Nett – aber auch nötig? Vom Einsingen im Chor

Autor:in

Daniel Frosch

Ausgabe

Chorzeit Online

Die meis­ten Chö­re erle­di­gen es ganz selbst­ver­ständ­lich: Sie stre­cken sich und lockern den Kie­fer, sum­men und brum­men, spü­ren in die Neben­höh­len und den Unter­bauch. Sich ein­zu­sin­gen gehört eben dazu. Aber hat das, was selbst­ver­ständ­lich gewor­den ist, auch einen guten Grund? Ist Ein­sin­gen Aber­glau­be oder der denk­bar bes­te Beginn von Pro­be und Kon­zert? Der Pho­nia­ter und aus­ge­bil­de­te Tenor Mat­thi­as Ech­ter­nach, Pro­fes­sor an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen, bricht eine Lan­ze fürs Warm-up, nicht nur aus medi­zi­ni­schen Grün­den.

Was den­ken Sie als Medi­zi­ner: Soll­ten Chö­re sich ein­sin­gen?

Ein Warm-up ist immer sinn­voll, egal ob Pro­fi oder nicht. Aber die Fra­ge, ob man das gemein­schaft­lich machen soll­te? Da wür­de ich im Lai­en­be­reich sagen: Ja, weil es Freu­de macht und die Men­schen sich bes­ser ken­nen­ler­nen.

Und bei den Pro­fis?

Im Pro­fi­be­reich ist das gemein­sa­me Ein­sin­gen im Chor nicht mehr so not­wen­dig. Sänger:innen in Pro­fi­ch­ö­ren sind drauf geeicht zu reagie­ren. Wenn der Diri­gent ein hel­le­res A haben möch­te oder einen vol­le­ren Klang oder etwas leich­ter neh­men möch­te, dann wis­sen Pro­fis, was zu tun ist. Und sie hören ein­an­der natür­lich die gan­ze Zeit zu. Das Wahr­neh­mungs­sys­tem ist bei Pro­fis also tag­täg­lich dar­auf aus­ge­rich­tet, ande­re zu hören und auch die eige­ne Stim­me im Kon­text von ande­ren Stim­men zu hören. Die­se Kom­po­nen­te des gemein­sa­men Sin­gens, die muss sich ein Lai­en­chor durch Ein­sin­gen erst ein­mal bewusst machen. Also ist ein Warm-up bei Pro­fis und Lai­en not­wen­dig, aber ein Pro­fi kann das indi­vi­du­ell ein­fa­cher umset­zen, weil er sein Sys­tem bes­ser kennt.

Sie sin­gen selbst schon sehr lan­ge auf hohem Niveau, haben in Kna­ben­chö­ren ange­fan­gen. Wie war es da?

Ich den­ke, dass die Kna­ben­chö­re erst ein­mal das Sin­gen ler­nen müs­sen. Das Warm-up kann dann ein biss­chen spie­le­ri­scher sein, auch mit ein biss­chen mehr Witz, das soll­te am Anfang nicht zu steif sein. Und irgend­wann wird es dann geziel­ter. Das geht von Voka­li­sen über die Aus­wei­tung von Laut­stär­ke und Ton­hö­he bis zur Arbeit an den Regis­ter­über­gangs­be­rei­chen, die Kin­der natür­lich auch haben kön­nen. Nach dem Stimm­bruch ist es dann sehr unter­schied­lich, wie ein Chor auf ein Warm-up reagiert, dann hängt es wohl auch stark vom Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs­grad ab.

«Wir sagen, dass die stimm­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit bes­ser wird, wenn man sich wohl fühlt. Die Zeit, die man dafür braucht, ist gut inves­tiert.»
Mat­thi­as Ech­ter­nach singt seit sei­ner Kind­heit in Vokal­ensem­bles. Als Pho­nia­ter prak­ti­ziert und lehrt er heu­te in Mün­chen © B. I. Tur­gut

Lai­en­chö­ren emp­feh­len Sie also, sich gemein­sam ein­zu­sin­gen. War­um?

Sich im Lai­en­chor­be­reich warm­zu­ma­chen ist zum Bei­spiel auch wich­tig, weil es ja immer auch Führungssänger:innen gibt. Sich dar­auf ein­zu­stel­len, wer die Füh­rung über­nimmt, wer wie singt, wie man mit dem Nach­barn klar­kommt – man arran­giert sich auf die­se Wei­se schon mit­ein­an­der, bevor man die Lite­ra­tur in Angriff nimmt.

Was kann außer­dem durch gemein­sa­mes Warm-up erreicht wer­den?

Zum Bei­spiel gute Lau­ne. Wenn ich gute Lau­ne habe und die Stim­mung geho­ben ist, ist auch die Stim­me geho­ben. Wir sagen, dass die stimm­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit bes­ser wird, wenn man sich wohl fühlt. Die Zeit, die man dafür braucht, ist gut inves­tiert. Die Atem­mus­ter zu trai­nie­ren, ist eine Sache, die nicht nur mit Stimm­tech­nik, son­dern auch mit Wohl­be­fin­den zu tun hat. «Erst­mal tief durch­at­men», wie das Sprich­wort ja auch sagt. Also es sind vie­le Din­ge, die sehr güns­tig sind im Lai­en­chor­ge­sang, die durch das Auf­wär­men der Stim­me her­vor­ge­ru­fen wer­den kön­nen.

Dann ist es in Lai­en­chö­ren weni­ger wich­tig, wie man sich ein­singt, als dass man sich über­haupt ein­singt?

Im Warm-up habe ich schon die Mög­lich­keit, mit Übun­gen den Zugang zur Lite­ra­tur, die ich anschlie­ßend sin­gen möch­te, zu erleich­tern. Also zum Bei­spiel Stak­ka­to-Übun­gen zu machen, wenn ich Bach sin­ge, weil da natür­lich ein ganz ande­res Stak­ka­to gefor­dert ist als jetzt zum Bei­spiel in Mozarts im Lega­to gesun­ge­ner Motet­te «Ave ver­um cor­pus».

Was in der Pro­be oder im Kon­zert gesun­gen wird, spielt also schon beim Ein­sin­gen eine Rol­le?

Mal ange­nom­men, Sie haben ein Gesangs-Ensem­ble von acht Men­schen, mit denen Sie zusam­men Bach-Motet­ten sin­gen, qua­si solis­tisch. Und dann sol­len Sie am nächs­ten Tag im Chor Mahlers Ach­te sin­gen, dann ist das tat­säch­lich eine ganz ande­re Anfor­de­rung; was die Höhen­ex­ten­si­on anbe­langt, was Sie in der Regis­ter-Grenz­re­gi­on zu leis­ten haben, auch von der Hal­te­mög­lich­keit, also wie viel Durch­hal­te­ver­mö­gen sie brau­chen, wie vie­le Pau­sen vor­ge­se­hen sind, was die Arti­ku­la­ti­on betrifft und all die­se Din­ge. Und natür­lich ist das auch eine Fra­ge des Warm-ups.

«Es ist phy­sio­lo­gisch recht gut nach­ge­wie­sen, dass Summ-Übun­gen sehr gut sind»

Man stellt den Kör­per also nicht nur all­ge­mein aufs Sin­gen ein, son­dern auch auf das, was die gesun­ge­nen Wer­ke einem abver­lan­gen?

Es gibt eine Viel­zahl von Mus­kel­sys­te­men, die auf­ge­wärmt wer­den müs­sen – von der Lun­gen­ka­pa­zi­tät über all das, was im Kehl­kopf ist, bis hin zu den Orga­nen, die nach­her den Klang modi­fi­zie­ren, also die Zun­ge, der Rachen­be­reich und Ähn­li­ches. Es ist sehr unter­schied­lich, was gesun­gen wer­den kann, und ein Lite­ra­tur­wech­sel ist in jedem Fall immer eine Her­aus­for­de­rung. Und auch Lite­ra­tur zu mischen, ist des­we­gen so her­aus­for­dernd: Das kann nicht nur ästhe­tisch schwie­rig sein, son­dern auch gesangs­tech­nisch.

Wie sieht es denn die For­schung: Mit wel­chen Übun­gen sin­ge ich mich gut ein?

Es ist phy­sio­lo­gisch recht gut nach­ge­wie­sen, dass Summ-Übun­gen sehr gut sind, also auf M‑, N- und NG-Lau­ten, weil dadurch ein mas­sa­ge­ar­ti­ger Effekt der Stimm­lip­pen­me­cha­nik zustan­de kommt. Auch sehr gut sind Lip Trills, also Lip­pen­flat­tern. Das ist eine gute, auch wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Übung, um die Stim­me wach zu machen und um öko­no­misch zu sin­gen, also mög­lichst wenig Druck der Lun­ge, des Bla­se­balgs auf­zu­wen­den und mög­lichst viel Schall­druck zu erzeu­gen. Das gibt dann eine Leich­tig­keit, mit der ich mich nicht ver­he­be, nicht zu viel Kraft gebe und dadurch pres­se, wie man gesangs­päd­ago­gisch viel­leicht sagen wür­de. So kann ver­mie­den wer­den, die Stim­me zu über­las­ten.

Zur Per­son

Mat­thi­as Ech­ter­nach ist Fach­arzt für Pho­nia­trie und Päd­au­dio­lo­gie (Sprach‑, Stimm- und kind­li­che Hör­stö­run­gen) am LMU Kli­ni­kum sowie Pro­fes­sor für Pho­nia­trie und Päd­au­dio­lo­gie an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen. Als Mit­glied von Kna­ben­chö­ren und als Tenor, bei­spiels­wei­se im Kam­mer­chor Stutt­gart und im Kam­mer­chor Saar­brü­cken, hat er an zahl­rei­chen Ein­spie­lun­gen mit­ge­wirkt.

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Daniel Frosch

Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.

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