Bewegend gesungen: Bachs Johannes-Passion aus Versailles
Straff und mit Gestaltungswillen führt Gaétan Jarry durch die schlimme Geschichte der Johannes-Passion Johann Sebastian Bachs. Choräle, die anderswo zur frommen Innensicht abbremsen, fügen sich hier ins Erzähltempo ein. Die Turbachöre brennen. Star dieses Livemitschnitts aus Versailles, der jetzt beim Label Château de Versailles Spectacles auf DVD und Blu-Ray erschienen ist, ist Evangelist Linard Vrielink. Er begnügt sich nicht mit gepflegtem Halbstimm-Parlando, sondern durchlebt vollstimmig jedes Wort – jedes «R» mit eingeschlossen. In Legato-Diktion und Vokalbildung erinnert er mitunter an große Tenorkultur der 1950er-Jahre.
Die Holzbläser des engagiert und historisch informiert aufspielenden Orchestre de l’Opéra Royal verdienen besonderes Lob, auch die Gambistinnen in der Arie «Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken», in der Tenor Moritz Kallenberg mit schönem Messa di Voce überzeugt. Den – wie seinerzeit in Leipzig – von Knaben gesungenen Sopran- und Altsoli gelingt es, über schöne Töne hinaus auch emotionalen Gehalt zu vermitteln. Reifere Semester in Chortenor und ‑bass geben dem Tölzer Knabenchor Fundament und Spannkraft. Überhaupt sind viele Chorknaben mit ganzem Herzen dabei, wie man schön auf DVD oder Blu-Ray sehen kann. Dieses Moment der Glaubwürdigkeit kommt besonders ins Spiel, wenn der Gesang der Chorknaben auf denjenigen stimmlich potenterer Solist:innen trifft, die keine deutschen Muttersprachler:innen sind und daher mit der Aussprache hadern. Für das Publikum in Versailles stand jedoch sicher nicht perfektes Deutsch im Vordergrund. (Dass Pilatus hörbar am falschen Ort ist, passt allerdings gut zum fremden Besatzer.)
So findet man hier verschiedene Herangehensweisen an Bach-Gesang kombiniert, die von der Tontechnik in einem einheitlichen Klangbild dargestellt werden.