Von Trauer und Lebensbejahung – Dvořáks Stabat Mater
Antonín Dvořák war gerade 35 Jahre alt und hatte noch längst keinen Höhepunkt seiner kompositorischen Laufbahn in Sicht, als er sich gleich mit seinem ersten größeren Kirchenwerk um nichts Geringeres als den größten Schmerz, den Tod der Allernächsten kümmerte. Vielleicht hätte er lieber – wie viele andere Komponisten – zunächst als Vorübung die eine oder andere erbauliche Kantate entworfen, bevor er sich an diesen emotional aufgeladenen und durch sein immer wieder ausbremsendes Versmaß nur heikel zu vertonenden Text wagte: die mittelalterliche Sequenz «Stabat mater dolorosa». In vielen Momenten hat sie den Gestus eines Requiems. In ihrem Zentrum steht die schmerzerfüllte Mutter Maria, die vor dem Kreuz ihren toten Sohn beweint. Wer nachlesen möchte: Johannes 19,25.
Wut und Trauer: die Entstehung des Stabat Mater

Warum Dvořák im Frühling des Jahres 1876 die Komposition in Angriff nahm, ist nicht mehr eindeutig festzumachen. Von einem Auftrag ist nichts bekannt. Vieles spricht für einen biografisch zu verankernden Ansatz: Wenige Monate zuvor war seine Tochter Josefa kurz nach ihrer Geburt gestorben. Insofern liegt der Verweis auf die trauernde Mutter nahe. Zudem war Dvořák ein tieffrommer Mensch und wie viele seiner Landsleute mit dem Marienkult innig vertraut. Sein Freund Leos Janáček, der später als Dirigent mit für den Erfolg des Stabat Mater sorgte, hatte eine andere Erklärung parat, eine ebenfalls biografische, doch mit ganz anderem Akzent. Er beschreibt Dvořák als jemanden, der Anregung und Kraft für eigene Kompositionen aus dem Ärger über Werke seiner Kollegen schöpfte: «Ein Augenblick beleuchtete mir blitzartig das Geheimnis seines Schaffens. Er fand keine Worte, die schroff genug waren gegen Skroups ‚‹Wo ist mein Heim?› … und nicht lange danach komponierte er auf Skroups Motive die Musik zu ‹Kajetán Tyl›! Gereizt blätterte er in Berlioz’ Requiem und bald wird das Erscheinen seines eigenen Requiems bekannt … Empfing er mit gleichem Unwillen die Anregung zu seinen übrigen Werken?»
Sein Freund Leos Janáček, der später als Dirigent mit für den Erfolg des Stabat Mater sorgte, hatte eine andere Erklärung parat, eine ebenfalls biografische, doch mit ganz anderem Akzent. Er beschreibt Dvořák als jemanden, der Anregung und Kraft für eigene Kompositionen aus dem Ärger über Werke seiner Kollegen schöpfte: «Ein Augenblick beleuchtete mir blitzartig das Geheimnis seines Schaffens. Er fand keine Worte, die schroff genug waren gegen Skroups ‚‹Wo ist mein Heim?› … und nicht lange danach komponierte er auf Skroups Motive die Musik zu ‹Kajetán Tyl›! Gereizt blätterte er in Berlioz’ Requiem und bald wird das Erscheinen seines eigenen Requiems bekannt … Empfing er mit gleichem Unwillen die Anregung zu seinen übrigen Werken?»
In ähnlicher Weise soll ihm so das Stabat Mater von Franz Xaver Witt missfallen haben. Er machte wohl leidhafte Erfahrung mit dem Werk im Herbst 1875, als er bei einer Aufführung den Harmoniumpart übernehmen musste. Nach Janáček Meinung soll die spröde und unsinnliche Musik Witts dem mit heißem Herzen glaubenden Dvořák ein solch eisiger Dorn im Gehörgang gewesen sein, dass er sich an eigene Skizzen setzte. Über erste Entwürfe einer erweiterten kantatennahen Form ging diese frühe Arbeitsphase allerdings nicht hinaus. Vielversprechende Auftragswerke und eigene, packendere Projekte standen bald wieder im Vordergrund. Die Skizzen zum Stabat Mater verschwanden in der Schublade.
Doch wie das Leben in Zeiten hoher Kindersterblichkeit leider spielte, sollte der Tod der neugeborenen Josefa nicht der schlimmste Schlag jener Jahre bleiben. Eineinhalb Jahre später starben kurz nacheinander seine beiden anderen Kinder. Die gerade ein Jahr alte Růžena griff neugierig zu einem unscheinbaren Fläschchen und trank versehentlich eine tödliche Phosphorlösung; Sohn Otakar erlag wenige Wochen später den Pocken, am 36. Geburtstag des Vaters. Nun dauerte es nicht lange, bis die Arbeit am Stabat Mater wieder aufgenommen wurde. In wenigen Wochen stand die Instrumentation. Das Werk wäre so schon aufführbar gewesen, doch bis zur Uraufführung dauerte es noch ein paar Jahre.
Dvořáks Stabat Mater – ein europäischer Siegeszug
Zu Dvořáks Motivation wissen wir jetzt aber mehr. Wenn seine familiären Tragödien vielleicht nicht unbedingt Auslöser für den Beginn der Komposition waren, so doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Anlass für ihre Vollendung. Den Leiden, die die Entstehungszeit prägten, stehen indes Glücksmomente gegenüber. Schließlich verschaffte gerade dieses Werk Dvořáks internationalem Renommee einen enormen Schub. Nach der Prager Uraufführung im Jahr 1880 wurde es in seiner böhmischen Heimat bereits begeistert rezipiert. 1881 erschien es auf Empfehlung von Brahms bei Simrock; 1882 leitete Leoš Janáček eine Aufführung in Mladá, dann folgte eine in Budapest. Der endgültige Durchbruch – nicht nur des Stabat Mater – sollte dann nur noch ein weiteres Jahr auf sich warten lassen, war dann aber umso erstaunlicher. Ort des Geschehens war London, genauer: die Royal Albert Hall. Die hier 1883 von Joseph Barnby geleitete Aufführung versetzte das englische Publikum in Entzücken. Dvořák musste nicht lange warten, in die Metropole eingeladen zu werden. Als er sein Werk noch einmal selbst leitete, waren der Begeisterung keine Grenzen mehr gesetzt. Kritik und Publikum waren sich einig – vielleicht der größte denkbare Erfolg für einen Komponisten. Der «musical hero of the hour» (so die Times) hatte die Herzen der musikalischen Öffentlichkeit und endlich auch das publizistische Ansehen Europas gewonnen.
«Von Nummer zu Nummer wuchs die allgemeine Begeisterung und gegen Ende war der Applaus so groß, dass ich dem Publikum immer wieder danken musste.»
Dabei gestaltete sich die Aufführung wohl so herzergreifend und von aller liturgisch-formellen Steife befreit, wie es sich der Komponist erträumt hatte. Er erinnerte sich: «Im Konzerte wurde ich gleich beim Eintreten vom Publikum mit stürmischem Beifall empfangen. Von Nummer zu Nummer wuchs die allgemeine Begeisterung und gegen Ende war der Applaus so groß, dass ich dem Publikum immer wieder danken musste. Zugleich wurde ich auch andererseits vom Orchester und Chor mit den herzlichsten Huldigungen überhäuft. Kurz, es fiel so aus, dass ich es mir besser nicht wünschen konnte.»
Das Stück im Konzertsaal statt in der Kirche aufzuführen, lag von Anfang an nah. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil war der Text nicht mehr regulärer Liturgiebestandteil. Möglich ist er nur noch am 15. September zum «Gedächtnis der sieben Schmerzen Mariens».
Warum aber gerade in England der Durchbruch kam? Man erwartete und erhoffte von Kirchenmusik teils anderes als auf dem Festland. In London hätte wohl Witts Stabat Mater so wenig Anklang gefunden wie in Dvořáks Ohr. Die anglikanische Kirchenmusik sorgte sich nicht um die reformerischen Ideen und puristischen Mittel des Cäcilianismus, die auch Witts Werk zugrunde liegen und wie ein Bollwerk gegen unmittelbare Sinnlichkeit wirken.

Zuversicht in Tönen: Dvořák erzählt vom Leben
Und gerade das ist hervorstechendes Merkmal von Dvořáks Stabat Mater: starke Empfindungen möglichst undogmatisch, aufrichtig und direkt dem Publikum zu vermitteln. Dies kann wiederum nur bis zum Schluss intensiv und mit klug dosierendem Krafteinsatz durchgehalten werden, wenn man trotz aller Schmerzen und tragischen Momente dem Publikum immer im Hintergrund eine kleine, zuversichtliche Stütze bietet. Der Komponist nimmt das Publikum bei der Hand; man erlebt nie bodenlose Verzweiflung, und man verliert auch nie den Boden unter den Füßen vor lauter Vergeistigung. Wie gelingt das Dvořák? Zum einen, indem er mit der Musik jenen großen Gefühlsbogen vom Eintreffen einer schlimmen Nachricht bis zum Sprießen neuer Hoffnung nachbildet, der heute im Veränderungsmanagement Change-Kurve genannt wird. Zum anderen, indem er dabei nie den Menschen aus dem Blick verliert: Erst ist es Maria, die ihren toten Sohn beweint, dann die Gruppe der Umstehenden, dann im Gebet die Schau nach innen. Harmonisch spannt sich diese Change-Kurve im großen Bogen vom Moll des Anfangs zum Dur des Schlusses, macht sich zum Halten der Spannung schmerzhafte Chromatik und lang aufgeschobene Akkordauflösungen zunutze. Am Beginn Trostlosigkeit und Frustrationen, durch verminderte Akkorde abgebrochene Entwicklungen, ein Tiefpunkt im sechsten Satz auf «Fac me vere tecum flere» (Lass mich wahrlich mit dir weinen). Doch mit Durchschreiten dieses Tals der Tränen werden Ansätze der Bewältigung spürbar, scheint Trost wieder möglich zu werden, um schließlich im heiteren Finale die Erfüllung der anfänglichen Wünsche im «Paradisi gloria» zu finden. Auch musikalisch wird erfüllt, was eingangs versagt wurde: endlich eine wirkliche Rundung des Themas vom Beginn.
So ist es auch nicht theologische Textausdeutung, die das Stück leitet. Vielmehr versuchte Dvořák, mit seiner Musik kräftige Bilder schaffen. Der lateinische Sequenztext bot ihm dabei ein inhaltliches Fundament, aber auch nicht viel mehr. Dvořák konnte wohl jenen Komponistenkollegen, die sich auf geistliche Werke fokussierten, im Lateinischen ohnehin nicht das Wasser reichen. Als ihm 1891 die Ehrendoktorwürde in Cambridge zuerkannt wurde, war es ihm nicht möglich, den lateinischen Lobreden zu folgen. Ihm war auch nach eigenen Aussagen das Gefühl im Herzen wichtiger, um ein Stabat Mater mit starken Bildern unter Musik zu setzen.
In diesem Werk ist so einmal nicht nur der Weg das Ziel, sondern tatsächlich das Ende selbst, mag man es nun Lebensbejahung oder zuversichtliche Hoffnung auf Erlösung nennen. Mit der Hoffnung lag Dvořák nicht so falsch, denn ein ganz lebendiger Trost erwuchs ihm während der Arbeit am Stück – im wirklichen Wortsinn: Seine Tochter Ottilie kam zur Welt, bevor das Werk vollendet wurde. Vielleicht war dieser Trost ja der Funke für die Vollendung.