«Soundcheck: Demokratieförderung»: gemeinsame Werte finden und etablieren
Soundcheck» heißt ein Online-Format des Bundesmusikverbands Chor & Orchester (BMCO), das seit 2025 Expert:innen und Vertreter:innen aus der Amateurmusik zusammenbringt. Themen, die die Szene gerade beschäftigen, werden in Impulsvorträgen vorgestellt, anschließend bleibt ausreichend Zeit für den gemeinsamen Austausch. Mit drei kostenlosen Online-Sessions geht das Format ab dem 24. Juni unter dem Titel «Soundcheck: Demokratieförderung» in die nächste Runde. Vorab spricht Referentin Nina Reip über ihre langjährige Arbeit mit Vereinen zu Fragen der Demokratieförderung.
Frau Reip, wie ist der Kontakt zwischen Ihnen und dem Bundesmusikverband Chor & Orchester zustande gekommen?
Ich arbeite hauptberuflich als Referentin für Demokratieförderung bei der Deutschen Sportjugend und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Dort beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Fragen der parteipolitischen Neutralität von Sportvereinen. In diesem Zusammenhang haben wir rechtswissenschaftliche Gutachten und Handreichungen erstellen lassen; etwa dazu, wie sich Vereine politisch positionieren dürfen, wie Veranstaltungen rechtssicher durchgeführt werden können und wie mit vereinsschädigendem Verhalten umgegangen werden kann.
Die Materialien wurden zwar für Sportvereine entwickelt, sind aber zu einem großen Teil auch auf andere Vereinsformen übertragbar. So entstand der Austausch mit dem BMCO, der auf dieser Grundlage eine eigene Broschüre erarbeitet hat, die auf die Strukturen der Vereine und Verbände in seinem Umfeld zugeschnitten ist.
Sind Vereine und Verbände denn per se demokratisch?
Demokratische Prinzipien sind in Vereinen grundsätzlich angelegt, etwa durch Wahlen. Zugleich sind Vereine und Verbände selbst Träger von Grundrechten: Meinungs‑, Versammlungs- und Organisationsfreiheit gelten auch für sie. Demokratie ist also auf verschiedenen Ebenen verankert. Man muss aber auch klären, über welches Verständnis von Demokratie man spricht. Dazu gibt es im Moment ja viele Debatten. Ein Verein, dessen Vorstand demokratisch gewählt wird, ist nicht automatisch ein demokratischer Verein. Entscheidend ist auch, wie mit Minderheitenrechten, Kinder- und Menschenrechten oder Fragen der Teilhabe umgegangen wird. Letztlich stellt sich die Frage, welche Werte und Grundsätze ein Verein vertritt und idealerweise auch in seiner Satzung festhält.

Welche Werte könnten das sein?
Die Werte, auf die man sich einigt, müssen zum Verein passen. Im Sport wird häufig Fairness genannt. Dann muss man allerdings auch klären, was man darunter versteht. Fairness im Sport ist aus meiner Sicht zum Beispiel sehr eng mit den Menschenrechten verbunden. Solche Fragen können sich auch Vereine stellen, die zum Beispiel Chormusik als Schwerpunkt haben: «Was ist uns als Verein besonders wichtig und woran kann man erkennen, dass wir diese Werte auch leben?»
Wie verbindlich kann man einen Verein oder Verband nach solchen Werten ausrichten?
Wer rechtssicher handeln möchte, sollte die zentralen Werte in der Satzung verankern. Dort kann beispielsweise auf Kinder- und Menschenrechte verwiesen werden. Das würde ich auch empfehlen, weil diese Rechte kodifiziert sind, es dazu also schon eine Rechtsprechung gibt.
Bei Chorvereinen könnte ich mir Solidarität oder Gemeinschaft und Kreativität gut als gemeinsame Werte vorstellen. Nur sind diese Werte nicht schon juristisch definiert, es ist schwieriger zu sagen, was genau damit gemeint ist. Es empfiehlt sich also eine Kombination aus vereinseigenen Wertvorstellungen und bereits definierten Rechtsgrundsätzen wie den Menschenrechten oder der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Das schreibt man sich dann in die Satzung und kann bei Verstößen gegen diese Werte – wenn Menschen antidemokratisch oder menschenfeindlich agieren – diese Verstöße sanktionieren. Die Form der Sanktion kann ganz unterschiedlich sein, von einem Ausgleichgespräch über einen zeitweiligen Entzug von Stimmrechten bis zum Ausschluss – je nach Fall.
Wäre nicht auch denkbar, sich bewusst größtmöglicher Neutralität zu verpflichten?
Grundsätzlich sind Vereine Gruppen von Menschen, die sich zusammenfinden und ein gemeinsames Ziel verfolgen: Im Sportverein treibt man Sport und im Musikverein musiziert man. Es ist eine Utopie zu glauben, das würde unter gesellschaftlich neutralen Bedingungen stattfinden. Wo unterschiedlichste Menschen zusammenkommen, wird es Konflikte über gesellschaftspolitische Themen geben. Die fühlen sich im Kleinen vielleicht nicht ganz so groß an: Wer bleibt besonders lang Vorsitzender, wie wird kommuniziert, wer darf mitbestimmen, wer ist überhaupt in dem Verein, wie gehen wir aber auch vielleicht mit sexistischen, rassistischen oder anderen Verhaltensweisen um? Neutralität gibt es nicht, das halte ich für unrealistisch. Und in manchen Fällen ist die Forderung nach Neutralität auch Strategie.
Weitere Informationen
Die drei Termine von «Soundcheck: Demokratieförderung»:
«Neutralitätsgebot & Handlungsspielräume verstehen»
24. Juni 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Referentin: Nina Reip (Referentin für Demokratieförderung beim Deutschen Olympischen Sportbund und der Deutschen Sportjugend)
«Werte verankern und Strukturen dafür schaffen»
31. August 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Referentin: Nina Reip
«Antidemokratische Tendenzen erkennen & handeln»
3. November 2026 • 17:30–19:00 Uhr • Online
Gesprächspartner:innen: Amadeu Antonio Stiftung und Bundesverband Mobile Beratung e. V.
Anmeldung für die kostenlosen Online-Termine über die Website des BMCO.
Mehr Informationen über die Online-Seminare der Reihe «Soundcheck» finden sich auf den Seiten des BMCO.
Die Broschüre «Zwischentöne erkennen – Handlungssicherheit bei extremistischen Tendenzen» kann auf der Website des Amateurmusikportals frag-amu.de abgerufen werden.
Zur Person
Nina Reip ist seit 2025 Referentin Demokratieförderung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und in der Deutschen Sportjugend (dsj). Zuvor arbeitete sie unter anderem als Geschäftsführerin des Netzwerks «Sport & Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde» bei der dsj und an der Autonomen Hochschule Ostbelgien im Bereich Politische Bildung.