Mit viel Erfahrung: Sandra Lücke coacht Chorleiter:innen © Philine Bach

Wenn es mal nicht rund läuft: neue Angebote für Chorleiter:innen

Autor:in

Daniel Frosch

Ausgabe

N° 132 | September 2026

Chor­lei­te­rin Chris­ti­ne Rom­mel erin­nert sich noch gut an einen Moment in ihrer schwä­bi­schen Hei­mat, kurz nach ihrem Stu­di­um der Kir­chen­mu­sik in Her­ford. Da kom­men­tier­te ein Chor­mit­glied den Gesang einer Mit­sän­ge­rin mit den unfreund­li­chen Wor­ten, sie klin­ge wie eine ros­ti­ge Gieß­kan­ne. Rom­mels ver­mit­teln­de Ader war gefragt: «Die Frau hat mich am nächs­ten Tag ange­ru­fen, um mir zu sagen, dass sie nicht mehr in den Chor kommt und auch nicht mehr in die Kir­chen­ge­mein­de. Ich hat­te dann die Optio­nen, ent­we­der mit den Schul­tern zu zucken oder – das war der Weg, den ich gewählt habe – zwei Stun­den mit ihr zu tele­fo­nie­ren.» Intui­tiv gelang Rom­mel etwas, was sie spä­ter in Wei­ter­bil­dun­gen fach­lich unter­füt­ter­te: die Dyna­mik des Streits zu ver­än­dern und das Mit­ein­an­der zu ver­bes­sern. Die Frau blieb im Chor.

Chor­lei­tung ist Grup­pen­lei­tung. Und manch­mal braucht die­se beson­de­re Grup­pen­lei­tung Werk­zeu­ge, die über das Musi­ka­li­sche hin­aus­ge­hen. Rom­mel erin­nert sich, dass sie nach dem Stu­di­um man­che Schwie­rig­kei­ten unvor­be­rei­tet erwischt haben: «Ich war nur fürs Sin­gen aus­ge­bil­det; da gab es Stimm­bil­dung, Gesangs­un­ter­richt, Schlag­tech­nik, Chor­lei­tung. Aber was mache ich zum Bei­spiel, wenn Eltern ihre Kin­der nur unre­gel­mä­ßig und dann unpünkt­lich in den Kin­der­chor brin­gen? Damit umzu­ge­hen, wird ein­fach vor­aus­ge­setzt.» Rom­mel bil­de­te sich bald auf eige­ne Faust wei­ter, unter ande­rem als Media­to­rin. Heu­te ist sie eine der Supervisor:innen der Chor- und Ensem­ble­lei­tung Deutsch­land (CED) und hilft ande­ren Chorleiter:innen, wenn ihnen ihre Arbeit über den Kopf wächst.

Vom Gespür zum Konzept: Coaching entwickeln und ausarbeiten

Auch San­dra Lücke hat früh erkannt, dass Chor­lei­ter: innen von Rück­mel­dun­gen pro­fi­tie­ren kön­nen. Obwohl sie selbst schon als Jugend­li­che Pro­ben lei­te­te, wur­de sie vor allem stut­zig, wenn sie im Chor mit­sang: «Da habe ich mich gefragt, war­um es denn so schwie­rig ist, unter die­sem Chor­lei­ter zu sin­gen und es bei der Chor­lei­te­rin davor noch ganz ein­fach war. Was war anders?» Ant­wor­ten kamen Lücke nach und nach in den Sinn, aber der Weg zum aus­ge­ar­bei­te­ten Kon­zept war weit. Und er war gepflas­tert mit Aus­und Wei­ter­bil­dun­gen. Da waren die D- und C‑Ausbildungen als Chor­lei­te­rin, ein par­al­lel begon­ne­nes Psy­cho­lo­gie­stu­di­um, das sie bald durch das Stu­di­um der Musik­päd­ago­gik an der Musik­hoch­schu­le in Det­mold ersetz­te. Eine Aus­bil­dung zur Erzie­he­rin hat­te sie eben­falls absol­viert.

«Es ist so ein­fach, etwas zum Guten zu wen­den, wenn man weiß, wie es geht.»

Eigent­lich idea­le Vor­aus­set­zun­gen für eine Arbeit als Coach. Nur: «Damals habe ich noch nicht an Coa­ching gedacht, das gab es so für mich zu die­ser Zeit noch nicht.» Erst als Lücke wäh­rend der Covid-19- Pan­de­mie plötz­lich als Lei­te­rin ihrer bei­den Chö­re pau­sie­ren muss­te, gab es einen klei­nen Durch­bruch. «Als wir wäh­rend Coro­na nicht arbei­ten durf­ten, fehl­te mir ein­fach der Chor als Res­sour­ce. Also habe ich eine Aus­bil­dung zum sys­te­misch-inte­gra­ti­ven Coach ange­fan­gen. Die war fan­tas­tisch und ich habe bemerkt: Es ist so ein­fach, etwas zum Guten zu wen­den, wenn man weiß, wie es geht.» Lücke hol­te sich Unter­stüt­zung und ent­wi­ckel­te Hil­fe­stel­lun­gen für Chorleiter:innen: «Ich hat­te viel dar­über nach­ge­dacht, wie Chor und Coa­ching zusam­men­ge­hen. Und dann ist mir klar­ge­wor­den: Die Basis ist der Raum, den wir schaf­fen kön­nen, in dem eine gute Ent­wick­lung mög­lich ist.»

Kompakt oder intensiv: die Angebote der CED für Chorleiter:innen

Wäh­rend Lücke ihr Ange­bot aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen und Erkennt­nis­sen her­aus auf­bau­te, ver­such­te es die CED mit einem Auf­ruf. Im Früh­jahr 2024 such­te sie ver­sier­te Chor- und Ensem­ble­lei­ter: innen, die sich zu Supervisor:innen aus­bil­den las­sen woll­ten. Schnell war klar, dass Schwer­punk­te noch gefun­den wer­den müs­sen, erin­nert sich Rom­mel: «Wir haben uns per­sön­lich oder online getrof­fen und bespro­chen, was wir brau­chen und was die CED erwar­tet. Wir haben bei Kolleg:innen hos­pi­tiert, um unse­ren Blick zu schu­len, und simu­liert, dass wir Kol­leg: innen super­vi­sie­ren.» Drei Tage in der Lan­des­mu­sik­aka­de­mie Hes­sen in Schlitz waren die Gele­gen­heit, ein­mal alle Fähig­kei­ten und Erkennt­nis­se in eine Form zu brin­gen. Pünkt­lich zur chor.com 2024 gab es ein aus­ge­reif­tes Kon­zept. Seit­her kön­nen Ensembleleiter:innen ihre Arbeit von den Expert:innen der CED begut­ach­ten las­sen.

«Dann geht es nicht dar­um: ‹Ich hät­te ger­ne ein biss­chen mehr Geld›, son­dern um die Fra­ge: ‹Bin ich denen denn nicht mehr wert?›»

Das Ange­bot beginnt bei der Rück­mel­dung auf einen gefilm­ten Pro­ben­mit­schnitt und reicht bis zur inten­si­ven drei­mo­na­ti­gen per­sön­li­chen Beglei­tung mit vor- und nach­be­rei­ten­den Gesprä­chen. Men­schen kämen mit den unter­schied­lichs­ten Pro­ble­men zu ihr, erzählt Rom­mel, und ent­spre­chend fle­xi­bel hand­ha­be sie ihren Werk­zeug­kas­ten: «Es gibt Leu­te, die belas­tet, dass sie ein The­ma mit einem Chor­sän­ger oder einer Chor­sän­ge­rin haben. Oder die völ­li­ge Über­for­de­rung, weil sich in der Kir­chen­ge­mein­de, in der man 15 oder 20 Jah­re lang gear­bei­tet hat, Struk­tu­ren ver­än­dern und man damit klar­kom­men muss. Und gleich­zei­tig stimmt das Salär nicht, und dann geht es nicht dar­um: ‹Ich hät­te ger­ne ein biss­chen mehr Geld›, son­dern um die Fra­ge: ‹Bin ich denen denn nicht mehr wert?›» Mit klei­nen Inter­ven­tio­nen gibt Rom­mel dann Denk­an­stö­ße. Wenn ein Kon­flikt noch in der Frei­zeit nach­wirkt, fragt sie zum Bei­spiel: «Wie lan­ge darf die­se Per­son bei dir noch am Kaf­fee­tisch sit­zen?»

CED-Ange­bo­te wie die «Lei­tungs­zeit» oder die «CED-Lei­tungs­be­ra­tung Basic » fin­den nied­rig­schwel­lig am Tele­fon oder online statt. Super­vi­sio­nen kön­nen eben­falls online durch­ge­führt wer­den. Das kann in Form eines Gesprächs sein, auch Pro­ben sei­en hilf­rei­ches Mate­ri­al, sagt Chris­ti­ne Rom­mel – auf­ge­zeich­net oder auch live: «Man kann zum Bei­spiel mit sei­nem Chor ver­ein­ba­ren, die Kame­ra mit­lau­fen und mich 90 Minu­ten an einer Pro­be teil­ha­ben zu las­sen. » Für umfang­rei­che­re Super­vi­sio­nen kom­men die Expert:innen der CED zu per­sön­li­chen Gesprä­chen, zu Pro­ben und Kon­zer­ten gefah­ren, erklärt Rom­mel. «Jeder von uns hat in sei­nem Pro­fil Infor­ma­tio­nen dazu ste­hen, wo er oder sie Stand­bei­ne haben. Ich lebe zum Bei­spiel in Ber­lin, aber selbst­ver­ständ­lich ist es für mich gut mög­lich, in Gegen­den, in denen mei­ne Kin­der leben, einen Besuch dort mit einer Super­vi­si­on zu ver­knüp­fen. Das ist für jeden von uns eine Fra­ge der Abspra­che.»

Drei Säulen für neue Stabilität: Coaching nach Maß

San­dra Lücke unter­stützt als Coach vor allem Ver­än­de­rungs­pro­zes­se. Auf drei Säu­len hat sie ihr Coa­ching auf­ge­baut. Die so wich­ti­ge Gestal­tung eines posi­ti­ven Raums hat Lücke «Die gute Chor-Kul­tur» genannt. Hier ver­mit­telt sie ein Mit­ein­an­der jen­seits von Top-Down-Hier­ar­chien: «Ein Chor­lei­ter wie Simon Hal­sey, der Chö­re in ganz Euro­pa gelei­tet hat, ist zum Bei­spiel jemand, der eine wahn­sin­nig gro­ße Band­brei­te an Sicht­wei­sen hat. Da freut sich auch jeder Pro­fi im Rund­funk­chor Ber­lin, wenn er unter so jeman­dem sin­gen darf. Und dann gibt es eben ande­re mit stark fokus­sier­ten Sicht­wei­sen: ‹Das muss aber so und so sein …› Das ist grund­sätz­lich nichts Schlech­tes, denn immer­hin weiß die Füh­rungs­kraft, wo sie hin will – es lässt aber wenig krea­ti­ve Frei­heit zu.» In einem wei­te­ren Coa­ching-Ange­bot unter­stützt Lücke Chorleiter:innen bei der Selbst­steue­rung, ver­mit­telt Füh­rungs­kom­pe­ten­zen und Selbst­für­sor­ge und erar­bei­tet eine pas­sen­de Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur. Ein drit­tes Ange­bot wid­met sich der Büh­nen­prä­senz von Vokal­ensem­bles. Ihre Leis­tun­gen als frei­er Coach hat Lücke mit­hil­fe einer Web­site am Markt posi­tio­niert, die Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen bie­tet und Buchun­gen ermög­licht. Kur­se bie­tet sie der­zeit vor­wie­gend rund um ihren Lebens­mit­tel­punkt in Ost­west­fa­len-Lip­pe an. Im nächs­ten Jahr gibt Lücke ihr Wis­sen aber auch am Nord­kol­leg Rends­burg in einem Modul «Chor-Psy­cho­lo­gie» an ange­hen­de Chorleiter:innen wei­ter, also bei einer öffent­li­chen Ein­rich­tung im Nor­den Deutsch­lands.

Portrait von Daniel Frosch

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Daniel Frosch

Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.

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