Singen im Metalchor: Growlen in guter Gesellschaft
Zum Online-Interview treffen sich sechs Stimmen aus der Metalchor-Szene und berichten über ihre Leidenschaft: Jelena Dobric, Vocal Coach, Metal-Sängerin und Gründerin von MetalMorphix in Hannover, Sängerin Kim und Chorleiter Uwe Seemann von Tunes of Darkness in Hamburg, Coach Mel Staude und Sänger Kiki der Northern Ravens aus Lübeck und Birte Schwarz, stellvertretende Vorsitzende von Metalchor e. V.
Seit wann singt ihr zusammen im Metalchor und wie ist euer Chor entstanden?
Jelena: Unser Chor MetalMorphix ist noch ziemlich jung, es gibt uns seit April 2025. Der Chor ist Teil meines Projekts «MetalMorphix» – ich bin selbst Sängerin und Vocal Coach und hatte so richtig Bock auf einen Rock-Metal-Chor. Während ich mit der Idee gespielt habe, kam Henna von 30666 City of Metal zu mir und meinte: «Wir würden gerne einen Metalchor starten. Hast du Lust, ihn zu leiten?» Ich finde, es ist immer schöner, wenn man was zusammen macht. Und 30666 ist eine Community von Metalheads hier in Hannover, die schon lange existiert. Das passte perfekt zusammen.
Birte: Die Chöre Northern Ravens und die Tunes of Darkness sind ursprünglich aus einem anderen Chor entstanden. Im April 2024 haben wir uns neu formiert.
Was spielt es für euch für eine Rolle, in einem Verein zu sein?
Birte: Der Vorteil vom Verein ist natürlich, dass alle Mitglieder ein Stück Mitbestimmungsrecht haben, das war uns sehr wichtig! Und als Verein hat man auch eine andere Wirkung auf andere, zum Beispiel wenn man irgendwo auftreten will. «Ey, wir sind ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und wollen hier einen Auftritt machen» klingt anders als «Wir sind ein Metal-Chor und grölen mal durch die Gegend». Als juristische Person wirkt man ganz anders. Ein bisschen seriöser [lacht].

Der Metalchor MetalMorphix singt in Hannover unter der Leitung von Jelena Dobric
Die Menschen im Metalchor: alles außer eintönig
Und wer sind die Menschen in eurem Metalchor?
Uwe: Die «typischen» Menschen bei uns sind sehr divers. Das zeichnet ja die Heavy-Metal-Szene generell aus. Das sind sehr interessante Menschen, viele Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, sozial, beruflich, mit ihren Lebensgeschichten. Und das macht es eigentlich auch immer wieder interessant, weil man eben keine monoforme Gruppe hat.
Jelena: Wir sind ganz unterschiedlich und die Leute mögen auch verschiedene Richtungen von Metal. Einige beherrschen «Harsh Vocals» schon relativ gut, viele wollen es lernen, manche auch gar nicht. Die wollen einfach nur im Chor singen. Wir haben hier Menschen von 16 bis 66. Wir machen kein Vorsingen, weil wir eine Community sein wollen, in der sich alle wohlfühlen und vor allem von den Persönlichkeiten her gut zusammenpassen. Mir war bewusst, dass es für mich als Chorleiterin eine große Herausforderung wird mit so unterschiedlichen Levels im Chor. Wir teilen uns zum Proben manchmal auf und arbeiten an Harmonien und unserer Stabilität. Wir sind dran. [lacht] Die Stimmung ist sehr gut und zusammen haben wir ganz viel Spaß.
«Mich begeistert, dass ich einmal die Woche wirklich einfach mal alle Filter fallen lassen kann. Einfach mal nicht zu viel über alles nachdenken, einfach auch mal laut sein und ein bisschen sich selbst und das Leben nicht so ernst zu nehmen.»
Motivation und Programmgestaltung im Metalchor
Und warum singt ihr im Metalchor, Kim und Kiki?
Kim: Ich bin jetzt schon vier Jahre dabei und mich begeistert, dass ich einmal die Woche wirklich einfach mal alle Filter fallen lassen kann. Einfach mal nicht zu viel über alles nachdenken, einfach auch mal laut sein und ein bisschen sich selbst und das Leben nicht so ernst zu nehmen – wenigstens einmal die Woche. Da bin ich dann sehr glücklich mit dem Chor.
Kiki: Ich kenne auch die andere Seite der Chormusik, sozusagen, aus einem traditionsreichen städtischen Kinderchor. Und hier ist halt einfach alles etwas chilliger, entspannter. Es ist locker, keiner wird blöd angemacht, egal ob groß, klein, dick, dünn. Man fühlt sich einfach willkommen. Es ist eine tolle Gemeinschaft, das merkt man auch an Kleinigkeiten wie spontanen Fahrgemeinschaften, wenn mal ein Bus ausfällt. Wir unterstützen einander. Das ist einfach toll und man hat das Gefühl, man wird aufgefangen und die Leute sind füreinander da.

Wie stellt ihr euer Repertoire zusammen und wo findet ihr die Noten für euren Metalchor?
Jelena: Am Anfang habe ich «Aerials» von System of a Down ausgewählt. Da kann man ein paar Harmonien aufbauen, Call-and-Response bringt Abwechslung. Und danach habe ich Vorschläge aus dem Chor gesammelt und geschaut, was gut arrangiert werden kann, was zu unserer Gruppe passt. Ich schreibe zurzeit auch selbst Arrangements – weil ich drauf Bock habe.
Mel: Mein offizieller Titel ist «Rabenbetreuungsbeauftragte»: Alle dürfen Vorschläge machen und wenn sie eine Zweidrittelmehrheit erreichen, werden sie im Chor ausprobiert. Ich gehe dann auf die Suche nach einem Playback und bereite den Text vor. Wir entwickeln zusammen Ideen, wie wir das zum Klingen bringen können. Oder ich schau mal, ob die Hamburger [von Tunes of Darkness, Anmerkung der Redaktion] schon was dazu vorbereitet haben (lacht). Und dann probieren wir das aus. Wir singen nicht nach Noten, wir singen nach Gefühl. Wir haben auch eine Band, die uns bei manchen Auftritten unterstützt.
Uwe: Man muss auch gucken: Was kommt im Publikum an? Was wirkt eher kurzweilig, was schnell langweilig? Also zum Beispiel immer dieselben Tonarten, immer dieselben Geschwindigkeiten, immer dieselbe Art von Song. Ich kann acht fantastische Songs aufführen, die alle ähnlich wie «Enter Sandman» von Metallica sind. Die sind auch jeder für sich toll, aber nach zehn Minuten, ist es für die, die da unten stehen, total langweilig. Und das ist halt nicht mein Anspruch, sondern ich möchte versuchen – alles im Konsens natürlich – eine möglichst vielfältige Palette der Musik und auch des Könnens abzubilden.
«Und dann machen wir zum Schluss eigentlich immer noch mal drei Standardsongs, einfach um Spaß zu haben, also wo dann nicht mehr gearbeitet werden muss, sondern wo es einfach um Rausschreien, um Spaßhaben geht.»
<Typische> Proben im Metalchor
Wie sieht eine typische Probe bei euch aus?
Mel: Wir starten spät um 21 Uhr. Das hat sich so eingebürgert und passt für mich auch sehr gut beruflich. Wir treffen uns meistens schon um 20.30 Uhr. Dann wird geschnackt, noch eine Zigarette geraucht, also einfach diese Gemeinschaft genossen, von der Kiki sprach. Zwei liebe Menschen kümmern sich immer um die Technik und die Chorsprecher oder andere Freiwillige machen dann das Aufwärmen. Als Opener gibt es immer «Breaking the Law» von Judas Priest. Grundsätzlich starten wir in Lübeck erstmal unisono. Und wenn eine gewisse Grundsicherheit im Song drin ist, überlegen wir: Gibt es im Original eine höhere Stimme, können das meine hohen Stimmen nachsingen? Wenn nicht, können wir eine eigene Linie kreieren oder können die tiefen Stimmen eine Extravaganz mit reinbringen? Und dann machen wir zum Schluss eigentlich immer noch mal drei Standardsongs, einfach um Spaß zu haben, also wo dann nicht mehr gearbeitet werden muss, sondern wo es einfach um Rausschreien, um Spaßhaben geht.
Stimmbildung beim Singen im Metalchor
Ihr habt alle berichtet, dass ihr eure Stimmen gut aufwärmt. Macht ihr etwas Besonderes in Richtung Stimmbildung?
Jelena: Manchmal teilen wir uns auf, zwei Mädels aus dem Chor übernehmen eine Gruppe und dann wechseln wir für die Detailarbeit. Harsh Vocals nutzen wir noch nicht so viel, ich meine vor allem Growl und Scream. Wir integrieren es von denen, die das schon beherrschen. Und in manchen Proben üben wir das auch, aber lieber am Ende und ganz vorsichtig. Dafür muss man erst Grundlagen schaffen. Es ist schon eine spezielle Arbeit, wenn man mit Harsh Vocals arbeitet, weil das Strukturen im Hals braucht, die man normalerweise bei Gesprächen im Alltag nicht benutzt. Wir können das theoretisch alle machen, aber unser Apparat weiß nicht wie. Und dann machen wir meistens zu viel Druck und können heiser werden. Aber grundsätzlich können wir das alle machen, das sind «primal» Geräusche, die man irgendwann mal gemacht hat (lacht).
«Es [geht] nicht nur um das Singen, sondern auch um die Gemeinschaft. Und die Mitglieder sind eben divers und viele Dinge, die sie mitbringen, machen sie normalerweise irgendwo anders zu Außenseitern. […] Wir sind ein wirklich integratives Element.»

Zukunftspläne
Was hat sich euer Metalchor für die Zukunft vorgenommen?
Jelena: Ziel Nummer eins ist, dass wir unser Gesangslevel verbessern und uns ein sehr gutes Repertoire für etwa 45 Minuten aufbauen – und dass unser Auftritt so richtig cool aussieht. Ich würde mir wünschen, dass wir im April 2026 zu unserem Einjährigen etwas auf die Bühne bringen. Und dann weiter: so richtig fit werden und mit sehr guter Performance auf Metal-Festivals auftreten, vielleicht auch mit Band und irgendwann auch Originalsongs machen! Wir sind mit 30 bis 40 Menschen schon eine relativ große Gruppe und da gibt es viele Möglichkeiten – wir haben noch viel, was wir ausprobieren können.
Uwe: Eine ganz wichtige Sache ist, dass es nicht nur um das Singen geht, sondern auch um die Gemeinschaft. Und die Mitglieder sind eben divers und viele Dinge, die sie mitbringen, machen sie normalerweise irgendwo anders zu Außenseitern. Also ADHS, Autismus, es gibt Leute, die haben Sozialphobien. Wir sind ein wirklich integratives Element. Und weil eben jeder anders ist, sind wir auch alle wieder gleich und treffen uns gemeinsam auf dieser Ebene.
Mehr über die Metalchöre
MetalMorphix aus Hannover ist der vielleicht jüngste Metalchor in Deutschland. Auf Instagram ist er unter @metalmorphix.official zu finden.
Den Verein Metalchor e.V., in dem die Metalchöre Tunes of Darkness und Northern Ravens vereint sind, finden Sie unter: www.metalchor-ev.de Auf Instagram finden sich unter @metalchor_e.v Inspirationen aus dem Chor- und Vereinsleben.
Die Northern Ravens aus Lübeck findet ihr auf Instagram unter @northern_ravens und hier geht es zur Website: www.northernravens.de
Die Tunes of Darkness aus Hamburg rocken das World Wide Web unter www.tunesofdarkness.de und Instagram unter @mc_tunesofdarkness
Alle drei Chöre freuen sich über neue Sänger:innen in allen Höhen und Tiefen.