Chorleitung in Estland: ein deutscher Kirchenmusiker in Tallinn

Autor:in

Jens Berger

Herr Lus­tig, wie hat es Sie nach Est­land ver­schla­gen?

Ich woll­te inner­halb mei­nes Stu­di­ums der Kir­chen­mu­sik einen Schwer­punkt auf Chor­lei­tung set­zen. In Gesprä­chen mit Leh­ren­den und Kommiliton:innen fiel immer wie­der der­sel­be Satz: Wenn man Chor­lei­tung wirk­lich ver­tie­fen möch­te, soll­te man nach Skan­di­na­vi­en oder ins Bal­ti­kum gehen. Da ich mich sehr für die Sin­gen­de Revo­lu­ti­on und die Musik von Arvo Pärt inter­es­sie­re, bin ich schließ­lich über das Eras­mus-Pro­gramm der Euro­päi­schen Uni­on für ein Jahr an die Est­ni­sche Aka­de­mie für Musik und Thea­ter in Tal­linn gegan­gen. Das war für mich ein Sprung ins kal­te Was­ser, denn ich sprach weder Est­nisch noch Rus­sisch. Für den Unter­richt war das kein Pro­blem; der erfolg­te auf Eng­lisch oder mit­un­ter sogar auf Deutsch.

Chormusik mit Breitenwirkung

Est­land ist für vie­le musi­ka­lisch ein weni­ger bekann­tes Ter­rain. Wie haben Sie die ers­ten Wochen erlebt?

Als sehr inten­siv. Man wird sofort mit einer ande­ren Kul­tur kon­fron­tiert – archi­tek­to­nisch, sprach­lich und auch hin­sicht­lich der Men­ta­li­tät. Die wech­seln­den Ein­flüs­se aus deut­scher, schwe­di­scher und sowje­ti­scher Vor­herr­schaft sind über­all spür­bar. Das prägt auch das Musik­le­ben und die Aus­bil­dung.

Der Interviewpartner Niklas Lustig leitet mit Dirigierstab in der Hand eine Probe vom Pult aus, vor ihm sitzen zwei Geigerinnen.
Niklas Lus­tig wäh­rend einer Pro­be © Ste­ven Schmidt

Inwie­fern zeigt sich das kon­kret im Stu­di­um?

Vor allem im Reper­toire. Es ist völ­lig selbst­ver­ständ­lich, Musik aus Russ­land, Deutsch­land, Skan­di­na­vi­en und natür­lich aus Est­land selbst zu diri­gie­ren. Vie­le Professor:innen haben noch in St. Peters­burg stu­diert und brin­gen die­se Schu­le, die­ses Klang­ide­al mit, ver­bin­den das aber mit einer star­ken natio­na­len est­ni­schen Iden­ti­tät.

Ein zen­tra­ler Begriff im Zusam­men­hang mit Est­land ist das Sän­ger­fest. Wel­che Rol­le spielt es für das Stu­di­um?

Eine enor­me. Das Sän­ger­fest ist kein folk­lo­ris­ti­sches Groß­ereig­nis, son­dern Teil des musi­ka­li­schen All­tags. Vie­le Professor:innen diri­gie­ren dort, ehe­ma­li­ge Stu­die­ren­de kom­po­nie­ren dafür, zum Bei­spiel Ras­mus Puur. Zeit­ge­nös­si­sche Chor­mu­sik erreicht dadurch eine gesell­schaft­li­che Brei­te, die wir in Deutsch­land kaum ken­nen. Man hat das Gefühl: Sin­gen gehört ein­fach dazu.

Chorleitung in Estland: Eigen- und Besonderheiten

Wie unter­schei­det sich der Chor­lei­tungs­un­ter­richt von dem in Deutsch­land?

Der Unter­richt fin­det fast aus­schließ­lich ein­zeln statt, meist mit ein oder zwei pro­fes­sio­nel­len Kor­re­pe­ti­to­ren. Ent­spre­chend groß ist der Reper­toire­um­fang. Der Schwer­punkt liegt klar auf Klas­sik, Roman­tik und Zeit­ge­nös­si­schem. Renais­sance spielt kaum eine Rol­le, bei baro­cken Wer­ken kon­zen­triert man sich vor allem auf Bach und Hän­del.

Gab es tech­ni­sche Unter­schie­de, die Sie über­rascht haben?

Ja, vie­le. Die grund­le­gen­de Diri­gier­be­we­gung ist stär­ker abwärts zum Schlag­punkt hin gerich­tet. In Deutsch­land geht man oft von einer auf­wärts gerich­te­ten, ein­la­den­den Bewe­gung aus. Dahin­ter steckt auch ein ande­res Rol­len­ver­ständ­nis: In Est­land ist das Bild vom Diri­gen­ten als Maes­tra oder Maes­tro noch sehr prä­sent, weni­ger das eine:r Vermittler:in. So geht auch der Chor­lei­tungs­un­ter­richt viel mehr vom Diri­gie­ren und der Kom­po­si­ti­on aus.

Wie viel prak­ti­sche Chor­ar­beit gibt es wäh­rend des Stu­di­ums?

Weni­ger als an deut­schen Hoch­schu­len. Man arbei­tet nur punk­tu­ell mit Chö­ren, etwa dem Aka­de­miech­or oder dem Stu­dio­chor oder pro­jekt­wei­se auch mit pro­fes­sio­nel­len Ensem­bles. Dafür wird eine sehr hohe sing­prak­ti­sche Kom­pe­tenz vor­aus­ge­setzt – und die ist im Land stark ver­an­kert.

«In Est­land ist Sin­gen kein Son­der­fall, son­dern Teil des gesell­schaft­li­chen Lebens.»

Wie zeigt sich das bei der Pro­ben­ar­beit mit den Chö­ren?

Es wird sehr viel ohne Kla­vier gear­bei­tet. Blatt­le­sen und das Erschlie­ßen der Musik über das Sin­gen haben einen hohen Stel­len­wert. Hin­zu kom­men inten­si­ve Pro­jekt­pha­sen: Mehr­mals im Semes­ter ruht der regu­lä­re Unter­richt, und Chor und Orches­ter arbei­ten kon­zen­triert auf grö­ße­re Auf­füh­run­gen hin.

Unter­schei­det sich auch das Klang­ide­al?

Die Aus­gangs­la­ge ist eine ande­re. Die est­ni­sche Spra­che begüns­tigt eher wei­ter hin­ten gebil­de­te Voka­le, Stimm­bil­dung setzt daher stär­ker auf Prä­senz und Fokus­sie­rung. In Deutsch­land wird oft ein run­de­rer, gedeck­te­rer Klang bevor­zugt. Das prägt natür­lich auch die Chor­ar­beit.

Chorleitung in Estland: Studium mit Nachwirkungen

Gab es musi­ka­li­sche Schlüs­sel­er­leb­nis­se?

Defi­ni­tiv. Kon­zer­te unter Tõnu Kal­jus­te, vor allem mit Musik von Arvo Pärt, waren prä­gend. Zu erle­ben, wie die­se Musik dort gedacht und gemacht wird, ver­än­dert den eige­nen Blick, den Zugang zu die­sen Wer­ken nach­hal­tig.

Was haben Sie für Ihr Stu­di­um und die Chor­ar­beit in Deutsch­land mit­ge­nom­men?

Die Zeit in Est­land wirkt bis heu­te nach – nicht als Gegen­mo­dell zur deut­schen Aus­bil­dung, aber als Erwei­te­rung des eige­nen künst­le­ri­schen Hori­zonts. Vor allem die Selbst­ver­ständ­lich­keit des Sin­gens dort. In Est­land ist Sin­gen kein Son­der­fall, son­dern Teil des gesell­schaft­li­chen Lebens. Die­se Hal­tung wün­sche ich mir auch hier. Und sie beein­flusst ganz kon­kret, wie ich heu­te diri­gie­re und Pro­ben gestal­te.

Zur Per­son

Niklas Lus­tig (*2004) ist ein in Ber­lin leben­der Orga­nist und Chor­lei­ter. Sei­ne ers­te musi­ka­li­sche Aus­bil­dung erhielt er ab dem fünf­ten Lebens­jahr auf dem Kla­vier. An der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin stu­diert er der­zeit Kir­chen­mu­sik bei Kai-Uwe Jir­ka (Chor­lei­tung) und Hen­ry Fairs (Orgel). Wei­te­re künst­le­ri­sche Impul­se als Chor­lei­ter sam­mel­te er wäh­rend sei­nes Aus­lands­auf­ent­halts an der Est­ni­schen Aka­de­mie für Musik und Thea­ter bei Too­mas Kap­ten sowie in Meis­ter­kur­sen bei Ste­fan Park­man, Frie­der Ber­ni­us, Anne Koh­ler und Hir­vo Sur­va.

Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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