Estland: Ein Gesang — ein Land
Das Image Estlands ist geprägt von Gesang und Singen, sei es durch die Singende Revolution Ende der 1980er-Jahre oder durch die Aufnahme der estnischen, lettischen und litauischen Lied- und Tanzfesttraditionen in die Liste des kulturellen Erbes der UNESCO im Jahr 2003. Wenn man fragt, wie und warum das Chorsingen in Estland eine so bemerkenswerte Position erreicht hat, muss man in die Vergangenheit blicken. Geopolitisch an der Schnittstelle zwischen Ost und West gelegen, stand Estland den größten Teil seiner Geschichte unter fremder Herrschaft. Nur zweimal – von 1918 bis 1940 und seit 1991 – ist es den Esten gelungen, die Unabhängigkeit durchzusetzen. Seit der Christianisierung Ende des 12. Jahrhunderts gehörten die estnischen Gebiete eindeutig zur deutschen Einflusssphäre, noch verstärkt durch die Hanse. Die Oberschicht der Gesellschaft war deutschsprachig. Ihre führende Rolle in Wirtschaft, Kirchen‑, Bildungs- und Musikleben blieb auch dann bestehen, als Estland Provinz des schwedischen Reichs (1561– 1721) und danach des russischen Kaiserreichs (1721–1918) wurde. Die einheimische Bevölkerung, die sogenannten Undeutschen, bestand überwiegend aus Bauern, die bis Anfang des 19. Jahrhunderts Leibeigene waren.
Das Vereinswesen als Nährboden der Identität
Veränderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen und im geistigen Leben begannen um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Aufklärung, besonders aber durch die Missionsarbeit der Herrnhuter. Diese Bewegung schätzte das gemeinsame Singen und Musizieren. Damit brachte sie unter anderem eine revolutionäre Veränderung in Musikpraktiken und im Liedrepertoire der Esten mit sich und bereitete der Chorbewegung den Boden.
Von europäischen Aufklärungsideen getragen, entstand ein reges Vereinswesen. Hier entwickelte sich der Chorgesang ebenfalls zu einer beliebten Aktivität. Die ersten estnischen Kulturvereine wurden Mitte der 1860er-Jahre nach deutschbaltischem Vorbild in den größeren Städten Tallinn und Tartu – auf Deutsch damals Reval und Dorpat – gegründet, aber auch auf dem Land wuchs ihre Zahl rasch. Die Vereine – freiwillige, auf ähnlichen Interessen beruhende demokratische Vereinigungen – boten die Möglichkeit, über verschiedene Themen zu diskutieren. Sie halfen durch gemeinsame Unternehmungen, besonders durch Chor- und Orchesteraktivitäten und öffentliche Konzerte, eine gemeinsame kulturelle Identität aufzubauen. Gerade deshalb wurden die Vereine zum Hauptnährboden für das sich stärkende Selbstbewusstsein der Esten und die Verbreitung nationaler Ideen.
Die Vereine wurden zum Hauptnährboden für das sich stärkende Selbstbewusstsein der Esten und die Verbreitung nationaler Ideen.
Die Entstehung der estnischen Sängerfeste
Die ersten deutschbaltischen Sängerfeste in Tallinn 1857 und 1866 brachten den vielseitigen Johann Voldemar Jannsen (1819–1890) auf die Idee, mit dem Verein Vanemuine ein ähnliches estnisches Sängerfest vorzubereiten. Nach Überwindung bürokratischer Hindernisse und einiger Meinungsverschiedenheiten fand vom 18. bis 20. Juni 1869 in Tartu das erste estnische allgemeine Sängerfest statt. 46 Männerchöre und fünf Blasorchester mit insgesamt 878 Sängern und Musikern nahmen teil; es gab über 12.000 Zuhörer:innen. Bei den beiden Hauptkonzerten des Festes wurden 27 ziemlich schwierige vierstimmige Lieder auf Estnisch aufgeführt. Darüber hinaus wurden ein Festumzug, Auftritte einzelner Chöre sowie ein Wettbewerb für Chöre und Orchester organisiert und national gefärbte Reden gehalten. Wie zeitgenössische Zeitungen und Erinnerungen von Teilnehmer:innen bezeugen, erlebte man an diesen Tagen eine beispiellose Begeisterung, Zusammengehörigkeit und Zuversicht, die dem Musikleben frischen Schwung verliehen. Im kulturellen Gedächtnis und in den estnischen Geschichtsbüchern markiert das erste allgemeine Sängerfest den Höhepunkt des sogenannten «Nationalen Erwachens».
Die folgenden allgemeinen Sängerfeste fanden in unregelmäßigen Abständen statt. Die Sängerfestbewegung fand eine immer breitere Resonanz – jedes Fest gab einen Impuls zur Gründung neuer Chöre und zur Erweiterung des Repertoires. Sängerfeste, die als kulturelle Anleihe von den Deutschbalten entstanden waren, wurden spätestens Ende des 19. Jahrhunderts zu einem typisch estnischen Ereignis und Teil der nationalen Tradition. Mit der Chorbewegung ging die Professionalisierung einher: Am Ende des Jahrhunderts erlangten die ersten Esten am Petersburger Konservatorium höhere Bildung in der Musik.
Ein qualitativ neues Niveau zeigte das siebte allgemeine Sängerfest 1910, dessen Programm ausschließlich aus Werken estnischer Komponist:innen bestand; zudem waren alle Dirigent:innen der vereinigten Chöre akademisch ausgebildete Musiker:innen. Mit mehr als 10.000 Teilnehmer:innen übertraf das Fest alle vorherigen. Bemerkenswert ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Sängerfeste öffentliche Konflikte zwischen Organisatoren und russischen Behördenvertretern ausbrachen, der letzte davon am Ende des Festes, als die Chöre spontan «Mu isamaa, mu õnn ja rõõm» («Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude») von Frederik Pacius zu singen begannen. Die Esten hatten das Lied als inoffizielle Hymne übernommen, später wurde es zur Nationalhymne der Republik Estland.
Aufblühen in Zeiten estnischer Unabhängigkeit
Am Ende des Ersten Weltkriegs gelang es Estland, am 24. Februar 1918 die nationale Unabhängigkeit auszurufen. Die Chorbewegung wurde damit noch lebendiger, obwohl der Aufbau des kleinen Staates in sehr engen Verhältnissen begann. Während der ersten Unabhängigkeit (1918–1940) wurden viele Musikinstitutionen ins Leben gerufen, darunter das Tallinner Konservatorium und das Rundfunkorchester. 1921 wurde mit staatlicher Unterstützung auch der Estnische Sängerbund gegründet. Er sollte die Chöre vereinen, neues Repertoire beschaffen und veröffentlichen sowie Sängerfeste organisieren. Während der Unabhängigkeit fanden insgesamt vier allgemeine Sängerfeste statt: 1923, 1928, 1933 und 1938. Das prächtigste war das letzte, das neunte allgemeine Sängerfest, an dem 17.500 Sänger:innen und Musiker:innen teilnahmen, die dem Publikum 43 Lieder und Orchesterstücke estnischer Komponist:innen präsentierten.

Chorgesang und Sängerfeste unter sowjetischer Besatzung
Im Sommer 1940 wurde Estland sowjetisch besetzt; am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Besatzung fortgeführt. Auch unter diesen Bedingungen wurden die Sängerfeste fortgesetzt, jedoch unter staatlicher Leitung und Aufsicht. Unmittelbar nach der Besetzung und Annexion der Republik Estland liquidierte das Regime alle freiwilligen Bürgervereinigungen und organisierte die Strukturen des Musiklebens nach dem sowjetisch-zentralisierten Modell um. Diesem zufolge war die Tätigkeit der Amateurchöre an Fabriken, Arbeiterklubs, Schulen und andere Organisationen gebunden; aus dem Repertoire wurden alle Lieder entfernt, die nicht der kommunistischen Ideologie entsprachen, und Chöre wurden unter Druck gesetzt, Lieder sowjetischer Autor:innen aufzuführen. Nur diejenigen neuen Werke estnischer Komponist: innen wurden gedruckt, die die Zensur passiert hatten.
Die allgemeinen Sängerfeste wurden in stark politisierte Massenfeiern umgewandelt. Allerdings änderte sich der politische Kurs der Sowjetunion wiederholt, was sich auch in der Organisation der Sängerfeste widerspiegelte. So waren die Feste während der Stalin-Ära 1950 und 1955 gekennzeichnet durch eine Fülle russischsprachiger Propagandalieder, die Beteiligung von Militärorchestern und ‑chören, die Abschaffung von Traditionen und so weiter. Die Sängerfeste 1960, 1965 und 1969 fielen in die sogenannte Tauwetter-Periode, ein Teil des früheren Repertoires und der verbotenen Rituale wurde wieder erlaubt. In den 1970er- und 1980er-Jahren, als die sowjetische Ideologie den Internationalismus und die Überlegenheit der russischen Sprache und Kultur betonte, mussten Kollektive aus anderen Sowjetrepubliken eingeladen und der Anteil russischer Lieder erhöht werden.
Ein Symbol des estnischen Widerstands
Bereits zu Beginn der Sowjetbesatzung war das Verständnis für die besondere, auch national verbindende Wirkung des gemeinsamen Singens bei den Chören verwurzelt. Trotz des steten Drucks und der Kontrolle durch die Behörden blieb dies auch während der Sowjetzeit so. Bei allen zwischen 1960 und 1990 stattfindenden Sängerfesten wiederholte sich ein und dasselbe Muster: In zwei langen Freiluftkonzerten führten Chöre und Orchester 30 bis 45 Stücke auf. Gleichzeitig wussten sowohl Sänger: innen und Musiker:innen als auch Zuhörer:innen, dass der emotionale Höhepunkt des Festes am letzten Abend erreicht werden würde, wenn alle Chöre auf der Bühne zusammenkamen, insgesamt bis zu 25.000 Sänger:innen. Nach einigen allgemein bekannten Liedern beendete der vereinigte Chor das Sängerfest mit dem lyrischen Lied «Mu isamaa on minu arm» («Mein Vaterland ist meine Liebe ») des legendären Dirigenten und Komponisten Gustav Ernesaks (1908–1993). Das Publikum erhob sich, stand mit entblößtem Haupt und sang mit.
So wurden die Sängerfeste der Sowjetzeit zum Symbol estnischen Widerstands. Gerade deshalb wird auch verständlich, was geschah, als in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre die Hoffnung auf den Zusammenbruch der sozialistischen Ordnung entstand: In Estland brach die Singende Revolution aus, es kam zu spontanen Sängerfesten in Tallinn 1988 und 1989, bei denen Zehntausende gemeinsam neue und ältere patriotische Lieder sangen.
Die estnischen Sängerfeste setzen sich fort: Im Sommer 2025 fand das 28. allgemeine Sängerfest statt; das nächste steht 2028 bevor.
Der Artikel wurde übersetzt von Anu Schaper.
Neugierig geworden?
Bei visit estonia, dem Tourismusamt Estlands, finden sich einige Foto- und Videoeindrücke des Sängerfests in Tallinn:
https://visitestonia.com/de/aktivitaeten/das-saenger-und-tanzfest-in-estland
Arte hat dem estnischen Sängerfest 2025 eine Episode der Sendung Re: gewidmet:
https://www.arte.tv/de/videos/120880–006‑A/re-singen-fuer-estland/