Wo Sehen kein Muss ist: der Conrad-Paumann-Chor aus Nürnberg

Autor:in

Maria Bätzing

Ausgabe

N° 121 | Dezember 2024

Eigent­lich sind wir ein ganz nor­ma­ler Chor», sagt Gabrie­le Fir­sching, Chor­lei­te­rin des Con­rad-Pau­mann-Chors. «Wir ver­ste­hen uns auch nicht als Inklu­si­ons­chor, denn das klingt so, als ob es im Pro­gramm immer um Inklu­si­ons­the­men gin­ge. Wir sin­gen aber ganz nor­ma­les Chor­re­per­toire.» Gegrün­det wur­de der Chor ganz spon­tan: Bei einem Ehe­ma­li­gen­tref­fen des Bil­dungs­zen­trums für Blin­de und Seh­be­hin­der­te in Nürn­berg 2004 hat­te die ehe­ma­li­ge Leh­re­rin Fir­sching ange­bo­ten, dass sich Musik­be­geis­ter­te zu einer spon­ta­nen Chor­pro­be im Musik­saal tref­fen könn­ten, um bekann­te Lie­der des Schul­ju­gend­chors auf­zu­fri­schen und dann spon­tan ein Kon­zert zu geben. Es fan­den sich 63 Per­so­nen zusam­men und tra­ten noch am sel­ben Abend auf. Ein Teil der Grup­pe war von der Idee so begeis­tert, dass er regel­mä­ßig wei­ter­sin­gen woll­te. So fand im Novem­ber mit etwa 20 Sänger:innen die ers­te Pro­be statt. Inzwi­schen hat der Chor knapp 30 regel­mä­ßi­ge Mitsänger:innen. Das Reper­toire umfasst welt­li­che und geist­li­che Stü­cke ver­schie­de­ner Sti­le – von Barock bis Musi­cal und Spi­ri­tu­als. Kon­zer­te gibt der Chor im Groß­raum Nürn­berg und in ganz Bay­ern. Regel­mä­ßig wird er auch zur musi­ka­li­schen Gestal­tung von Weih­nachts­fei­ern ein­ge­la­den. Beson­ders schö­ne Gele­gen­hei­ten sind die gemein­sa­men Kon­zer­te mit ande­ren Chö­ren, die durch den Frän­ki­schen Sän­ger­bund zustan­de kom­men. Und die sozia­le Ebe­ne des Chor­le­bens ist den Mit­glie­dern eben­falls wich­tig. So ver­an­stal­ten sie ein­mal im Monat einen «lan­gen Diens­tag», an dem sie nach der Pro­be bei mit­ge­brach­ten Lecke­rei­en zusam­men­sit­zen.

Große Schrift auf dem Tablet oder Braillenoten aus dem Drucker

So weit, so typisch. Eini­ges ist aber doch anders als im Durch­schnittschor, vor allem, was Fir­schings Vor­be­rei­tung betrifft: Hier sin­gen Blin­de, Seh­be­hin­der­te und Sehen­de gemein­sam. Es gibt kei­ne stan­dar­di­sier­ten Arten von Mate­ri­al, denn auch in der Grup­pe der Seh­be­hin­der­ten gibt es gro­ße Unter­schie­de. Für die Pro­ben­ar­beit ist es also wich­tig, das Mate­ri­al gut vor­zu­be­rei­ten, sodass alle Mit­glie­der gut damit arbei­ten und es nach ihren indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen nut­zen kön­nen. Den Text stellt die Chor­lei­te­rin dar­um in Groß­druck und Braille­schrift zur Ver­fü­gung. Dafür hat sie zu Hau­se einen eige­nen Dru­cker. Man­che Chor­mit­glie­der nut­zen auch Tablets, um den Text in geeig­ne­ter Grö­ße ein­stel­len und able­sen zu kön­nen. Bei musi­ka­lisch beson­ders kom­pli­zier­ten Stü­cken lässt Fir­sching auch die Noten in Braille dru­cken. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ist dies aller­dings nur bei zwei Ver­la­gen mög­lich, einem in Leip­zig und einem in Zürich, und dar­um nicht ganz bil­lig.

Lou­is Braille, der bereits mit 16 Jah­ren das nach ihm benann­te Schrift­sys­tem ent­wi­ckel­te, erfand mit 20 Jah­ren auch eine Musik­no­ta­ti­on, die nach dem­sel­ben Prin­zip funk­tio­niert. «Sie hat nichts mit dem erha­ben gedruck­ten fünf­li­ni­gen Noten­sys­tem zu tun, das Sehen­de sich oft dar­un­ter vor­stel­len», so Fir­sching. «Die­ses funk­tio­niert für blin­de Leser über­haupt nicht, oft kann man dabei nicht mal Bass- und Vio­lin­schlüs­sel aus­ein­an­der­hal­ten.» Die Braille-Noten­schrift ist eine seri­el­le Schrift, bei der alle musi­ka­li­schen Infor­ma­tio­nen durch die­sel­ben sechs Punk­te dar­ge­stellt wer­den, die Braille auch in sei­ner Alpha­bet­schrift ver­wen­de­te. Jeweils die obe­ren vier Punk­te geben die Ton­hö­he an, die unte­ren bei­den Punk­te bestim­men die Zeit­dau­er einer Note. Mit sechs Punk­ten erge­ben sich dabei 64 Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten– in Brailles aus­ge­klü­gel­tem Sys­tem von Noten‑, Oktav‑, Har­mo­nie- und Zusatz­sym­bo­len ist es dar­um mög­lich, auch die ver­ti­ka­len Abläu­fe mehr­stim­mi­ger Musik in eine für Blin­de les­ba­re linea­re Zei­chen­fol­ge zu brin­gen. Lei­der ist die­se Schrift auch im digi­ta­len Bereich noch nicht all­ge­mein mit­ge­dacht, aber immer­hin gibt es eine Soft­ware, die MusicXML-Datei­en in Braille-Noten­schrift über­set­zen kann. Auch die­ses Datei­for­mat kann Fir­sching also nut­zen.

Bei den Proben wird genau hingehört

In der Pro­be arbei­tet die Chor­lei­te­rin viel über das Hören. Zu Beginn der Ein­stu­die­rung eines neu­en Stü­ckes nutzt sie das Kla­vier, um die Melo­dien vor­zu­spie­len, die musi­ka­li­sche Struk­tur und Stimm­zu­sam­men­hän­ge auf­zu­zei­gen und den Sänger:innen ein­zu­prä­gen, wie die Ein­sät­ze auf­ein­an­der fol­gen. Wäh­rend der Chor singt, setzt sie das Instru­ment hin­ge­gen nur spar­sam ein, denn es ist wich­tig, dass alle gut auf­ein­an­der hören kön­nen. Die Pro­ben­ar­beit geht viel­leicht ein wenig lang­sa­mer vor­an als in einem Chor, der nur aus Sehen­den besteht, denn alle müs­sen das Stück sehr gut ken­nen­ler­nen. Das genaue Zuhö­ren von der ers­ten Pro­be an lohnt sich aber: Wenn es sein muss, kann der Chor auch ohne Lei­tung auf­tre­ten. Auch ihr Diri­gat gestal­tet sie so, dass sich alle, unab­hän­gig von ihrer Seh­kraft, gut ori­en­tie­ren kön­nen: Sie zählt vor dem ers­ten Ein­satz lei­se vor und atmet dann gemein­sam mit dem Chor ein – alle Ein­sät­ze inner­halb des Stü­ckes und die Melo­die­füh­rung müs­sen die Sän­ger und Sän­ge­rin­nen jedoch selbst ken­nen. Ein wei­te­res tech­ni­sches Hilfs­mit­tel, das der Chor nutzt, wäre sicher­lich auch für ande­re Chö­re inter­es­sant: Jede Chor­pro­be wird auf­ge­zeich­net und ist für die Mit­glie­der eine Woche lang in der Cloud ver­füg­bar. So las­sen sich ver­pass­te Pro­ben nach­hö­ren oder schwie­ri­ge Stel­len zu Hau­se wie­der­ho­len.

Namensgeber als Stadtgeschichte: der Conrad-Paumann-Chor und seine Wurzeln

Mit dem Namen ehrt der Chor den blin­den Orga­nis­ten und Kom­po­nis­ten Con­rad Pau­mann (um 1410–1473), einen der berühm­tes­ten deutsch­spra­chi­gen Musi­ker der Früh­re­nais­sance. Er wur­de in Nürn­berg gebo­ren und war an der Sebal­dus­kir­che als Orga­nist und Lau­te­nist tätig. Spä­ter wur­de er Hof­mu­si­ker bei Her­zog Albrecht in Mün­chen, wo er bis zu sei­nem Tod leb­te. Es sind nur weni­ge Ori­gi­nal­stü­cke von Pau­mann erhal­ten, dar­un­ter jedoch die ers­te Orgel­schu­le in Euro­pa sowie eine Lau­ten­ta­bu­la­tur für Sehen­de. Nach­dem Con­rad Pau­mann größ­ten­teils in Ver­ges­sen­heit gera­ten war, woll­te der Chor mit der Namens­ge­bung an ihn erin­nern und die Ver­bun­den­heit des Chors mit der Geschich­te und dem Ver­mächt­nis Pau­manns wider­spie­geln.

In der zwan­zig­jäh­ri­gen Geschich­te des Con­rad-Pau­mann-Chors hat sich die Zusam­men­set­zung der Sänger:innen natür­lich ver­än­dert. Er besteht inzwi­schen nicht mehr nur aus dem Kreis der ehe­ma­li­gen Jugend­chor­mit­glie­der, son­dern ist für alle offen. Den­noch ist die Grup­pe der Sehen­den zur­zeit sehr klein, obwohl das nicht so blei­ben muss. Die­se sei­en für die Grup­pe sogar wich­tig, zum Bei­spiel um sich bei Kon­zer­ten an unge­wohn­ten Orten schnell ori­en­tie­ren zu kön­nen. In der gewohn­ten Umge­bung am Pro­ben­ort ist dies natür­lich kein Pro­blem, denn die Räum­lich­kei­ten des Baye­ri­schen Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­bunds, die sie kos­ten­los nut­zen dür­fen, lie­gen ganz zen­tral am Haupt­bahn­hof in Nürn­berg. Ein ech­ter Glücks­fall, der es auch neu­en Chor­mit­glie­dern leich­ter macht, die kei­ne Ver­bin­dung zum Grün­dungs­ort haben, dem Bil­dungs­zen­trum. «Wir wür­den uns freu­en, wenn noch ein paar Sänger:innen hin­zu­kom­men», sagt Fir­sching. «Blind­heit ist dabei kei­ne Vor­aus­set­zung!»

Portrait von Maria Bätzing

Autor:in

Maria Bätzing

Maria Bätzing ist Redakteurin beim Online-Musikjournal Melodiva und arbeitet für das Frauen Musik Büro Frankfurt. Sie singt im Frankfurter Frauenchor Elektra und im Ensemble Quarantöne.

Verwandte Artikel

Weitere spannende Themen aus der Chorwelt

Eine Grafik zeigt die drei Cover der besprochenen Alben auf senfgelbem Grund.

Drei neue Alben folgen ihren Themen durch die Jahrhunderte

Das SWR Vokalensemble singt alte und neue geistliche Musik, SLIXS sucht Ruhe in Klassik und Pop und Singer Pur richtet einen Scheinwerfer auf Williams.

Eine Zeichnung eines rosa Radios mit Antenne.

Chor im Radio – Oktober

Unsere Radio-Tipps für den Oktober mit dem Chor der Woche von Deutschlandfunk Kultur und weiteren Sendungen der öffentlich-rechtlichen Kulturwellen.

An einem herbstlichen Tag spazieren zwei Menschen durch eine Grünanlage an einem Hafenbecken entlang.

Aktiv bleiben: Christiane Hrasky über Stimmpflege im Herbst

Wie die Stimme gut überwintert? Chorleiterin Christiane Hrasky empfiehlt, die Bedürfnisse der Stimme mitzudenken.