Aktiv bleiben: Christiane Hrasky über Stimmpflege im Herbst

Autor:in

Christiane Hrasky

Ausgabe

N° 120 | November 2024

Sin­gen ist gesund und beson­ders wich­tig, wenn die Grip­pe­sai­son beginnt und wir vie­len Viren und Bak­te­ri­en aus­ge­setzt sind. Denn Sin­gen stei­gert bereits nach 20 Minu­ten nach­weis­lich die Pro­duk­ti­on von Immun­glo­bu­lin A im Spei­chel. Die­ses ist vor allem für die Abwehr von Erre­gern an der Ober­flä­che von Schleim­häu­ten zustän­dig. Sin­gen sti­mu­liert also das Immun­sys­tem. Außer­dem wer­den Glücks­hor­mo­ne aus­ge­schüt­tet und Stress­hor­mo­ne abge­baut. Gestärk­te Abwehr­kräf­te, gute Lau­ne, see­li­sches Wohl­be­fin­den und Stress­ab­bau – das ist eine genia­le Kom­bi­na­ti­on an einem trü­ben Win­ter­tag. Und dazu kommt noch, dass Sin­gen gegen Angst hilft. Neu­es­te For­schun­gen bele­gen, dass Sin­gen und Angst-haben in einer Hirn­re­gi­on ver­an­kert sind. Und die­se Gehirn­re­gi­on kann nicht bei­de Gehirn­ak­ti­vi­tä­ten gleich­zei­tig umset­zen. Wir kön­nen also ent­we­der sin­gen oder Angst haben. Des­halb sin­gen wir, wenn wir in den dunk­len Wald gehen. Und des­halb ver­sagt uns die Stim­me, wenn es zu unheim­lich wird. Wer singt, kann also kei­ne Angst haben. Oder anders aus­ge­drückt: Je mehr wir sin­gen, umso woh­ler füh­len wir uns.

«Gestärk­te Abwehr­kräf­te, gute Lau­ne, see­li­sches Wohl­be­fin­den und Stress­ab­bau – das ist eine genia­le Kom­bi­na­ti­on an einem trü­ben Win­ter­tag.»

Eine fitte Stimme in einem fitten Körper

Den­noch reicht es nicht immer, ein­fach nur zu sin­gen. Die Stim­me braucht Pfle­ge, beson­ders im Win­ter oder wenn vie­le Pro­ben und Kon­zer­te anste­hen. Zur all­ge­mei­nen Stimm­pfle­ge gehö­ren ein regel­mä­ßi­ger Tages­ab­lauf, viel Bewe­gung, kein Alko­hol und gesun­de Ernäh­rung. Das ist sowie­so gut, aber für das Sin­gen beson­ders. Denn Bewe­gung hält unse­ren Kör­per fit und för­dert die Durch­blu­tung. Außer­dem wird die Atmung sti­mu­liert und Mus­keln gedehnt oder gestärkt. All das unter­stützt den eige­nen Kör­per in Vor­be­rei­tung für das Sin­gen. Aber die Stim­me selbst braucht auch regel­mä­ßi­ges Trai­ning. Sin­gen ist ein kom­ple­xer Vor­gang, bei dem vie­le klei­ne und grö­ße­re Mus­keln zum Ein­satz kom­men, die rei­bungs­los funk­tio­nie­ren müs­sen. Und die­se soll­ten trai­niert wer­den. Am bes­ten täg­lich. All­ge­mei­ne Stimm­pfle­ge hört sich also erst­mal an wie ein guter Ernäh­rungs­rat­ge­ber. Aber natür­lich kann man auch ohne «Diät» toll sin­gen. Wich­tig ist es, Ver­än­de­run­gen wahr­zu­neh­men und alles Mög­li­che zu tun, was Hil­fe brin­gen kann.

Pausen vermeiden mithilfe von Lax Vox und Co.

Je älter wir wer­den, umso ungüns­ti­ger wir­ken sich lan­ge Sing-Unter­bre­chun­gen aus. Es wird immer schwie­ri­ger, nach einer Pau­se den alten Zustand zu errei­chen. Daher kann ich allen, die Rei­sen oder Sing-Unter­bre­chun­gen vor sich haben, ans Herz legen, sich mit Lax Vox zu beschäf­ti­gen. Das ist eine Metho­de aus der Stimm­the­ra­pie, die inzwi­schen vie­le Stimmbildner:innen in ihr Pro­gramm auf­ge­nom­men haben. Man blub­bert mit einem Schlauch in eine Was­ser­fla­sche und hält damit sei­ne Stimm­lip­pen aktiv und geschmei­dig. Das ist unauf­wän­dig, dau­ert nicht mehr als zwei Minu­ten pro Tag und ist ein Jung­brun­nen für die Stim­me. Es gibt dazu vie­le Vide­os im Netz, auch von mir («Den Rost von der Stim­me fegen»), die genau erklä­ren, wie das funk­tio­niert.

Lax Vox ist auch her­vor­ra­gend geeig­net, wenn man in eine Kon­zert­sai­son geht und vie­le Pro­ben anste­hen. Wenn man vor jeder Pro­be blub­bert, wird die Stim­me trag­fä­hi­ger und aus­dau­ern­der. Lan­ge Pro­ben­ta­ge kön­nen bes­ser über­stan­den wer­den und die Höhen und Tie­fen immer leich­ter erreicht. Aber auch ohne Lax Vox soll­te man dar­auf ach­ten, dass kei­ne Pro­be ohne stimm­li­che Vor­be­rei­tung beginnt. Ver­glei­chen kann man das wie­der mit dem Sport. Kein Fuß­bal­ler wür­de unauf­ge­wärmt auf den Platz gehen. Die Gefahr von Mus­kel­zer­run­gen wäre viel zu groß. Auch Sin­gen ist mus­ku­lär her­aus­for­dernd. Nicht ein­ge­sun­gen kön­nen wir in einer Pro­be schnell Fehl­span­nun­gen auf­bau­en, die den Hals fest wer­den las­sen oder die Stim­me blo­ckie­ren. Stimm­bil­dung und Ein­sin­gen vor der Pro­be ist daher sehr wich­tig. Soll­te das mal aus­fal­len, kann man sich auch selbst warm­ma­chen: Sin­gen Sie lei­se Glis­san­di auf m oder ng, erst in der Mit­tel­la­ge, spä­ter hoch und tief. Und machen Sie das so lan­ge, bis kei­ne Raspler mehr zu hören sind. Das ersetzt kein kom­plet­tes Ein­sin­gen, hilft aber schon­mal beim Start in die Pro­be.

Immer sinnvoll: Ein Gespür für den eigenen Körper

In der Pro­be selbst ist es sehr wich­tig, dass die Stimm­lip­pen befeuch­tet blei­ben. Je älter wir wer­den, umso weni­ger geht das von allein. Viel trin­ken – auch wäh­rend der Pro­be – ist hilf­reich. Eben­so der Ein­satz von befeuch­ten­den Drops aus der Apo­the­ke. Das schützt uns vor Stimm­aus­set­zern und einer tro­cke­nen Keh­le. Und nut­zen Sie alle ent­ste­hen­den Sing-Pau­sen, um Ihre Stim­me zu unter­stüt­zen. Schlie­ßen Sie für einen Moment die Augen, um den Augen­mus­kel zu ent­span­nen. Augen sind bei Pro­ben oft gefor­dert wegen schlech­ter Beleuch­tung und ein ange­streng­ter Augen­mus­kel hat nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Kehl­kopf. Len­ken Sie Ihre Auf­merk­sam­keit auf die Zun­ge und prü­fen Sie, ob sie ent­spannt im Mund liegt. Die Zun­ge ist oft Aus­druck unse­rer (ver­spann­ten) Tages­form. Sen­ken Sie Ihre Schul­tern, falls sie hoch­ge­zo­gen sind und krei­sen sie sanft damit. Die Mus­ku­la­tur der Schul­tern ist eben­falls mit der Hals­mus­ku­la­tur ver­bun­den. Und zuletzt: Ent­span­nen Sie immer mal Ihre Sitz­hal­tung, um die Unter­stüt­zungs­mus­ku­la­tur zu ent­las­ten. Jede Mus­ku­la­tur braucht Pau­sen, um gut arbei­ten zu kön­nen. Ich wün­sche Ihnen vie­le Pro­ben und Kon­zer­te vol­ler Wohl­ge­fühl und Freu­de!

Portrait von Christiane Hrasky

Autor:in

Christiane Hrasky

Christiane Hrasky ist Landeskantorin der Nordkirche. Mit «Schöner Singen 60+» ist sie in Workshops und auf ihrem YouTube-Kanal zu erleben. Sie leitet den Franz-Schubert-Chor Hamburg und das Hamburger Kammerchor-Projekt vocanti.

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