Calmus Ensemble bezaubert mit «Liebesleid»
Schon das Cover zeigt es: Das Calmus Ensemble hat Freude am Durchleuchten. Und wie es hier strahlt, in diesem Liebesleid-Rundumschlag!
Das Calmus Ensemble muss man nicht mehr vorstellen, oder? Nun, immer mal wieder gibt es ja Wechsel in der Besetzung. Der klangliche Massenschwerpunkt liegt mittlerweile noch einmal etwas höher und war es bereits vorher gegenüber vergleichbaren Ensembles, auch wegen der hellen Männerstimmen. Der Gesamteindruck blieb derselbe – mit Mut zum eigenen Ton und auch mal poppig nah am Mikro gehauchten Tönen, so gleich im ersten Stück, einem wie maßgeschneidert sitzenden Arrangement von Leonard Cohens Hallelujah.
Calmus stellt die Klanglichkeit der Stücke in den Vordergrund, badet nicht in den Worten. Und kostet das weidlich aus; «einfach fließen lassen» wäre zu einfach. Ihr Anspruch, die Freude am eigenen Können und all ihren Möglichkeiten führt zu einem sehr instrumentalen Ergebnis, das mitunter nicht mehr an chorisches Singen erinnert, sondern gar den Eindruck einer nur synthetisch erzeugbaren Fassung streift.
Bezaubernd schön gesetzte Klänge
Das ist verdammt gekonnt, berückend vor allem im Zusammenspiel der drei Oberstimmen, doch durch diesen Interpretationsansatz wird das Ohr der Hörer:innen immer aufs Wie gerichtet – und das Was kann etwas aus dem Blick geraten. Das Maß der Interpretationseingriffe ist mitunter so hoch, dass man von eigener Fassung sprechen darf. Wer sich darauf einlässt und wem es nichts ausmacht, volksliedhaft-natürliche Schlichtheit oder alpenländische Agogik in Brahms Volksliedsätzen zu vermissen, der wird auf andere Weise belohnt, erfährt bezaubernd schön gesetzte Klänge, etwa in John Rutters Traditional Songs, und hört die Stücke mit ganz neuen Ohren. Gerade bei den italienischen Madrigalen von Grabbe, der sich nur wegen seines großteils nicht überlieferten Œuvres leider hinter Zeitgenossen versteckt, passt das ausgezeichnet, erweckt es doch bei heutigen Hörer:innen vielleicht genau jenen Eindruck, den das damalige Publikum gehabt haben mag: «Oh, was ist denn da los?!» (Auf die Spitze trieb diese Idee einst Hans Zender mit seiner «komponierten Interpretation» von Schuberts «Winterreise» – dies nur zum Vergleich; auf dieser CD findet sich das Werk nicht.)
Bei Distler und Kreisler wird so aus «kunstvoll» manchmal «artifiziell», und der Text nimmt ein hinteres Pult ein. Bei diesem Ergebnis: egal!