Die meisten Chöre erledigen es ganz selbstverständlich: Sie strecken sich und lockern den Kiefer, summen und brummen, spüren in die Nebenhöhlen und den Unterbauch. Sich einzusingen gehört eben dazu. Aber hat das, was selbstverständlich geworden ist, auch einen guten Grund? Ist Einsingen Aberglaube oder der denkbar beste Beginn von Probe und Konzert? Der Phoniater und ausgebildete Tenor Matthias Echternach, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bricht eine Lanze fürs Warm-up, nicht nur aus medizinischen Gründen.
Was denken Sie als Mediziner: Sollten Chöre sich einsingen?
Ein Warm-up ist immer sinnvoll, egal ob Profi oder nicht. Aber die Frage, ob man das gemeinschaftlich machen sollte? Da würde ich im Laienbereich sagen: Ja, weil es Freude macht und die Menschen sich besser kennenlernen.
Und bei den Profis?
Im Profibereich ist das gemeinsame Einsingen im Chor nicht mehr so notwendig. Sänger:innen in Profichören sind drauf geeicht zu reagieren. Wenn der Dirigent ein helleres A haben möchte oder einen volleren Klang oder etwas leichter nehmen möchte, dann wissen Profis, was zu tun ist. Und sie hören einander natürlich die ganze Zeit zu. Das Wahrnehmungssystem ist bei Profis also tagtäglich darauf ausgerichtet, andere zu hören und auch die eigene Stimme im Kontext von anderen Stimmen zu hören. Diese Komponente des gemeinsamen Singens, die muss sich ein Laienchor durch Einsingen erst einmal bewusst machen. Also ist ein Warm-up bei Profis und Laien notwendig, aber ein Profi kann das individuell einfacher umsetzen, weil er sein System besser kennt.
Sie singen selbst schon sehr lange auf hohem Niveau, haben in Knabenchören angefangen. Wie war es da?
Ich denke, dass die Knabenchöre erst einmal das Singen lernen müssen. Das Warm-up kann dann ein bisschen spielerischer sein, auch mit ein bisschen mehr Witz, das sollte am Anfang nicht zu steif sein. Und irgendwann wird es dann gezielter. Das geht von Vokalisen über die Ausweitung von Lautstärke und Tonhöhe bis zur Arbeit an den Registerübergangsbereichen, die Kinder natürlich auch haben können. Nach dem Stimmbruch ist es dann sehr unterschiedlich, wie ein Chor auf ein Warm-up reagiert, dann hängt es wohl auch stark vom Professionalisierungsgrad ab.
«Wir sagen, dass die stimmliche Leistungsfähigkeit besser wird, wenn man sich wohl fühlt. Die Zeit, die man dafür braucht, ist gut investiert.»

Laienchören empfehlen Sie also, sich gemeinsam einzusingen. Warum?
Sich im Laienchorbereich warmzumachen ist zum Beispiel auch wichtig, weil es ja immer auch Führungssänger:innen gibt. Sich darauf einzustellen, wer die Führung übernimmt, wer wie singt, wie man mit dem Nachbarn klarkommt – man arrangiert sich auf diese Weise schon miteinander, bevor man die Literatur in Angriff nimmt.
Was kann außerdem durch gemeinsames Warm-up erreicht werden?
Zum Beispiel gute Laune. Wenn ich gute Laune habe und die Stimmung gehoben ist, ist auch die Stimme gehoben. Wir sagen, dass die stimmliche Leistungsfähigkeit besser wird, wenn man sich wohl fühlt. Die Zeit, die man dafür braucht, ist gut investiert. Die Atemmuster zu trainieren, ist eine Sache, die nicht nur mit Stimmtechnik, sondern auch mit Wohlbefinden zu tun hat. «Erstmal tief durchatmen», wie das Sprichwort ja auch sagt. Also es sind viele Dinge, die sehr günstig sind im Laienchorgesang, die durch das Aufwärmen der Stimme hervorgerufen werden können.
Dann ist es in Laienchören weniger wichtig, wie man sich einsingt, als dass man sich überhaupt einsingt?
Im Warm-up habe ich schon die Möglichkeit, mit Übungen den Zugang zur Literatur, die ich anschließend singen möchte, zu erleichtern. Also zum Beispiel Stakkato-Übungen zu machen, wenn ich Bach singe, weil da natürlich ein ganz anderes Stakkato gefordert ist als jetzt zum Beispiel in Mozarts im Legato gesungener Motette «Ave verum corpus».
Was in der Probe oder im Konzert gesungen wird, spielt also schon beim Einsingen eine Rolle?
Mal angenommen, Sie haben ein Gesangs-Ensemble von acht Menschen, mit denen Sie zusammen Bach-Motetten singen, quasi solistisch. Und dann sollen Sie am nächsten Tag im Chor Mahlers Achte singen, dann ist das tatsächlich eine ganz andere Anforderung; was die Höhenextension anbelangt, was Sie in der Register-Grenzregion zu leisten haben, auch von der Haltemöglichkeit, also wie viel Durchhaltevermögen sie brauchen, wie viele Pausen vorgesehen sind, was die Artikulation betrifft und all diese Dinge. Und natürlich ist das auch eine Frage des Warm-ups.
«Es ist physiologisch recht gut nachgewiesen, dass Summ-Übungen sehr gut sind»
Man stellt den Körper also nicht nur allgemein aufs Singen ein, sondern auch auf das, was die gesungenen Werke einem abverlangen?
Es gibt eine Vielzahl von Muskelsystemen, die aufgewärmt werden müssen – von der Lungenkapazität über all das, was im Kehlkopf ist, bis hin zu den Organen, die nachher den Klang modifizieren, also die Zunge, der Rachenbereich und Ähnliches. Es ist sehr unterschiedlich, was gesungen werden kann, und ein Literaturwechsel ist in jedem Fall immer eine Herausforderung. Und auch Literatur zu mischen, ist deswegen so herausfordernd: Das kann nicht nur ästhetisch schwierig sein, sondern auch gesangstechnisch.
Wie sieht es denn die Forschung: Mit welchen Übungen singe ich mich gut ein?
Es ist physiologisch recht gut nachgewiesen, dass Summ-Übungen sehr gut sind, also auf M‑, N- und NG-Lauten, weil dadurch ein massageartiger Effekt der Stimmlippenmechanik zustande kommt. Auch sehr gut sind Lip Trills, also Lippenflattern. Das ist eine gute, auch wissenschaftlich fundierte Übung, um die Stimme wach zu machen und um ökonomisch zu singen, also möglichst wenig Druck der Lunge, des Blasebalgs aufzuwenden und möglichst viel Schalldruck zu erzeugen. Das gibt dann eine Leichtigkeit, mit der ich mich nicht verhebe, nicht zu viel Kraft gebe und dadurch presse, wie man gesangspädagogisch vielleicht sagen würde. So kann vermieden werden, die Stimme zu überlasten.
Zur Person
Matthias Echternach ist Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie (Sprach‑, Stimm- und kindliche Hörstörungen) am LMU Klinikum sowie Professor für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Als Mitglied von Knabenchören und als Tenor, beispielsweise im Kammerchor Stuttgart und im Kammerchor Saarbrücken, hat er an zahlreichen Einspielungen mitgewirkt.