Vokalmusik von Josquin des Prez

Autor:in

Sabine Näher

Ausgabe

N° 125 | Juli 2025

Das Ensem­ble amar­cord, her­vor­ge­gan­gen aus dem Leip­zi­ger Tho­man­erchor, prä­sen­tiert auf sei­ner CD «Maria — Jos­quin in Leip­zig» Vokal­mu­sik von Jos­quin des Prez und Mari­en­se­quen­zen aus dem Tho­mas-Gra­dua­le. Zu Wolf­ram Latt­ke und Robert Poh­lers (Tenor), Frank Ozimek (Bari­ton), Dani­el Knauft und Hol­ger Krau­se (Bass) kommt als Gast der Tenor Tobi­as Pöche, der bis 2020 dem Cal­mus Ensem­ble ange­hör­te. Die Auf­nah­men fan­den nachts in der Tho­mas­kir­che statt, dem «Ort unse­rer gemein­sa­men Kind­heit und Jugend», so Dani­el Knauft im Book­let. 

Die CD ent­hält meh­re­re Erst­ein­spie­lun­gen, dar­un­ter drei mit­tel­al­ter­li­che Sequen­zen aus dem Tho­mas-Gra­dua­le, einer im 13. und 14. Jahr­hun­dert erstell­ten Samm­lung mit­tel­al­ter­li­cher Musik. Sie umfasst die damals in Leip­zig gebräuch­li­chen lit­ur­gi­schen Gesän­ge für das gan­ze Kir­chen­jahr und dien­te den Tho­mas­kan­to­ren zur Inspi­ra­ti­on. 

Doch wie­so lau­tet der Titel «Jos­quin in Leip­zig»? Eine direk­te Ver­bin­dung mit dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahr­hun­derts in Ita­li­en und Frank­reich wir­ken­den Sän­gers, Kapell­meis­ters und Kom­po­nis­ten Jos­quin des Prez gibt es nicht. Doch Leip­zig war damals bereits ein bedeu­ten­der Han­dels­platz und Mes­se­stand­ort, und so kamen neben Waren aus vie­len Län­dern auch aller­hand Noten in die Stadt. 

Beleg dafür sind zwei bedeu­ten­de Hand­schrif­ten. Der Apel-Codex, eine zwi­schen 1492 und 1504 ent­stan­de­ne Samm­lung, geht auf den Leip­zi­ger Theo­lo­gen Nico­laus Apel zurück. Eine wei­te­re, fünf Bän­de umfas­sen­de Hand­schrift aus dem Jahr 1558 ent­hält rund 250 vor­wie­gend kir­chen­mu­si­ka­li­sche Wer­ke der bedeu­tends­ten Kom­po­nis­ten der Zeit, dar­un­ter auch Jos­quin des Préz. Von ihm sind 18 voll­stän­di­ge Mes­sen über­lie­fert, auch die «Mis­sa de Bea­ta Vir­gi­ne». Sie steht im Mit­tel­punkt die­ser CD, ergänzt durch eini­ge sei­ner Motet­ten aus den genann­ten Hand­schrif­ten und die Sequen­zen «Ave Maria», «Gau­de Maria temp­lum sum­me» und «Impe­ra­trix ange­lorum» aus dem Tho­mas-Gra­dua­le. 

Wer sich von so viel his­to­ri­scher Infor­ma­ti­on ein wenig erschla­gen fühlt, sei ver­si­chert: Die Vokal­mu­sik ent­fal­tet in der wun­der­ba­ren Inter­pre­ta­ti­on der per­fekt auf­ein­an­der ein­ge­spiel­ten Stim­men der amar­cord-Sän­ger ihre aus einem Atem und Geist flie­ßen­de sou­ve­rä­ne Gestal­tung – eine Sog­kraft, der man sich auch ohne Vor­wis­sen hin­ge­ben kann. Ein beson­de­rer Reiz ergibt sich aus der Gegen­über­stel­lung der reich ver­floch­te­nen Stim­men bei Jos­quin des Prez mit der kunst­vol­len Schlicht­heit der Sequen­zen. 

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Sabine Näher

Sabine Näher lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin für Hörfunk und Print in Leipzig und Oberbayern. Sie hat Bücher zum Schubert- und Schumann-Lied sowie zum 800. Geburtstag des Thomanerchors veröffentlicht.

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