Vokalmusik von Josquin des Prez
Das Ensemble amarcord, hervorgegangen aus dem Leipziger Thomanerchor, präsentiert auf seiner CD «Maria — Josquin in Leipzig» Vokalmusik von Josquin des Prez und Mariensequenzen aus dem Thomas-Graduale. Zu Wolfram Lattke und Robert Pohlers (Tenor), Frank Ozimek (Bariton), Daniel Knauft und Holger Krause (Bass) kommt als Gast der Tenor Tobias Pöche, der bis 2020 dem Calmus Ensemble angehörte. Die Aufnahmen fanden nachts in der Thomaskirche statt, dem «Ort unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend», so Daniel Knauft im Booklet.
Josquin des Prez – Großmeister unter den Renaissance-Komponisten
Die CD enthält mehrere Ersteinspielungen, darunter drei mittelalterliche Sequenzen aus dem Thomas-Graduale, einer im 13. und 14. Jahrhundert erstellten Sammlung mittelalterlicher Musik. Sie umfasst die damals in Leipzig gebräuchlichen liturgischen Gesänge für das ganze Kirchenjahr und diente den Thomaskantoren zur Inspiration.
Doch wieso lautet der Titel «Josquin in Leipzig»? Eine direkte Verbindung mit dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in Italien und Frankreich wirkenden Sängers, Kapellmeisters und Komponisten Josquin des Prez gibt es nicht. Doch Leipzig war damals bereits ein bedeutender Handelsplatz und Messestandort, und so kamen neben Waren aus vielen Ländern auch allerhand Noten in die Stadt.
Meisterliche Kirchenmusik
Beleg dafür sind zwei bedeutende Handschriften. Der Apel-Codex, eine zwischen 1492 und 1504 entstandene Sammlung, geht auf den Leipziger Theologen Nicolaus Apel zurück. Eine weitere, fünf Bände umfassende Handschrift aus dem Jahr 1558 enthält rund 250 vorwiegend kirchenmusikalische Werke der bedeutendsten Komponisten der Zeit, darunter auch Josquin des Préz. Von ihm sind 18 vollständige Messen überliefert, auch die «Missa de Beata Virgine». Sie steht im Mittelpunkt dieser CD, ergänzt durch einige seiner Motetten aus den genannten Handschriften und die Sequenzen «Ave Maria», «Gaude Maria templum summe» und «Imperatrix angelorum» aus dem Thomas-Graduale.
amarcord – Eine Interpretation der Extraklasse
Wer sich von so viel historischer Information ein wenig erschlagen fühlt, sei versichert: Die Vokalmusik entfaltet in der wunderbaren Interpretation der perfekt aufeinander eingespielten Stimmen der amarcord-Sänger ihre aus einem Atem und Geist fließende souveräne Gestaltung – eine Sogkraft, der man sich auch ohne Vorwissen hingeben kann. Ein besonderer Reiz ergibt sich aus der Gegenüberstellung der reich verflochtenen Stimmen bei Josquin des Prez mit der kunstvollen Schlichtheit der Sequenzen.