Drei neue Alben folgen ihren Themen durch die Jahrhunderte
Singer Pur und eine originelle One-Name-Show

SOUNDS OF WILLIAM
Werke von William Byrd, Bill Withers, Billie Eilish, Ralph Vaughan Williams u.v.m.
Singer Pur
belvedere • Spieldauer 37:11
Auf diesem Album verbindet Singer Pur höchst unterschiedliche Musikstücke, deren Gemeinsamkeit allein ist, sich auf den Namen «William» zu beziehen, während sie sich hinsichtlich Genre, Epoche, Komponist oder Interpret:in deutlich voneinander unterscheiden. Das Repertoire reicht von alten Meistern wie William Byrd und Guillaume (französisch für William) Dufay über Ralph Vaughan Williams und Wilhelm Stenhammar bis hin zu modernen Popgrößen wie Billie Eilish, deren Co-Songwriter und Bruder Finneas den zweiten Vornamen William trägt. Eine bislang wohl einmalige und vielleicht ungewöhnliche, in jedem Fall aber originelle Idee.
Das eigentliche Bindeglied zwischen den Stücken bildet die innovative und klangstarke Interpretation. Singer Pur beschreitet mutige musikalische Wege und verbindet neuartige, bestechende Arrangements echter Klassiker der Popgeschichte wie «Ain’t No Sunshine» von William «Bill» Withers mit der erhabenen Klangästhetik der Renaissance und zeitgenössischen Popsongs. Zwischen Jaakko Mäntyjärvis «Come Away, Death» und Vaughan Williams’ «Rest» gewinnt Billie Eilishs «No Time to Die» in Jan Bürgers Arrangement eine reizvolle neue Bedeutung als heutige Variante musikalischer Abschiedsgesten. Der kühne Sprung von Pharrell Williams tänzerischem «Lose Yourself to Dance» zu Dufays «Apostolo glorioso» verleiht dem Programm zusätzliche Spannung. Die Auswahl verlangt sängerische Wandlungsfähigkeit zwischen kunstvoller Polyphonie, lyrischer Innigkeit und rhythmischer Prägnanz. So entsteht eine musikalische Gratwanderung, deren bemerkenswerte Vielseitigkeit ihresgleichen sucht. Singer Purs Klangpracht trifft ein ums andere Mal mitten ins Herz.
Stella Antwerpen ist Sängerin, Chorleiterin, Stimmbildungscoach und Gymnasiallehrerin. Sie schreibt für Fachmagazine und ist Mitglied verschiedener Wettbewerbsjurys.
SLIXS kommen zur Ruhe – im Gestern und im Heute

CLOSE YOUR EYES
SLIXS
Werke und Stücke von u. a. Henry Purcell, Johannes Brahms, Prince und Peter Gabriel
Hey!Classics • Spieldauer 59:15
«Close Your Eyes» des deutschen A‑cappella-Sextetts SLIXS gründet klanglich im Pop, verhandelt aber musikalisch zeitlose Themen. Schlaf- und Wiegenlieder bilden den Kern des Albums, dem besinnliche Texte zugrunde liegen. Sie kreisen darum, zur Ruhe, mitunter zur ewigen Ruhe, zu kommen. Neben jazzigen Bearbeitungen von Stücken von Henry Purcell, Prince und Peter Gabriel überzeugen vor allem sechs neue Kompositionen von Mitsänger und Produzent Michael Eimann auf Texte von Shakespeare, Rimbaud, Goethe und Eichendorff. Dessen «Mondnacht» wird in Eimanns Vertonung bestimmt – hörend wie nachsingend – Gefallen bei vielen Chören finden, weil es romantische Programme geschmackvoll ins Heute begleiten kann.
In der Interpretation steht die Freude am perfekt produzierten, dichten Zusammenklang und an SLIXS’ reicher Palette sängerischer Möglichkeiten, inklusive Obertongesang und der Nachahmung von Instrumenten, im Vordergrund. Was indes ausgedrückt werden soll, rückt ein wenig in den Hintergrund. Dass Dido in ihrem Lamento gerade gebrochenen Herzens in den Freitod geht, vermutet man nicht hinter kubanisch-knuffigem Beatboxen und wunderbar duftigen Akkordschichtungen. Brahms’ von Georg Scherer behutsam angereichertes «Wiegenlied» beschließt die Platte und zeigt noch einmal: Schlaflieder sind nicht zum hermeneutischen Durchleuchten da. In den warmen Klängen kann man sich fabelhaft geborgen verlieren. Da drückt man gern die Augen zu.
Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.
Das SWR Vokalensemble mit geistlicher Musik aus drei Jahrhunderten

JOSEF GABRIEL RHEINBERGER. MISSA IN ES
und Werke von Nana Forte und Frank Martin
SWR Vokalensemble
(Yuval Weinberg)
SWRmusic • Spieldauer 58:20
Der ungebremste melodische Fluss und das beherzte Schwingen lassen kaum vermuten, dass Josef Rheinberger das sakrosankte Ordinarium Missae in Musik gesetzt hat. Die festen Teile der lateinischen Messe vom Kyrie bis zum Agnus Dei haben Komponist:innen seit dem Spätmittelalter auf meist strenge Weise vertont. Sehr genussvoll erweckt das SWR Vokalensemble unter Chefdirigent Yuval Weinberg den doppelchörigen «Cantus Missae», den Rheinberger 1878 schrieb. In gewohnt bestechender Präzision erleben Hörende plastische und romantische Textausdeutung, Wettstreit in feinster räumlicher Staffelung, strahlende Homogenität.
Von Frank Martins Messe für Doppelchor hätte die Nachwelt beinahe nichts erfahren. Fast 40 Jahre hielt der Schweizer das Werk zurück, sah darin die Privatsache eines Suchenden. Stilistisch führt die Musik von der Gregorianik in die Expressivität des 20. Jahrhunderts. Diese Spannung zwischen Tradition und Moderne, individueller Aussage und Allgemeingültigkeit macht die Darbietung des SWR Vokalensembles deutlich. Allerdings tendiert sie mitunter zu Beschaulichkeit und Romantisierung. Im Vergleich wirkt die fast 30 Jahre ältere Aufnahme des Dresdner Kammerchors unter Hans-Christoph Rademann sprechender und packender.
Zwischen beide Messen rückt auf dieser CD das Responsorium «Libera me» von Nana Forte. Komponiert fast 150 Jahre nach Rheinbergers «Cantus Missae», bedient es sich doch bewährter Mittel wie Kontrast und Kontrapunkt. Yuval Weinberg lässt hier seinen Chor als Vermittler neuester Musik bravourös agieren.
Karsten Blüthgen studierte Akustik und Musikwissenschaft. Er lebt in der Lausitz und schreibt Geschichten, Porträts und Musikkritiken für verschiedene Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit ihrer Gründung auch für die Chorzeit.