Ruth Zechlin / Hans Werner Henze © Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Bestand Barbara Köppe / Marianne Adelmann

«Kunst der Verant­wortung»: 100 Jahre Ruth Zechlin und Hans Werner Henze

Autor:in

Jens Berger

Ausgabe

N° 131 | Juli 2026

Vor 100 Jah­ren wur­den eine Kom­po­nis­tin und ein Kom­po­nist gebo­ren, die im geteil­ten Deutsch­land, er in West‑, sie in Ost‑, zu Iko­nen ihres Fachs wur­den und die es schaff­ten, über die Mau­er hin­weg einen regen, freund­schaft­li­chen Aus­tausch zu pfle­gen. Mit Hans Wer­ner Hen­ze und Ruth Zech­lin begeg­nen uns auch zwei Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was Chor­mu­sik im 20. Jahr­hun­dert sein konn­te. Bei­de waren kei­ne Chorkomponist:innen im enge­ren Sinn, Hen­ze und Zech­lin schrie­ben für etli­che Beset­zun­gen und in vie­len Gat­tun­gen. Doch bei allen musi­ka­li­schen Gemein­sam­kei­ten zei­gen sich in den Wer­ken für Chor beson­ders auch die kom­po­si­to­ri­schen Unter­schie­de.

Hans Wer­ner Hen­ze wur­de in Güters­loh gebo­ren, Ruth Zech­lin – als Ruth Oschatz – in Groß­hart­manns­dorf bei Frei­berg. Bei­de gehör­ten jener Gene­ra­ti­on an, deren künst­le­ri­sche Selbst­fin­dung unter dem lan­gen Schat­ten von Dik­ta­tur, Krieg und ideo­lo­gi­scher Block­bil­dung stand. Ihre kom­po­si­to­ri­schen Bio­gra­fien ver­lie­fen in denk­bar unter­schied­li­chen poli­ti­schen und insti­tu­tio­nel­len Bah­nen: Hen­ze leb­te und arbei­te­te im west­deut­schen und spä­ter ita­lie­ni­schen Kon­text, Zech­lin im Musik­le­ben der DDR, in enger Ver­bin­dung mit Leip­zig, Ost-Ber­lin und der dor­ti­gen Aka­de­mie der Küns­te. Zech­lin war von frü­her Kind­heit an von Bach umge­ben und die­se Bach-Nähe blieb kei­ne blo­ße Her­kunfts­ge­schich­te, son­dern wur­de zum Mate­ri­al ihrer Spra­che: kon­tra­punk­ti­sche Dis­zi­plin, Durch­hör­bar­keit, Sinn für Lini­en, spä­ter dann eine «erwei­ter­te Poly­pho­nie»», in der nicht nur Moti­ve, son­dern auch Klang­far­ben, Rhyth­mik, Raum und Dra­ma­tur­gie poly­phon gedacht wer­den.

Chor als Haltung, Chor als Praxis – Zugänge zum Singen bei Zechlin und Henze

Hen­ze dage­gen wur­de zu einer Leit­fi­gur des musik­thea­tra­li­schen, lite­ra­tur­hung­ri­gen und poli­tisch wachen Kom­po­nie­rens in der Bun­des­re­pu­blik. Sein Ver­hält­nis zur Stim­me, zum Chor und zur Sze­ne war nie orna­men­tal; ein Chor war bei ihm sel­ten nur Klang­mas­se, viel­mehr oft han­deln­des Sub­jekt, Wider­la­ger zur Solo­stim­me, kom­men­tie­ren­de Instanz oder Motor kol­lek­ti­ver Affek­te. Schon die frü­hen «Fünf Madri­ga­le» für klei­nen Chor und elf Instru­men­te (1947) zei­gen eine schar­fe Spra­che, fan­ta­sie­reich in Töne gebracht. In «Lie­der von einer Insel» für Kam­mer­chor und sie­ben Instru­men­te (1963) wird der Chor dann zum Trä­ger einer auf­ge­ris­se­nen, von Inge­borg Bach­mann dich­te­risch grun­dier­ten Klang­land­schaft. Und mit «Orpheus hin­ter dem Sta­chel­draht» schrieb Hen­ze 1978 sein ers­tes rei­nes A‑cap­pel­la-Stück von mar­kant mora­lisch-dra­ma­ti­schem Zuschnitt.

Hen­zes Erbe für die Chor­land­schaft liegt weni­ger in einem kano­nisch gewor­de­nen Reper­toire als in einer Hal­tung.

Cho­ri­sches ist bei Hen­ze aller­dings meist in eine grö­ße­re voka­le und thea­tra­li­sche Form ein­ge­bet­tet: in Kan­ta­ten, Opern und kon­zer­tan­te Groß­for­men, etwa in der Kan­ta­te «Novae de infi­ni­to lau­des» – bei deren Auf­füh­rung in Leip­zig er Zech­lin 1966 ken­nen­lern­te – oder im cho­risch weit­ge­spann­ten Kos­mos von «Voices». Hen­zes Erbe für die Chor­land­schaft liegt weni­ger in einem kano­nisch gewor­de­nen Reper­toire als in einer Hal­tung: Chor­klang darf dra­ma­tisch Far­be beken­nen, Rei­bung erzeu­gen und den Text zuspit­zen.

Bei Zech­lin hat die Chor­pra­xis mehr Gewicht. Immer schon der Kir­chen­mu­sik ver­bun­den, stu­dier­te sie zunächst Kla­vier, dann, moti­viert von ihrem Ton­satz­leh­rer Johann Nepo­muk David, auch Kom­po­si­ti­on. Der Orgel wid­me­te sie sich unter Strau­be und Ramin. Eine Kar­rie­re als Kir­chen­mu­si­ke­rin schien sich abzu­zeich­nen, doch bald rück­te die Lauf­bahn als Kom­po­nis­tin in den Mit­tel­punkt. Und ihr Schaf­fen fand Anklang, in Ost wie West. In ihren letz­ten Lebens­jah­ren schrieb sie vor allem geist­li­che Musik für Chor und Orgel. Die­ser spä­te Schwer­punkt ist nicht nur Alters­stil, son­dern Kul­mi­na­ti­ons­punkt einer lan­gen Ent­wick­lung: von der «Lidi­ce-Kan­ta­te» für Bari­ton, Chor und klei­nes Orches­ter (1958) und dem Ora­to­ri­um «Wenn der Wachol­der blüht» (1960) über die A‑cappella-«Aphorismen über die Lie­be» (1970/72) bis hin zu den spä­ten «Geist­li­chen Krei­sen» für drei­ge­teil­ten 24-stim­mi­gen Chor (1995), das A‑cappella-«Te Deum» (2001) und die groß­be­setz­te «Mis­sa in hono­rem Sanc­ti Ste­pha­ni». Für Chö­re bedeu­tet das: Zech­lins Musik ist anspruchs­voll, aber nicht abs­trakt; sie ver­langt die Bereit­schaft, sich auf etwas ein­zu­las­sen, will aber kei­nen Moder­ni­täts­ges­tus demons­trie­ren. Sie scheint Hen­zes Dik­tum zuzu­stim­men: «Die Anwen­dung neu­ar­ti­ger Tech­nik sagt über die Qua­li­tät des Musik­stücks nichts aus.»

Ihre Moder­ni­tät kommt nicht als Dik­tat daher, son­dern als Ver­fei­ne­rung des Hörens.

Wo dem Chor von ande­ren Komponist:innen im Nach­kriegs­deutsch­land mit­un­ter die Funk­ti­on eines Ver­suchs­la­bors zuge­wie­sen wur­de, ohne Rück­sicht auf Atem, Text­ar­ti­ku­la­ti­on und das sozia­le Wesen des Sin­gens, bleibt Zech­lin dem Chor als leben­di­gem und oft tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nem Kör­per ver­pflich­tet. Das hört man zum Bei­spiel in den «Apho­ris­men über die Lie­be»: moder­ne Har­mo­nik und sinn­li­che Kür­ze. Und noch stär­ker in den «Geist­li­chen Krei­sen», deren viel­stim­mi­ge Anla­ge eben nicht als blo­ßer Effekt erscheint, son­dern den Klang­raum struk­tu­rell sinn­voll erschließt. Ihre Moder­ni­tät kommt nicht als Dik­tat daher, son­dern als Ver­fei­ne­rung des Hörens.

Zechlin und Henze im Austausch: Briefe über die Mauer

Hanns Eis­ler hat sie mit ato­na­ler Musik in Ver­bin­dung gebracht – und ver­mut­lich kann man auch dank die­sem Ein­fluss ab 1970 eine kom­po­si­ti­ons­tech­ni­sche Ver­la­ge­rung beob­ach­ten: Bis dahin ver­ar­bei­te­te Zech­lin musi­ka­li­sches Mate­ri­al mit Mit­teln, die ihre Her­kunft in der moti­visch-the­ma­ti­schen Arbeit nicht ver­leug­nen. So ent­stan­den Span­nungs­bö­gen, wie sie einem Publi­kum, das das 19. Jahr­hun­dert im Ohr hat, sehr zugäng­lich waren. Nun aber wand­te sie sich ver­mehrt dem Aus­druck im Moment zu, den Far­ben und Flä­chen, und nahm seri­el­le Tech­ni­ken auf.

Hen­ze und Zech­lin begeg­ne­ten sich in ihrem ästhe­ti­schen Aus­tausch mit Wert­schät­zung.

Dazu mag auch der Kon­takt in ande­re Län­der bei­getra­gen haben, unter ande­rem zu Hen­ze. Zwi­schen bei­den gab es näm­lich mehr als nur lose Kennt­nis­nah­me unter Zeit­ge­nos­sen, wie der in wei­ten Tei­len erhal­te­ne Brief­wech­sel belegt. Die Staats­bi­blio­thek in Ber­lin bewahrt Ruth Zech­lins Nach­lass, Hen­zes wird nach und nach vom Pro­jekt «Hen­ze Digi­tal» (henze-digital.zenmem.de) erschlos­sen und als digi­ta­le Edi­ti­on zugäng­lich gemacht. Der Brief­wech­sel kul­mi­nier­te 1992 in einer Kom­po­si­ti­on Zech­lins: «3 Brie­fe an HWH» für Oboe solo. Im Vor­wort schreibt Zech­lin über die­se «Brie­fe»: «Sie set­zen einen lang­jäh­ri­gen Brief­wech­sel fort und spre­chen alles das in Tönen aus, was in Wor­ten nicht zu sagen ist.»

Hen­ze und Zech­lin begeg­ne­ten sich in ihrem ästhe­ti­schen Aus­tausch mit Wert­schät­zung. Zech­lin erin­ner­te sich spä­ter dar­an, dass Hen­ze ihr Noten und theo­re­ti­sche Schrif­ten mit­ge­bracht hat­te, unter ande­rem von Pierre Bou­lez. Dass er ihr damit Mate­ri­al aus dem west­li­chen Avant­gar­de-Dis­kurs zugäng­lich mach­te, war nicht bloß höf­li­cher Dienst unter Kolleg:innen, son­dern eine kon­kre­te Form geis­ti­ger Infra­struk­tur­pfle­ge über die Mau­er hin­weg. Zech­lins spä­te­re Öff­nung für seri­el­le Ele­men­te erhält vor die­sem Hin­ter­grund eine zusätz­li­che his­to­ri­sche Tie­fen­schär­fe: Sie ist nicht als epi­go­na­le Nach­ah­mung zu lesen, son­dern als sou­ve­rä­nes Aneig­nen. Aber Hen­ze war für Zech­lin mehr als ein Noten­bo­te: «Hans-Wer­ner Hen­ze und Witold Luto­slaw­ski [sic] haben mir in den kom­pli­zier­ten Jah­ren unglaub­lich gehol­fen. Manch­mal ein­fach nur durch ihr ‹Da-Sein›, durch ihr ‹So-sein›.»

Hat im Gegen­zug auch Zech­lin auf Hen­ze gewirkt? Hier wird man etwas vor­sich­ti­ger for­mu­lie­ren müs­sen – vor­erst. Die bis­lang offen zugäng­li­chen Quel­len bele­gen, dass Hen­ze Zech­lin mit aller­lei Mate­ri­al, nicht nur eige­nem, inspi­rier­te, aber sie doku­men­tie­ren kei­nen fass­ba­ren stil­bil­den­den Ein­fluss Zech­lins auf Hen­ze. Doch schon die schie­re Zahl von rund 90 Brie­fen im Zech­lin-Nach­lass spricht gegen jede Vor­stel­lung von bloß gele­gent­li­chem Plau­dern unter Freun­den. Viel­mehr deu­tet ein so umfang­rei­cher Aus­tausch auf ein inhalt­lich belast­ba­res Ver­hält­nis hin, ver­mut­lich mit ästhe­ti­schen, prak­ti­schen und per­sön­li­chen Dimen­sio­nen, die erst die Ein­sicht in die Brie­fe im Ein­zel­nen voll sicht­bar machen wird. Das Pro­jekt Hen­ze-Digi­tal plant für eine kom­men­de Arbeits­pha­se, die­se Brie­fe zu erschlie­ßen und zu edie­ren.

Der musik­his­to­risch plau­si­bels­te Befund lau­tet daher zunächst: Hen­ze war für Zech­lin eher Kata­ly­sa­tor als Modell. Zech­lin nahm Anre­gun­gen auf, ohne ihre kom­po­si­to­ri­sche Phy­sio­gno­mie preis­zu­ge­ben. Wer ihre Musik erlebt, hört nicht «Hen­ze in der DDR»», son­dern eine Kom­po­nis­tin, die Frem­des in Eige­nes ver­wan­deln konn­te.

Bei allen Unterschieden … Henze und Zechlin als Koordinaten

Was bedeu­tet das für die Chor­welt? Hen­ze erin­nert dar­an, dass Chor­mu­sik öffent­li­che Kunst ist. Sie darf Par­tei neh­men, erzäh­len, ankla­gen, beschwö­ren. Gera­de «Orpheus hin­ter dem Sta­chel­draht» und die Kan­ta­te «Voices» zei­gen, wie sehr ein Chor bei ihm zum mora­li­schen Reso­nanz­raum his­to­ri­scher Erfah­rung wird, wäh­rend die «Fünf Madri­ga­le» und die sechs­stim­mi­gen «Shepherd’s Songs» mit kon­zen­trier­tem, hoch­sen­si­blem Chor­satz über­zeu­gen. Sei­ne Musik for­dert Ensem­bles her­aus, den Chor nicht als klang­li­che Tape­te, son­dern als geschichts­fä­hi­ges Kol­lek­tiv zu begrei­fen. Wer Hen­ze auf­führt, soll­te in den Pro­ben daher nicht nur die Stim­men gut into­nie­ren, son­dern auch die gemein­sa­me Hal­tung dahin­ter ver­mit­teln.

Viel­leicht liegt dar­in ihr Erbe für Chor­mu­sik im 21. Jahr­hun­dert: […] in der Auf­ga­be, den Chor als Ort kon­zen­trier­ter, klu­ger, viel­schich­ti­ger Rede ernst zu neh­men.

Zech­lin zeigt die ande­re, eben­so zeit­lo­se Mög­lich­keit: Chor­mu­sik als Form geis­ti­ger Auf­merk­sam­keit. In ihrer Nähe zu Bach liegt nichts Restau­ra­ti­ves; sie bot ihr kei­nen Rück­zug in den Schutz­raum des Gewe­se­nen, son­dern eine Schu­le der Ver­dich­tung. Gera­de Wer­ke wie die «Geist­li­chen Krei­se», das spä­te «Te Deum» oder die lit­ur­gisch weit aus­grei­fen­de «Mis­sa in hono­rem Sanc­ti Ste­pha­ni» hin­ter­las­sen ein Erbe, das in Zei­ten rasch kon­su­mier- und kri­ti­sier­ba­rer Effek­te nahe­zu wider­stän­dig wirkt: Spi­ri­tua­li­tät als Arbeit an der Struk­tur, Klang als Erschlie­ßungs­werk­zeug fürs Den­ken, Poly­pho­nie als geleb­tes Ethos. Wer nach innen schaut, muss dar­auf gefasst sein, viel­schich­ti­ge, teils wider­sprüch­li­che Gedan­ken und Stim­mun­gen zu ent­de­cken.

Es wäre ver­füh­re­risch, Hen­ze und Zech­lin als Anti­po­den auf­zu­stel­len: hier der poli­ti­sche Thea­ter­mensch, dort die poly­pho­ne Mys­ti­ke­rin. Damit wür­de man etwas Wesent­li­ches ver­de­cken: ihre Gemein­sam­kei­ten. Bei­de dach­ten Musik als ernst­haf­te Arbeit am Aus­druck; bei­de miss­trau­ten dem bloß Deko­ra­ti­ven; bei­de such­ten nach einer Spra­che, die Tra­di­ti­on nicht ver­leug­net und Gegen­wart nicht beschö­nigt. Viel­leicht liegt dar­in ihr Erbe für Chor­mu­sik im 21. Jahr­hun­dert: nicht in Sti­len und Tech­ni­ken, die man fort­zu­füh­ren hät­te, son­dern in der Auf­ga­be, den Chor als Ort kon­zen­trier­ter, klu­ger, viel­schich­ti­ger Rede ernst zu neh­men. Von Hen­ze lässt sich Risi­ko und Ein­satz­be­reit­schaft ler­nen, von Zech­lin Inte­gri­tät und Prä­zi­si­on. So hin­ter­las­sen sie kei­ne «Schu­le» des Kom­po­nie­rens, aber eine Auf­ga­be. Nicht weil sie das­sel­be woll­ten, son­dern weil ihre Ver­schie­den­heit ein gemein­sa­mes Feld sicht­bar macht: Chor­mu­sik als «Kunst der Ver­ant­wor­tung».

Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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