Von Trauer und Lebensbejahung – Dvořáks Stabat Mater

Autor:in

Jens Berger

Ausgabe

N° 129 | März 2026

Antonín Dvořák war gera­de 35 Jah­re alt und hat­te noch längst kei­nen Höhe­punkt sei­ner kom­po­si­to­ri­schen Lauf­bahn in Sicht, als er sich gleich mit sei­nem ers­ten grö­ße­ren Kir­chen­werk um nichts Gerin­ge­res als den größ­ten Schmerz, den Tod der Aller­nächs­ten küm­mer­te. Viel­leicht hät­te er lie­ber – wie vie­le ande­re Kom­po­nis­ten – zunächst als Vor­übung die eine oder ande­re erbau­li­che Kan­ta­te ent­wor­fen, bevor er sich an die­sen emo­tio­nal auf­ge­la­de­nen und durch sein immer wie­der aus­brem­sen­des Vers­maß nur hei­kel zu ver­to­nen­den Text wag­te: die mit­tel­al­ter­li­che Sequenz «Sta­bat mater dolo­ro­sa». In vie­len Momen­ten hat sie den Ges­tus eines Requi­ems. In ihrem Zen­trum steht die schmerz­er­füll­te Mut­ter Maria, die vor dem Kreuz ihren toten Sohn beweint. Wer nach­le­sen möch­te: Johan­nes 19,25.

Wut und Trauer: die Entstehung des Stabat Mater

Der bärtige, mittelalte Antonin Dvorak, gekleidet in Hemd mit Binder, Weste und Sakko, aufgenommen im Portrait
 Antonín Dvořák nach einer Foto­gra­fie von 1882 © Wiki­me­dia Com­mons

War­um Dvořák im Früh­ling des Jah­res 1876 die Kom­po­si­ti­on in Angriff nahm, ist nicht mehr ein­deu­tig fest­zu­ma­chen. Von einem Auf­trag ist nichts bekannt. Vie­les spricht für einen bio­gra­fisch zu ver­an­kern­den Ansatz: Weni­ge Mona­te zuvor war sei­ne Toch­ter Jose­fa kurz nach ihrer Geburt gestor­ben. Inso­fern liegt der Ver­weis auf die trau­ern­de Mut­ter nahe. Zudem war Dvořák ein tief­from­mer Mensch und wie vie­le sei­ner Lands­leu­te mit dem Mari­en­kult innig ver­traut. Sein Freund Leos Janá­ček, der spä­ter als Diri­gent mit für den Erfolg des Sta­bat Mater sorg­te, hat­te eine ande­re Erklä­rung parat, eine eben­falls bio­gra­fi­sche, doch mit ganz ande­rem Akzent. Er beschreibt Dvořák als jeman­den, der Anre­gung und Kraft für eige­ne Kom­po­si­tio­nen aus dem Ärger über Wer­ke sei­ner Kol­le­gen schöpf­te: «Ein Augen­blick beleuch­te­te mir blitz­ar­tig das Geheim­nis sei­nes Schaf­fens. Er fand kei­ne Wor­te, die schroff genug waren gegen Skroups ‚‹Wo ist mein Heim?› … und nicht lan­ge danach kom­po­nier­te er auf Skroups Moti­ve die Musik zu ‹Kaje­tán Tyl›! Gereizt blät­ter­te er in Ber­li­oz’ Requi­em und bald wird das Erschei­nen sei­nes eige­nen Requi­ems bekannt … Emp­fing er mit glei­chem Unwil­len die Anre­gung zu sei­nen übri­gen Wer­ken?»

Sein Freund Leos Janá­ček, der spä­ter als Diri­gent mit für den Erfolg des Sta­bat Mater sorg­te, hat­te eine ande­re Erklä­rung parat, eine eben­falls bio­gra­fi­sche, doch mit ganz ande­rem Akzent. Er beschreibt Dvořák als jeman­den, der Anre­gung und Kraft für eige­ne Kom­po­si­tio­nen aus dem Ärger über Wer­ke sei­ner Kol­le­gen schöpf­te: «Ein Augen­blick beleuch­te­te mir blitz­ar­tig das Geheim­nis sei­nes Schaf­fens. Er fand kei­ne Wor­te, die schroff genug waren gegen Skroups ‚‹Wo ist mein Heim?› … und nicht lan­ge danach kom­po­nier­te er auf Skroups Moti­ve die Musik zu ‹Kaje­tán Tyl›! Gereizt blät­ter­te er in Ber­li­oz’ Requi­em und bald wird das Erschei­nen sei­nes eige­nen Requi­ems bekannt … Emp­fing er mit glei­chem Unwil­len die Anre­gung zu sei­nen übri­gen Wer­ken?»

In ähn­li­cher Wei­se soll ihm so das Sta­bat Mater von Franz Xaver Witt miss­fal­len haben. Er mach­te wohl leid­haf­te Erfah­rung mit dem Werk im Herbst 1875, als er bei einer Auf­füh­rung den Har­mo­ni­um­part über­neh­men muss­te.  Nach Janá­ček Mei­nung soll die sprö­de und unsinn­li­che Musik Witts dem mit hei­ßem Her­zen glau­ben­den Dvořák ein solch eisi­ger Dorn im Gehör­gang gewe­sen sein, dass er sich an eige­ne Skiz­zen setz­te. Über ers­te Ent­wür­fe einer erwei­ter­ten kan­ta­ten­na­hen Form ging die­se frü­he Arbeits­pha­se aller­dings nicht hin­aus. Viel­ver­spre­chen­de Auf­trags­wer­ke und eige­ne, packen­de­re Pro­jek­te stan­den bald wie­der im Vor­der­grund. Die Skiz­zen zum Sta­bat Mater ver­schwan­den in der Schub­la­de.

Doch wie das Leben in Zei­ten hoher Kin­der­sterb­lich­keit lei­der spiel­te, soll­te der Tod der neu­ge­bo­re­nen Jose­fa nicht der schlimms­te Schlag jener Jah­re blei­ben. Ein­ein­halb Jah­re spä­ter star­ben kurz nach­ein­an­der sei­ne bei­den ande­ren Kin­der. Die gera­de ein Jahr alte Růže­na griff neu­gie­rig zu einem unschein­ba­ren Fläsch­chen und trank ver­se­hent­lich eine töd­li­che Phos­phor­lö­sung; Sohn Otakar erlag weni­ge Wochen spä­ter den Pocken, am 36. Geburts­tag des Vaters. Nun dau­er­te es nicht lan­ge, bis die Arbeit am Sta­bat Mater wie­der auf­ge­nom­men wur­de. In weni­gen Wochen stand die Instru­men­ta­ti­on. Das Werk wäre so schon auf­führ­bar gewe­sen, doch bis zur Urauf­füh­rung dau­er­te es noch ein paar Jah­re.

Dvořáks Stabat Mater – ein europäischer Siegeszug

Zu Dvořáks Moti­va­ti­on wis­sen wir jetzt aber mehr. Wenn sei­ne fami­liä­ren Tra­gö­di­en viel­leicht nicht unbe­dingt Aus­lö­ser für den Beginn der Kom­po­si­ti­on waren, so doch mit ziem­li­cher Wahr­schein­lich­keit der Anlass für ihre Voll­endung. Den Lei­den, die die Ent­ste­hungs­zeit präg­ten, ste­hen indes Glücks­mo­men­te gegen­über. Schließ­lich ver­schaff­te gera­de die­ses Werk Dvořáks inter­na­tio­na­lem Renom­mee einen enor­men Schub. Nach der Pra­ger Urauf­füh­rung im Jahr 1880 wur­de es in sei­ner böh­mi­schen Hei­mat bereits begeis­tert rezi­piert. 1881 erschien es auf Emp­feh­lung von Brahms bei Sim­rock; 1882 lei­te­te Leoš Janá­ček eine Auf­füh­rung in Mla­dá, dann folg­te eine in Buda­pest. Der end­gül­ti­ge Durch­bruch – nicht nur des Sta­bat Mater – soll­te dann nur noch ein wei­te­res Jahr auf sich war­ten las­sen, war dann aber umso erstaun­li­cher. Ort des Gesche­hens war Lon­don, genau­er: die Roy­al Albert Hall. Die hier 1883 von Joseph Barn­by gelei­te­te Auf­füh­rung ver­setz­te das eng­li­sche Publi­kum in Ent­zü­cken. Dvořák muss­te nicht lan­ge war­ten, in die Metro­po­le ein­ge­la­den zu wer­den. Als er sein Werk noch ein­mal selbst lei­te­te, waren der Begeis­te­rung kei­ne Gren­zen mehr gesetzt. Kri­tik und Publi­kum waren sich einig – viel­leicht der größ­te denk­ba­re Erfolg für einen Kom­po­nis­ten. Der «musi­cal hero of the hour» (so die Times) hat­te die Her­zen der musi­ka­li­schen Öffent­lich­keit und end­lich auch das publi­zis­ti­sche Anse­hen Euro­pas gewon­nen.

«Von Num­mer zu Num­mer wuchs die all­ge­mei­ne Begeis­te­rung und gegen Ende war der Applaus so groß, dass ich dem Publi­kum immer wie­der dan­ken muss­te.»

Dabei gestal­te­te sich die Auf­füh­rung wohl so herz­er­grei­fend und von aller lit­ur­gisch-for­mel­len Stei­fe befreit, wie es sich der Kom­po­nist erträumt hat­te. Er erin­ner­te sich: «Im Kon­zer­te wur­de ich gleich beim Ein­tre­ten vom Publi­kum mit stür­mi­schem Bei­fall emp­fan­gen. Von Num­mer zu Num­mer wuchs die all­ge­mei­ne Begeis­te­rung und gegen Ende war der Applaus so groß, dass ich dem Publi­kum immer wie­der dan­ken muss­te. Zugleich wur­de ich auch ande­rer­seits vom Orches­ter und Chor mit den herz­lichs­ten Hul­di­gun­gen über­häuft. Kurz, es fiel so aus, dass ich es mir bes­ser nicht wün­schen konn­te.»

Das Stück im Kon­zert­saal statt in der Kir­che auf­zu­füh­ren, lag von Anfang an nah. Seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil war der Text nicht mehr regu­lä­rer Lit­ur­gie­be­stand­teil. Mög­lich ist er nur noch am 15. Sep­tem­ber zum «Gedächt­nis der sie­ben Schmer­zen Mari­ens».

War­um aber gera­de in Eng­land der Durch­bruch kam? Man erwar­te­te und erhoff­te von Kir­chen­mu­sik teils ande­res als auf dem Fest­land. In Lon­don hät­te wohl Witts Sta­bat Mater so wenig Anklang gefun­den wie in Dvořáks Ohr. Die angli­ka­ni­sche Kir­chen­mu­sik sorg­te sich nicht um die refor­me­ri­schen Ideen und puris­ti­schen Mit­tel des Cäci­lia­nis­mus, die auch Witts Werk zugrun­de lie­gen und wie ein Boll­werk gegen unmit­tel­ba­re Sinn­lich­keit wir­ken.

Der riesige runde Saal der Royal Albert Hall in London, gezeichnet bei der Einweihung 1871
Die Auf­füh­rung von Dvořáks Sta­bat Mater in der Roy­al Albert Hall in Lon­don brach­te 1883 den Durch­bruch für Werk und Kom­po­nist © Wiki­me­dia Com­mons

Zuversicht in Tönen: Dvořák erzählt vom Leben

Und gera­de das ist her­vor­ste­chen­des Merk­mal von Dvořáks Sta­bat Mater: star­ke Emp­fin­dun­gen mög­lichst undog­ma­tisch, auf­rich­tig und direkt dem Publi­kum zu ver­mit­teln. Dies kann wie­der­um nur bis zum Schluss inten­siv und mit klug dosie­ren­dem Kraft­ein­satz durch­ge­hal­ten wer­den, wenn man trotz aller Schmer­zen und tra­gi­schen Momen­te dem Publi­kum immer im Hin­ter­grund eine klei­ne, zuver­sicht­li­che Stüt­ze bie­tet. Der Kom­po­nist nimmt das Publi­kum bei der Hand; man erlebt nie boden­lo­se Ver­zweif­lung, und man ver­liert auch nie den Boden unter den Füßen vor lau­ter Ver­geis­ti­gung. Wie gelingt das Dvořák? Zum einen, indem er mit der Musik jenen gro­ßen Gefühls­bo­gen vom Ein­tref­fen einer schlim­men Nach­richt bis zum Sprie­ßen neu­er Hoff­nung nach­bil­det, der heu­te im Ver­än­de­rungs­ma­nage­ment Chan­ge-Kur­ve genannt wird. Zum ande­ren, indem er dabei nie den Men­schen aus dem Blick ver­liert: Erst ist es Maria, die ihren toten Sohn beweint, dann die Grup­pe der Umste­hen­den, dann im Gebet die Schau nach innen. Har­mo­nisch spannt sich die­se Chan­ge-Kur­ve im gro­ßen Bogen vom Moll des Anfangs zum Dur des Schlus­ses, macht sich zum Hal­ten der Span­nung schmerz­haf­te Chro­ma­tik und lang auf­ge­scho­be­ne Akkord­auf­lö­sun­gen zunut­ze. Am Beginn Trost­lo­sig­keit und Frus­tra­tio­nen, durch ver­min­der­te Akkor­de abge­bro­che­ne Ent­wick­lun­gen, ein Tief­punkt im sechs­ten Satz auf «Fac me vere tecum fle­re» (Lass mich wahr­lich mit dir wei­nen). Doch mit Durch­schrei­ten die­ses Tals der Trä­nen wer­den Ansät­ze der Bewäl­ti­gung spür­bar, scheint Trost wie­der mög­lich zu wer­den, um schließ­lich im hei­te­ren Fina­le die Erfül­lung der anfäng­li­chen Wün­sche im «Para­di­si glo­ria» zu fin­den. Auch musi­ka­lisch wird erfüllt, was ein­gangs ver­sagt wur­de: end­lich eine wirk­li­che Run­dung des The­mas vom Beginn.

So ist es auch nicht theo­lo­gi­sche Text­aus­deu­tung, die das Stück lei­tet. Viel­mehr ver­such­te Dvořák, mit sei­ner Musik kräf­ti­ge Bil­der schaf­fen. Der latei­ni­sche Sequenz­text bot ihm dabei ein inhalt­li­ches Fun­da­ment, aber auch nicht viel mehr. Dvořák konn­te wohl jenen Kom­po­nis­ten­kol­le­gen, die sich auf geist­li­che Wer­ke fokus­sier­ten, im Latei­ni­schen ohne­hin nicht das Was­ser rei­chen. Als ihm 1891 die Ehren­dok­tor­wür­de in Cam­bridge zuer­kannt wur­de, war es ihm nicht mög­lich, den latei­ni­schen Lob­re­den zu fol­gen. Ihm war auch nach eige­nen Aus­sa­gen das Gefühl im Her­zen wich­ti­ger, um ein Sta­bat Mater mit star­ken Bil­dern unter Musik zu set­zen.

In die­sem Werk ist so ein­mal nicht nur der Weg das Ziel, son­dern tat­säch­lich das Ende selbst, mag man es nun Lebens­be­ja­hung oder zuver­sicht­li­che Hoff­nung auf Erlö­sung nen­nen. Mit der Hoff­nung lag Dvořák nicht so falsch, denn ein ganz leben­di­ger Trost erwuchs ihm wäh­rend der Arbeit am Stück – im wirk­li­chen Wort­sinn: Sei­ne Toch­ter Otti­lie kam zur Welt, bevor das Werk voll­endet wur­de. Viel­leicht war die­ser Trost ja der Fun­ke für die Voll­endung.

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Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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