stück ist ein Ren­ner im Her­kunfts­land Isra­el – hier­zu­lan­de bis­lang kaum prä­sent. Das könn­te sich nun ändern.

Israels Chorgeschichte hörbar gemacht

«Nigun», eine neue Ein­spie­lung des Stutt­gar­ter Cho­res, lässt bis ins Jahr 1955 zurück­bli­cken. Damals grün­de­te der israe­li­sche Diri­gent Gary Ber­ti­ni den «Rinat Chor», womit er nicht nur den Grund­stein für eine pro­fes­sio­nel­le Chor­mu­sik in sei­nem Land leg­te. Der spä­te­re Natio­nal­chor beein­fluss­te maß­geb­lich das Gedei­hen einer israe­li­schen Chor­land­schaft. Hebräi­sche Psal­men, Ver­se und Hym­nen wur­den ver­tont. Die Komponist:innen der Grün­der­ge­nera­ti­on wur­den um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert in Deutsch­land, Ost­eu­ro­pa und Russ­land gebo­ren, doch ihre Inspi­ra­ti­ons­quel­len waren brei­ter gestreut. Alle ver­band eine Fas­zi­na­ti­on für tra­di­tio­nel­le Musik der Juden ver­schie­de­ner Her­kunft sowie die der Ara­ber. Auch die Fol­ge­ge­nera­ti­on israe­li­scher Komponist:innen, dar­un­ter Yehez­kel Braun (1922–2014), ließ sich davon stark prä­gen.

Das SWR Vokalensemble lachend vor runden Holzsäulen
SWR Vokal­ensem­ble © Lena Sem­mel­rog­gen

Oder Aha­ron Har­lap, der 1941 in Kana­da zur Welt kam. Har­lap wan­der­te 1967 nach Isra­el aus, er stu­dier­te unter ande­rem mit Gary Ber­ti­ni. Mit sei­nem «Akei­dat Yit­chak» (Die Bin­dung Isaaks), 1979 für Rinat geschrie­ben, beginnt die CD dra­ma­tisch, packend und in den dis­so­nan­ten Rei­bun­gen und Kon­tras­ten haar­fein gezeich­net. Die­ser Satz fügt sich zusam­men mit 14 wei­te­ren auf «Nigun» zu einer beein­dru­cken­den Werk­schau ab den 1950er-Jah­ren. Vor allem in den Kom­po­si­tio­nen der Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­re zeigt sich ein immenser Reich­tum an zeit­ge­nös­si­schen Stil­rich­tun­gen und Ein­flüs­sen etwa US-ame­ri­ka­ni­scher Komponist:innen.

Stuttgarter Exzellenz: das SWR Vokalensemble

Für Yuval Wein­berg, 1990 in Tel Aviv gebo­ren und seit 2020 Chef­di­ri­gent des exzel­len­ten SWR Vokal­ensem­bles, war es eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit, Auf­merk­sam­keit auf die klang­präch­ti­ge wie ‑mäch­ti­ge Musik sei­nes Lan­des zu len­ken. In Stutt­gart waren ihm bes­te sän­ge­ri­sche Vor­aus­set­zun­gen zum Gelin­gen gege­ben. Als wei­te­res Bei­spiel sei das expres­sio­nis­ti­sche «Chi­dot» (Rät­sel) der 1992 gebo­re­nen Kom­po­nis­tin Shiri Rise­man genannt. Der mah­nen­de, vom alt­tes­ta­ment­li­chen Buch Haba­kuk inspi­rier­te Text fes­selt durch sei­ne unge­mein direk­te Anspra­che und die laut­ma­len­de, prä­zi­se, dabei hoch­emo­tio­na­le Inter­pre­ta­ti­on.

Portrait von Karsten Blüthgen

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Karsten Blüthgen

Karsten Blüthgen studierte Akustik und Musikwissenschaft. Er lebt in der Lausitz und schreibt Geschichten, Porträts und Musikkritiken für verschiedene Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit ihrer Gründung auch für die Chorzeit.

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