«Soundcheck: Demokratie­förderung»: gemeinsame Werte finden und etablieren

Autor:in

Daniel Frosch

Ausgabe

Chorzeit Online

Sound­check» heißt ein Online-For­mat des Bun­des­mu­sik­ver­bands Chor & Orches­ter (BMCO), das seit 2025 Expert:innen und Vertreter:innen aus der Ama­teur­mu­sik zusam­men­bringt. The­men, die die Sze­ne gera­de beschäf­ti­gen, wer­den in Impuls­vor­trä­gen vor­ge­stellt, anschlie­ßend bleibt aus­rei­chend Zeit für den gemein­sa­men Aus­tausch. Mit drei kos­ten­lo­sen Online-Ses­si­ons geht das For­mat ab dem 24. Juni unter dem Titel «Sound­check: Demo­kra­tie­för­de­rung» in die nächs­te Run­de. Vor­ab spricht Refe­ren­tin Nina Reip über ihre lang­jäh­ri­ge Arbeit mit Ver­ei­nen zu Fra­gen der Demo­kra­tie­för­de­rung.

Frau Reip, wie ist der Kon­takt zwi­schen Ihnen und dem Bun­des­mu­sik­ver­band Chor & Orches­ter zustan­de gekom­men?

Ich arbei­te haupt­be­ruf­lich als Refe­ren­tin für Demo­kra­tie­för­de­rung bei der Deut­schen Sport­ju­gend und dem Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund (DOSB). Dort beschäf­ti­ge ich mich seit vie­len Jah­ren mit Fra­gen der par­tei­po­li­ti­schen Neu­tra­li­tät von Sport­ver­ei­nen. In die­sem Zusam­men­hang haben wir rechts­wis­sen­schaft­li­che Gut­ach­ten und Hand­rei­chun­gen erstel­len las­sen; etwa dazu, wie sich Ver­ei­ne poli­tisch posi­tio­nie­ren dür­fen, wie Ver­an­stal­tun­gen rechts­si­cher durch­ge­führt wer­den kön­nen und wie mit ver­eins­schä­di­gen­dem Ver­hal­ten umge­gan­gen wer­den kann.

Die Mate­ria­li­en wur­den zwar für Sport­ver­ei­ne ent­wi­ckelt, sind aber zu einem gro­ßen Teil auch auf ande­re Ver­eins­for­men über­trag­bar. So ent­stand der Aus­tausch mit dem BMCO, der auf die­ser Grund­la­ge eine eige­ne Bro­schü­re erar­bei­tet hat, die auf die Struk­tu­ren der Ver­ei­ne und Ver­bän­de in sei­nem Umfeld zuge­schnit­ten ist.

Sind Ver­ei­ne und Ver­bän­de denn per se demo­kra­tisch?

Demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en sind in Ver­ei­nen grund­sätz­lich ange­legt, etwa durch Wah­len. Zugleich sind Ver­ei­ne und Ver­bän­de selbst Trä­ger von Grund­rech­ten: Meinungs‑, Ver­samm­lungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­frei­heit gel­ten auch für sie. Demo­kra­tie ist also auf ver­schie­de­nen Ebe­nen ver­an­kert. Man muss aber auch klä­ren, über wel­ches Ver­ständ­nis von Demo­kra­tie man spricht. Dazu gibt es im Moment ja vie­le Debat­ten. Ein Ver­ein, des­sen Vor­stand demo­kra­tisch gewählt wird, ist nicht auto­ma­tisch ein demo­kra­ti­scher Ver­ein. Ent­schei­dend ist auch, wie mit Min­der­hei­ten­rech­ten, Kin­der- und Men­schen­rech­ten oder Fra­gen der Teil­ha­be umge­gan­gen wird. Letzt­lich stellt sich die Fra­ge, wel­che Wer­te und Grund­sät­ze ein Ver­ein ver­tritt und idea­ler­wei­se auch in sei­ner Sat­zung fest­hält.

Nina Reip © pri­vat

Wel­che Wer­te könn­ten das sein?

Die Wer­te, auf die man sich einigt, müs­sen zum Ver­ein pas­sen. Im Sport wird häu­fig Fair­ness genannt. Dann muss man aller­dings auch klä­ren, was man dar­un­ter ver­steht. Fair­ness im Sport ist aus mei­ner Sicht zum Bei­spiel sehr eng mit den Men­schen­rech­ten ver­bun­den. Sol­che Fra­gen kön­nen sich auch Ver­ei­ne stel­len, die zum Bei­spiel Chor­mu­sik als Schwer­punkt haben: «Was ist uns als Ver­ein beson­ders wich­tig und wor­an kann man erken­nen, dass wir die­se Wer­te auch leben?»

Wie ver­bind­lich kann man einen Ver­ein oder Ver­band nach sol­chen Wer­ten aus­rich­ten?

Wer rechts­si­cher han­deln möch­te, soll­te die zen­tra­len Wer­te in der Sat­zung ver­an­kern. Dort kann bei­spiels­wei­se auf Kin­der- und Men­schen­rech­te ver­wie­sen wer­den. Das wür­de ich auch emp­feh­len, weil die­se Rech­te kodi­fi­ziert sind, es dazu also schon eine Recht­spre­chung gibt.

Bei Chor­ver­ei­nen könn­te ich mir Soli­da­ri­tät oder Gemein­schaft und Krea­ti­vi­tät gut als gemein­sa­me Wer­te vor­stel­len. Nur sind die­se Wer­te nicht schon juris­tisch defi­niert, es ist schwie­ri­ger zu sagen, was genau damit gemeint ist. Es emp­fiehlt sich also eine Kom­bi­na­ti­on aus ver­eins­ei­ge­nen Wert­vor­stel­lun­gen und bereits defi­nier­ten Rechts­grund­sät­zen wie den Men­schen­rech­ten oder der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung.

Das schreibt man sich dann in die Sat­zung und kann bei Ver­stö­ßen gegen die­se Wer­te – wenn Men­schen anti­de­mo­kra­tisch oder men­schen­feind­lich agie­ren – die­se Ver­stö­ße sank­tio­nie­ren. Die Form der Sank­ti­on kann ganz unter­schied­lich sein, von einem Aus­gleich­ge­spräch über einen zeit­wei­li­gen Ent­zug von Stimm­rech­ten bis zum Aus­schluss – je nach Fall.

Wäre nicht auch denk­bar, sich bewusst größt­mög­li­cher Neu­tra­li­tät zu ver­pflich­ten?

Grund­sätz­lich sind Ver­ei­ne Grup­pen von Men­schen, die sich zusam­men­fin­den und ein gemein­sa­mes Ziel ver­fol­gen: Im Sport­ver­ein treibt man Sport und im Musik­ver­ein musi­ziert man. Es ist eine Uto­pie zu glau­ben, das wür­de unter gesell­schaft­lich neu­tra­len Bedin­gun­gen statt­fin­den. Wo unter­schied­lichs­te Men­schen zusam­men­kom­men, wird es Kon­flik­te über gesell­schafts­po­li­ti­sche The­men geben. Die füh­len sich im Klei­nen viel­leicht nicht ganz so groß an: Wer bleibt beson­ders lang Vor­sit­zen­der, wie wird kom­mu­ni­ziert, wer darf mit­be­stim­men, wer ist über­haupt in dem Ver­ein, wie gehen wir aber auch viel­leicht mit sexis­ti­schen, ras­sis­ti­schen oder ande­ren Ver­hal­tens­wei­sen um? Neu­tra­li­tät gibt es nicht, das hal­te ich für unrea­lis­tisch. Und in man­chen Fäl­len ist die For­de­rung nach Neu­tra­li­tät auch Stra­te­gie.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

Die drei Ter­mi­ne von «Sound­check: Demo­kra­tie­för­de­rung»:

«Neu­tra­li­täts­ge­bot & Hand­lungs­spiel­räu­me ver­ste­hen»
24. Juni 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Refe­ren­tin: Nina Reip (Refe­ren­tin für Demo­kra­tie­för­de­rung beim Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund und der Deut­schen Sport­ju­gend)

«Wer­te ver­an­kern und Struk­tu­ren dafür schaf­fen»
31. August 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Refe­ren­tin: Nina Reip

«Anti­de­mo­kra­ti­sche Ten­den­zen erken­nen & han­deln»
3. Novem­ber 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Gesprächspartner:innen: Ama­deu Anto­nio Stif­tung und Bun­des­ver­band Mobi­le Bera­tung e. V.
 
Anmel­dung für die kos­ten­lo­sen Online-Ter­mi­ne über die Web­site des BMCO.
 
Mehr Infor­ma­tio­nen über die Online-Semi­na­re der Rei­he «Sound­check» fin­den sich auf den Sei­ten des BMCO.
 
Die Bro­schü­re «Zwi­schen­tö­ne erken­nen – Hand­lungs­si­cher­heit bei extre­mis­ti­schen Ten­den­zen» kann auf der Web­site des Ama­teur­mu­sik­por­tals frag-amu.de abge­ru­fen wer­den.

Zur Per­son

Nina Reip ist seit 2025 Refe­ren­tin Demo­kra­tie­för­de­rung im Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund (DOSB) und in der Deut­schen Sport­ju­gend (dsj). Zuvor arbei­te­te sie unter ande­rem als Geschäfts­füh­re­rin des Netz­werks «Sport & Poli­tik für Fair­ness, Respekt und Men­schen­wür­de» bei der dsj und an der Auto­no­men Hoch­schu­le Ost­bel­gi­en im Bereich Poli­ti­sche Bil­dung.

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Daniel Frosch

Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.

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