Warum nicht mal ein Stück schreiben lassen?
Zu den Kernaufgaben von Chorleiter:innen gehört eine ausgewogene und attraktive Programmplanung, die die Chormitglieder fordert, aber nicht überfordert und idealerweise vielleicht auch noch Interessent:innen anlockt. So stehen wir also regelmäßig vor der Aufgabe, Literatur zu sichten, und nicht selten tun wir uns vergleichsweise schwer damit, weil nichts wirklich zum Ensemble oder zur thematischen Vorgabe passen mag. Auf die Idee, einen Kompositionsauftrag zu vergeben, kommen trotzdem nur wenige Kolleg:innen – dabei ist das doch vielleicht die einfachste Möglichkeit, Literatur zu programmieren, die genau die Anforderungen an den Chor stellt, die er auch erfüllen kann. Bestenfalls schafft es ein Auftragswerk sogar, die individuellen Stärken des Ensembles hervorzuheben und sich nahtlos in das Gesamtkonzept eines Programms einzufügen.
Komponist:innen gehören zu den großen Verlierern der Coronakrise, weil die Verlage aufgrund der eingebrochenen Absatzzahlen zunächst alle neuen, investitionsintensiven Projekte auf Eis legen mussten. Und auch aktuell werden Neuerscheinungen, bei denen ein finanzieller Erfolg nicht garantiert ist, eher defensiv geplant. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, gezielt neue Werke in Auftrag zu geben, um einerseits die – übrigens erfreulich wachsende, vergleichsweise junge – Komponist:innenriege zu unterstützen und zudem aktiv zur Bereicherung des chormusikalischen Repertoires beizutragen. Dafür lohnt es sich, Geld in die Hand zu nehmen. Dabei sollten gerade innovative Konzepte, bei denen an die Situation angepasste Neukompositionen nötig sind, bei den aktuell aufgelegten Förderprogrammen gute Chancen haben. Wenn wir also die musikalische Handschrift eines zeitgenössischen Komponisten schätzen, sollten wir uns nicht scheuen, einfach mal den Kontakt zu suchen, um unsere Idee vorzustellen und die Rahmenbedingungen unkompliziert abzustecken.
Am Ende sind wir selbst verantwortlich dafür, dass unser Repertoire bunt und abwechslungsreich bleibt und wir den traditionellen Literaturkanon stets weiter ergänzen. Aber es liegt auch in unserer Verantwortung, dass eine ganze Branche attraktiv und lohnenswert bleibt. Lassen Sie sich also mal ein Stück schreiben – unsere bestens ausgebildeten Komponist:innen und letztlich die ganze Chormusikwelt werden es Ihnen danken!