Einsingen und Tee trinken: Maria Bätzing über Stimmpflege im Herbst
Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Die beste Stimmpflege beginnt nicht erst im November. Das Beste, was ich im Laufe der Jahre für meine Stimme getan habe, ist viel individuelle Stimmbildung. Inzwischen schaffe ich es in den besten Zeiten, dass ich im gesunden Zustand vom Singen gar nicht mehr heiser werde. Auch nach langen Probenwochenenden habe ich manchmal erstaunt festgestellt, dass ich meine Stimme ganz problemlos weiter benutzen kann. Wichtig ist dabei aber auch, dass im Chor ein gutes Einsingen gemacht und eine gewisse Kultur des Zuhörens gepflegt wurde: Wenn alle sich gegenseitig überbrüllen, ist es sehr schwer, sich da raus zu halten und die eigene Stimme (die man dann gar nicht mehr hören kann) schonend zu benutzen.
Wenn ich dann einer Erkältung nicht ausweichen kann, nützt mir die Stimmtechnik trotzdem, mit meiner Stimme gut umzugehen. Das hilft nun all denen nicht, die nicht mit so viel Zeit und Geld ausgestattet sind, dass sie regelmäßige Gesangsstunden nehmen können. Aber vielleicht beginnt jetzt die Jahreszeit, um im Chor auf ein gutes und ausführliches Einsingen zu bestehen – gerade bei Chorleiter:innen, denen es sonst wichtiger ist, schnell zu den Stücken zu kommen.
Stimmpflege unter Aufsicht: Gesangslehrer:innen können helfen
Trotzdem möchte ich alle, die es möglich machen können, ermutigen, ab und zu mal ein bisschen Gesangsunterricht zu nehmen. Ich kenne einige Chorsänger:innen, die sich nicht trauen, alleine jemandem etwas vorzusingen oder die der Meinung sind, dass sie vielleicht sowieso zu schlecht singen. Sich zu trauen, lohnt sich aber: Gesangslehrer:innen sind keine kritische Jury, sondern sie hören zu, um zu fördern und zu helfen. Es gibt sogar welche, die auf Stimmrehabilitation spezialisiert sind, und ganz gezielt bei der Stimmpflege unterstützen können. Ich empfehle, es so zu sehen: Wenn ich wirklich so «schlecht» singe, ist es umso leichter, etwas zu finden, was man verbessern kann. Für wen der Einzelunterricht wirklich nichts ist, der oder die findet vielleicht einen Workshop, in dem man in der Gruppe singen und trotzdem gute Stimmpflege machen kann.
Der richtige Umgang mit Erkältungen
Aber auch im Alltag und mit weniger aufwändigen Mitteln lässt sich einiges für die Stimme tun. Als erstes ist es generell nicht schlecht, dass wir uns heute alle etwas besser mit Erkältungen auskennen. Wir haben in der Pandemie alle gelernt, wie es theoretisch möglich ist, sich gegenseitig weniger anzustecken – Lüften, Abstand halten, bei Krankheit zu Hause bleiben. Natürlich wollen wir die Chorproben im Winter nicht schon wieder völlig einstellen, aber das Bewusstsein dafür finde ich schon wertvoll – und ich wünsche mir eigentlich von allen, dass wir uns gegenseitig erlauben, ordentlich krank zu sein und uns genug auszuruhen.
Zweitens hilft es, sich mit dem eigenen Körper auszukennen. Sitzt die Erkältung gerade an der Stimme und sollte ich wirklich möglichst nicht sprechen und schon gar nicht singen? Oder sind nur die Nasennebenhöhlen verstopft und könnten durch gezieltes Brummen in Schwingung versetzt werden? Vielleicht ist dann das Singen sogar gar nicht schlecht. Natürlich kann ich hier keine medizinischen Empfehlungen abgeben – im Zweifel sollte man lieber Vorsicht walten lassen – fragen Sie ihre Ärztin, ihren Arzt oder in ihrer Apotheke.
… wenn die Zeit fehlt: eine Tasse Tee vors Gesicht halten
Ein dritter Tipp, der bei trockener Heizungsluft besonders wichtig ist, war der Wahlspruch einer Ärztin und Chorsängerin, mit der ich zeitweise zu tun hatte: «Nur eine feuchte Schleimhaut kann sich selber helfen.» Ihre Empfehlung bei Erkältungen war, mehrmals täglich zu inhalieren, und bei trockener Luft im gesunden Zustand eigentlich auch. Da es in meinem Alltag zwischen Beruf und Familie völlig unpraktisch ist, mehrmals täglich den Kopf unter eine Dampfglocke zu stecken, beschränke ich mich dabei auf die Minimalversion, nämlich möglichst oft eine Tasse Tee vors Gesicht zu halten. Das ist gemütlich und man kann allgemeine Gespräche und Aufgaben weiterführen. Was vielleicht noch besser wäre: die neblige Herbstluft auf ausgedehnten Spaziergängen in schönen waldigen Gegenden zu genießen.
Diese Maßnahme hilft auch gegen einen weiteren Faktor, der sich negativ auf die Stimme auswirkt: der allgemeine Stress. Schließlich sitzt der Stimmapparat an einer Stelle, die sich völlig verspannt, wenn man vor lauter Konflikten und Terminen mit dauerhaft hochgezogenen Schultern, angespanntem Unterkiefer und krummem Rücken durch die Gegend läuft und die vielen beteiligten Muskeln in unterschiedlichen Richtungen aneinander ziehen.
Nie verkehrt: die Stimme schonen und pflegen
Als Letztes hilft es vielleicht, die guten Vorsätze dieses Jahr vorzuverlegen: Der Herbst passt schließlich ganz gut zu einer allgemeinen Entschleunigung. Und da bieten sich viele klassische und kreative gute Vorsätze an: Viel schlafen und regelmäßig essen, um das Immunsystem gut zu versorgen. Durch die Natur laufen, um tief durchatmen zu können. Die Nasennebenhöhlen regelmäßig durch das Summen tiefer Töne in Schwingung versetzen (ob das wirklich hilft? Jedenfalls macht es Spaß und ist ohne Erkältung auf jeden Fall ungefährlich). Zungenakrobatik lernen, damit man endlich gleichzeitig singen und Hustenbonbons lutschen kann, ohne sich zu verschlucken. Die Stimme dadurch schonen, dass man unangenehmen Diskussionen aus dem Weg geht. Das Gute dabei ist: Selbst, wenn man diese guten Vorsätze nach einigen Wochen wieder vergisst, hat man vielleicht trotzdem genau in der richtigen Zeit etwas für die Stimme getan.