Einsingen und Tee trinken: Maria Bätzing über Stimmpflege im Herbst

Autor:in

Maria Bätzing

Ausgabe

N° 120 | November 2024

Die schlech­te Nach­richt gleich vor­weg: Die bes­te Stimm­pfle­ge beginnt nicht erst im Novem­ber. Das Bes­te, was ich im Lau­fe der Jah­re für mei­ne Stim­me getan habe, ist viel indi­vi­du­el­le Stimm­bil­dung. Inzwi­schen schaf­fe ich es in den bes­ten Zei­ten, dass ich im gesun­den Zustand vom Sin­gen gar nicht mehr hei­ser wer­de. Auch nach lan­gen Pro­ben­wo­chen­en­den habe ich manch­mal erstaunt fest­ge­stellt, dass ich mei­ne Stim­me ganz pro­blem­los wei­ter benut­zen kann. Wich­tig ist dabei aber auch, dass im Chor ein gutes Ein­sin­gen gemacht und eine gewis­se Kul­tur des Zuhö­rens gepflegt wur­de: Wenn alle sich gegen­sei­tig über­brül­len, ist es sehr schwer, sich da raus zu hal­ten und die eige­ne Stim­me (die man dann gar nicht mehr hören kann) scho­nend zu benut­zen.

Wenn ich dann einer Erkäl­tung nicht aus­wei­chen kann, nützt mir die Stimm­tech­nik trotz­dem, mit mei­ner Stim­me gut umzu­ge­hen. Das hilft nun all denen nicht, die nicht mit so viel Zeit und Geld aus­ge­stat­tet sind, dass sie regel­mä­ßi­ge Gesangs­stun­den neh­men kön­nen. Aber viel­leicht beginnt jetzt die Jah­res­zeit, um im Chor auf ein gutes und aus­führ­li­ches Ein­sin­gen zu bestehen – gera­de bei Chorleiter:innen, denen es sonst wich­ti­ger ist, schnell zu den Stü­cken zu kom­men.

Stimmpflege unter Aufsicht: Gesangslehrer:innen können helfen

Trotz­dem möch­te ich alle, die es mög­lich machen kön­nen, ermu­ti­gen, ab und zu mal ein biss­chen Gesangs­un­ter­richt zu neh­men. Ich ken­ne eini­ge Chorsänger:innen, die sich nicht trau­en, allei­ne jeman­dem etwas vor­zu­sin­gen oder die der Mei­nung sind, dass sie viel­leicht sowie­so zu schlecht sin­gen. Sich zu trau­en, lohnt sich aber: Gesangslehrer:innen sind kei­ne kri­ti­sche Jury, son­dern sie hören zu, um zu för­dern und zu hel­fen. Es gibt sogar wel­che, die auf Stimmre­ha­bi­li­ta­ti­on spe­zia­li­siert sind, und ganz gezielt bei der Stimm­pfle­ge unter­stüt­zen kön­nen. Ich emp­feh­le, es so zu sehen: Wenn ich wirk­lich so «schlecht» sin­ge, ist es umso leich­ter, etwas zu fin­den, was man ver­bes­sern kann. Für wen der Ein­zel­un­ter­richt wirk­lich nichts ist, der oder die fin­det viel­leicht einen Work­shop, in dem man in der Grup­pe sin­gen und trotz­dem gute Stimm­pfle­ge machen kann.

Der richtige Umgang mit Erkältungen

Aber auch im All­tag und mit weni­ger auf­wän­di­gen Mit­teln lässt sich eini­ges für die Stim­me tun. Als ers­tes ist es gene­rell nicht schlecht, dass wir uns heu­te alle etwas bes­ser mit Erkäl­tun­gen aus­ken­nen. Wir haben in der Pan­de­mie alle gelernt, wie es theo­re­tisch mög­lich ist, sich gegen­sei­tig weni­ger anzu­ste­cken – Lüf­ten, Abstand hal­ten, bei Krank­heit zu Hau­se blei­ben. Natür­lich wol­len wir die Chor­pro­ben im Win­ter nicht schon wie­der völ­lig ein­stel­len, aber das Bewusst­sein dafür fin­de ich schon wert­voll – und ich wün­sche mir eigent­lich von allen, dass wir uns gegen­sei­tig erlau­ben, ordent­lich krank zu sein und uns genug aus­zu­ru­hen.

Zwei­tens hilft es, sich mit dem eige­nen Kör­per aus­zu­ken­nen. Sitzt die Erkäl­tung gera­de an der Stim­me und soll­te ich wirk­lich mög­lichst nicht spre­chen und schon gar nicht sin­gen? Oder sind nur die Nasen­ne­ben­höh­len ver­stopft und könn­ten durch geziel­tes Brum­men in Schwin­gung ver­setzt wer­den? Viel­leicht ist dann das Sin­gen sogar gar nicht schlecht. Natür­lich kann ich hier kei­ne medi­zi­ni­schen Emp­feh­lun­gen abge­ben – im Zwei­fel soll­te man lie­ber Vor­sicht wal­ten las­sen – fra­gen Sie ihre Ärz­tin, ihren Arzt oder in ihrer Apo­the­ke.

… wenn die Zeit fehlt: eine Tasse Tee vors Gesicht halten

Ein drit­ter Tipp, der bei tro­cke­ner Hei­zungs­luft beson­ders wich­tig ist, war der Wahl­spruch einer Ärz­tin und Chor­sän­ge­rin, mit der ich zeit­wei­se zu tun hat­te: «Nur eine feuch­te Schleim­haut kann sich sel­ber hel­fen.» Ihre Emp­feh­lung bei Erkäl­tun­gen war, mehr­mals täg­lich zu inha­lie­ren, und bei tro­cke­ner Luft im gesun­den Zustand eigent­lich auch. Da es in mei­nem All­tag zwi­schen Beruf und Fami­lie völ­lig unprak­tisch ist, mehr­mals täg­lich den Kopf unter eine Dampf­glo­cke zu ste­cken, beschrän­ke ich mich dabei auf die Mini­mal­ver­si­on, näm­lich mög­lichst oft eine Tas­se Tee vors Gesicht zu hal­ten. Das ist gemüt­lich und man kann all­ge­mei­ne Gesprä­che und Auf­ga­ben wei­ter­füh­ren. Was viel­leicht noch bes­ser wäre: die neb­li­ge Herbst­luft auf aus­ge­dehn­ten Spa­zier­gän­gen in schö­nen wal­di­gen Gegen­den zu genie­ßen.

Die­se Maß­nah­me hilft auch gegen einen wei­te­ren Fak­tor, der sich nega­tiv auf die Stim­me aus­wirkt: der all­ge­mei­ne Stress. Schließ­lich sitzt der Stimm­ap­pa­rat an einer Stel­le, die sich völ­lig ver­spannt, wenn man vor lau­ter Kon­flik­ten und Ter­mi­nen mit dau­er­haft hoch­ge­zo­ge­nen Schul­tern, ange­spann­tem Unter­kie­fer und krum­mem Rücken durch die Gegend läuft und die vie­len betei­lig­ten Mus­keln in unter­schied­li­chen Rich­tun­gen anein­an­der zie­hen.

Nie verkehrt: die Stimme schonen und pflegen

Als Letz­tes hilft es viel­leicht, die guten Vor­sät­ze die­ses Jahr vor­zu­ver­le­gen: Der Herbst passt schließ­lich ganz gut zu einer all­ge­mei­nen Ent­schleu­ni­gung. Und da bie­ten sich vie­le klas­si­sche und krea­ti­ve gute Vor­sät­ze an: Viel schla­fen und regel­mä­ßig essen, um das Immun­sys­tem gut zu ver­sor­gen. Durch die Natur lau­fen, um tief durch­at­men zu kön­nen. Die Nasen­ne­ben­höh­len regel­mä­ßig durch das Sum­men tie­fer Töne in Schwin­gung ver­set­zen (ob das wirk­lich hilft? Jeden­falls macht es Spaß und ist ohne Erkäl­tung auf jeden Fall unge­fähr­lich). Zun­gen­akro­ba­tik ler­nen, damit man end­lich gleich­zei­tig sin­gen und Hus­ten­bon­bons lut­schen kann, ohne sich zu ver­schlu­cken. Die Stim­me dadurch scho­nen, dass man unan­ge­neh­men Dis­kus­sio­nen aus dem Weg geht. Das Gute dabei ist: Selbst, wenn man die­se guten Vor­sät­ze nach eini­gen Wochen wie­der ver­gisst, hat man viel­leicht trotz­dem genau in der rich­ti­gen Zeit etwas für die Stim­me getan.

Portrait von Maria Bätzing

Autor:in

Maria Bätzing

Maria Bätzing ist Redakteurin beim Online-Musikjournal Melodiva und arbeitet für das Frauen Musik Büro Frankfurt. Sie singt im Frankfurter Frauenchor Elektra und im Ensemble Quarantöne.

Verwandte Artikel

Weitere spannende Themen aus der Chorwelt

An einem herbstlichen Tag spazieren zwei Menschen durch eine Grünanlage an einem Hafenbecken entlang.

Aktiv bleiben: Christiane Hrasky über Stimmpflege im Herbst

Wie die Stimme gut überwintert? Chorleiterin Christiane Hrasky empfiehlt, die Bedürfnisse der Stimme mitzudenken.

Zwei Frauen, die Schulter an Schulter stehen, haben zur selben Seite jeweils einen Arm gehoben und beobachten die oberhalb des Unterarms locker ruhende Hand. Beide lächeln.

Kleine Bewegung, große Wirkung: die Feldenkrais-Methode

Die Feldenkrais-Methode verspricht Leichtigkeit, bessere Körperkoordination und «Bewusstheit durch Bewegung». Wie sie die Chorpraxis bereichern kann:

Auf grünem Hintergrund liegen drei Notenhefte. Dort sind Tausendfüßler mit bunten Schuhen, ein Schaf und ein Kirchenraum mit Lichtreflektionen abgebildet

Weg frei für Schaf und Tausendfüßler: drei neue Kinderchormusicals

Als Fabel aus dem Tierreich und als Weihnachtsbotschaft: Drei neue Kinderchormusicals feiern Zugewandtheit und Neugier.