Meine Stimme, meine Identität: Transfrauen und Stimmfeminisierung
Die Stimmfeminisierung hilft Transfrauen, ihre Wohlfühlstimme zu finden. Bettina Semmerling und Jale Papila vom Medical Voice Center (Mevoc) in Hamburg erklären hier viele Details.
Frau Dr. Semmerling, Sie haben das Therapieangebot der Stimmfeminisierung vor 15 Jahren am Mevoc mit aufgebaut. Können Sie kurz umreißen, was dahintersteckt?
Bettina Semmerling: Für uns ist Stimmfeminisierung ein ganzes Maßnahmenpaket aus Voruntersuchungen, der Operation mit Glottoplastik und einer anschließenden zehnstündigen Stimmtherapie. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Feminisierung der Stimme bei Transfrauen nicht mit der Operation getan ist: Die mechanische Anhebung der Stimme durch das Zusammennähen der Stimmlippen ist das eine, mit der neuen Stimme umzugehen, das andere. Nach der OP darf die Frau 14 Tage nicht sprechen, nur locker flüstern. Dann kommt die Stimmfreigabe und danach setzt die Stimmtherapie ein.
Von den Wünschen und Erwartungen der Patient:innen
Mit welchen Wünschen oder Erwartungen kommen die Patient:innen zu Ihnen? Warum wollen sie eine höhere Stimme?
Bettina Semmerling: Die Transfrauen, die zu uns kommen, sind teilweise optisch schon sehr weiblich und fühlen sich weiblich. Und trotzdem sind sie in ihrem Passing noch nicht abgeschlossen, weil sie aufgrund ihrer Stimme häufig misgendert werden. Vor allen Dingen am Telefon, das ist wirklich das Hauptproblem. Die Frauen melden sich am Telefon mit Ivonne Mustermann, werden aber sofort als «Herr Mustermann» angesprochen. Sie müssen sich also immer wieder erklären, und das ist unglaublich frustrierend. Heute geht es dahin, dass Transfrauen die Stimmoperation für ihre Transition schon am Anfang machen. Gesicht und Stimme kommen also zuerst und dann gegebenenfalls noch die geschlechtsangleichende Operation. Die Stimmangleichung wird also deutlich vorgezogen, um Misgendering zu vermeiden.
Bieten Sie die stimmerhöhende Operation also hauptsächlich für Transpersonen an oder kommen zum Beispiel auch Sängerinnen, die höher singen wollen?
Bettina Semmerling: Wir hatten einige ganz wenige Cisfrauen, die ihre Stimme zu tief fanden. Da war eine, die hat Leistungskraftsport gemacht und über Jahre Anabolika eingenommen. Dadurch ist auch ihre Stimme dunkler geworden. Das wollte sie zurückschrauben, weil sie mit dem Sport aufgehört hat.
Jale Papila: Ich hatte eine Patientin mit einer eigenen Firma. Sie hatte eine so tiefe Sprechstimme, dass sie ebenfalls häufig misgendert worden ist. Obwohl alles an ihr von Natur aus weiblich war, wurde sie immer als ‹Herr Mustermann› angesprochen. Und das ist ihr so auf den Keks gegangen, dass sie sich hat operieren lassen. Aber das ist wirklich ganz selten der Fall.
Die Grenzen der stimmerhöhenden Operation
Sängerinnen würden Sie die OP also nicht empfehlen, Frau Papila?
Jale Papila: Nein, das ist eine kosmetische Operation für die Sprechstimme. Hier geht es um das Menschsein, um Identitätsgewinn und nicht darum, höhere Töne singen zu können. Das funktioniert auch gar nicht. Mit den Transfrauen, die dann später zum Teil singen wollen, üben wir, Töne anzusteuern und ein Bewusstsein für den neuen Stimmapparat zu gewinnen. Dass sie nicht mehr in der Basslage suchen, wo nichts mehr ist. Die Stimme wird durch die OP im Schnitt zarter, auch etwas dünner, und ist also nicht für eine professionelle, klassische Sängerin geeignet, die über die volle Stimme in Höhe und Länge verfügen muss. Deswegen haben wir auch schon Transgenderfrauen, die professionelle Sänger waren und dann Sängerinnen werden wollten, klipp und klar abgeraten, die OP vorzunehmen.
«Das ist eine kosmetische Operation für die Sprechstimme. Hier geht es um das Menschsein, um Identitätsgewinn und nicht darum, höhere Töne singen zu können.»
Wie verändert sich die Stimme genau durch die OP? Es klingt so, als müsste man die Weiblichkeit im gewissen Sinne auch üben?
Jale Papila: Die Stimme ist grundsätzlich nach der OP erhöht. Das ist das wichtigste Ziel. Professor Hess wägt das sehr genau ab, womit die Lebensqualität der Frauen am besten gegeben ist. Dass weiter gut Luft durch die Stimmlippen fließen kann, aber auch ein angenehmer Stimmklang entsteht. Wir wollen ja keine Mickymäuse produzieren. Im Schnitt werden 30 bis 50 Prozent der Stimmlippen am vorderen Ende zusammengenäht. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Frauen dann auch weiblich klingen, denn es bleibt ein männlicher Kehlkopf, der größer ist als ein weiblicher. Es hängt aber sehr von der Statur der Frau ab, wie groß der Stimmapparat letztendlich ist. Das schauen wir uns im Stimmtraining genau an und arbeiten dann mit der Resonanz, mit dem Falsett et cetera. Unter Umständen gehen wir ein bisschen mehr in das helle, etwas flachere Sprechen, das wir normalerweise nicht wollen. Hier wirkt es aber stimmaufhellend und stimmerhöhend.
Selbst- und Fremdwahrnehmung
Gibt es denn überhaupt so etwas wie die weibliche oder männliche Stimme?
Jale Papila: Das ist eine gute Frage und beschäftigt uns sehr. Tatsächlich ist das Thema sehr klischeehaft besetzt. Natürlich gibt es sehr sachliche Frauen und sehr blumige Männer, aber im Schnitt können wir sagen, dass es tatsächlich Unterschiede gibt: Männer sprechen tendenziell kürzer und monotoner. Frauen reden oft melodiöser und haben ein ganz anderes Vokabular, das hätte ich selbst nicht für möglich gehalten. Ich muss aber sagen, die Frage «Was ist weiblich, was ist männlich?» spielt im Grunde keine Rolle, wenn sich die Person in ihrer Haut wohlfühlen und authentisch leben kann. Für mich ist es also entscheidend, die Empfindungen der jeweiligen Frau zu berücksichtigen: Was versteht sie unter weiblich, wie will sie wahrgenommen werden?
Bettina Semmerling: Es ist ja auch wissenschaftlich erwiesen, dass die weibliche Sprechstimme seit Jahren immer tiefer wird. Der Unterschied zur männlichen Sprechstimme ist gar nicht so hoch, wie wir meinen. Aber einige Frauen wünschen sich eher das Weibchenmäßige und möchten vielleicht auch ein bisschen übertreiben. Da stehen die Wünsche unserer Patient:innen natürlich ganz oben, solange es medizinisch vertretbar ist. Wir haben vor allem Frauen, die sagen, ich möchte mich nicht abheben. Ich möchte einfach Frau sein und nicht auffallen, sowohl stimmlich als auch körperlich. Das sind mit weitem Abstand die meisten.
Optionen für Stimmvertiefung
Wie sieht es denn andersherum aus – gibt es auch eine Stimm-Maskulinisierung?
Bettina Semmerling: Bei Transmännern kann man sagen, dass die Stimmvertiefung schon allein aufgrund der Hormongabe erfolgt und sie damit automatisch in einer tieferen Sprechlage landen. Der Kehlkopf wächst zwar nicht, aber die Stimmlippen erhalten eine gewisse Masse, werden dicker, und dadurch klingt die Stimme tiefer. In aller Regel haben diese Männer nicht die Situation, dass sie eine Sprechtherapie brauchen. Aber wir machen durchaus Stimmanpassungen für mehr Tiefe. Das sind dann aber zu 99 Prozent Cismänner. Die meisten haben schon eine tiefe Stimme und wollen einfach einen noch tieferen Bass haben. Wie viel da geht, dazu führen wir vorher lange Gespräche. Und Professor Hess hat durchaus auch schon Patienten abgelehnt, weil sie gerne eine Stimme wie Bruce Willis haben wollten oder Ähnliches. Das können wir leider nicht, aber wir haben mittlerweile auch andere Methoden, darunter operative Eingriffe, um die Stimme tiefer zu machen.
Stimmfeminisierung, ein absolutes Seelenthema
Sie führen mittlerweile 50 bis 80 Stimmfeminisierungen im Jahr durch, Tendenz steigend.
Bettina Semmerling: Richtig, der Bedarf ist in den letzten Jahren extrem gestiegen. Nicht nur, weil sich herumgesprochen hat, dass wir das hier gut machen. Das ist die eine Sache. Aber Sie werden das ja in den Medien verfolgen. Die Themen Transgender, LGBTQ+, Diversität sind unglaublich präsent. Und warum ist das Thema medial? Weil sich mehr und mehr Menschen sicher fühlen, sich outen können, es mehr Vorbilder und geschützte Räume dafür gibt. Es sind viel mehr Leute dazu bereit, sich der langwierigen Prozedur der Geschlechtsumwandlung auszusetzen, die häufig auch eine sehr schwere ist und eine große Veränderung bedeutet. Deswegen kann ich überhaupt nicht verstehen, wenn Leute kein Verständnis dafür zeigen. Kein Mensch würde sich den Operationen und langen Therapien aussetzen, wenn er nicht wirklich einem Leidensdruck ausgesetzt ist. Wobei die stimmerhöhende Operation von all den Operationen wahrscheinlich die einfachste ist.
«Weil es eben ein absolutes Seelenthema ist und wir hoffen, dass hier zukünftig mehr Menschen geholfen werden kann.»
Würden Sie sagen, dass es eigentlich dahin gehen sollte, dass Menschen ihre Stimme zukünftig nicht mehr anpassen müssen, weil sie so, wie sie sind, angenommen werden?
Jale Papila: Das finde ich total wichtig. Wenn die Menschen mehr Akzeptanz und sich im Umgang bewusster zeigen würden, wäre der Leidensdruck dieser Frauen nicht so hoch. Fertig. Doch so, wie es jetzt ist, scheint eine Stimmfeminisierung die beste Möglichkeit für Frauen zu sein, die sich eine höhere Stimme wünschen und bei denen eine Stimmtherapie allein nicht ausreicht.
Bettina Semmerling: Absolut, und das wird weltweit immer mehr zum Thema. Professor Hess hat vor kurzem die International Association of TranceVoice Surgeons mitgegründet und steht ihr als Präsident vor. Die Association hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ärzt:innen aus allen Ländern die Techniken der Stimmerhöhung beizubringen, damit Transgenderfrauen weltweit auf ein Netz von guten Chirurg:innen zurückgreifen können. Weil es eben ein absolutes Seelenthema ist und wir hoffen, dass hier zukünftig mehr Menschen geholfen werden kann.
Über die Autorinnen
Jale Papila
Nach ihrem Jurastudium studierte Jale Papila Gesang und schloss mit dem Konzert- sowie Solistenexamen und Diplom «Pädagogik Gesang» ab. 2015 absolvierte sie in Bern den Weiterbildungsstudiengang «CAS Singstimme – Fehlfunktionen erkennen, abbauen, vermeiden». Als Dozentin war sie an der Sänger Akademie Hamburg, am Johannes-Brahms-Konservatorium Hamburg, am International College of Music in Hamburg und an der Kalaidos Musikhochschule in Zürich tätig. Seit 2015 ist Papila Teil des multidisziplinären Stimmteams des Medical Voice Center. Sie leitet den Bereich Singstimme, ist künstlerische und organisatorische Leiterin der Seminare und Fortbildungen sowie des jährlich stattfindenden Hamburger Stimmsymposiums.
Bettina Semmerling
Bettina Semmerling ist Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin. Sie promovierte an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend viele Jahre lang als Managerin in Marketing und Kundenservice bei diversen Unternehmen der freien Wirtschaft. Dem Medical Voice Center schon seit der Gründung freundschaftlich verbunden, steuerte sie die kommunikativen Tätigkeiten zunächst von außen. Seit 2019 ist sie fest im Team, um den steigenden Anforderungen im Zusammenhang mit internationalen Patient:innen, Kommunikation, Sicherstellung der Qualitätsstandards, Prozessoptimierung und Social-Media-Aktivitäten gerecht zu werden.e.….
Fachbegriffe kurz erklärt:
Die Glottoplastik (Stimmfeminisierung) ist eine Operationstechnik, bei der die Vibrationslänge der Stimmbänder verkürzt und dadurch die Vibrationsfrequenz der Stimmlippen erhöht wird. Unter Vollnarkose wird der vordere Teil der Stimmlippen mit mikrochirurgischen Instrumenten zart ausgedünnt und mit einem haardünnen Faden zusammengenäht. Dadurch kann eine Stimmerhöhung von bis zu einer Oktave erreicht werden.
Cisgender nennt man Personen, deren äußerliche Geschlechtsmerkmale (und damit das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht) mit ihrem gefühlten Geschlecht, dem sogenannten Identitätsgeschlecht, übereinstimmen.
Transgender bezeichnet Personen, deren äußerliche Geschlechtsmerkmale (und damit das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht) nicht oder nur teilweise mit ihrem gefühlten Geschlecht, dem Identitätsgeschlecht, übereinstimmen. Salopp könnte man sagen: Transgender fühlen sich im falschen Körper. Eine binäre Geschlechtseinordnung wird meist abgelehnt.
Unter Passing versteht man hinsichtlich der Geschlechtsidentität, dass eine Person als Mitglied desjenigen Geschlechts erkannt und akzeptiert wird, mit dem sie sich identifiziert beziehungsweise das sie nach außen hin zeigt.
Transition bezeichnet den Vorgang, mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen die Identität einer Person so weit wie gewünscht an das gefühlte Geschlecht anzupassen. Dazu zählen Therapien wie die Gabe von Geschlechtshormonen oder operative Eingriffe, aber auch die Anpassung von Namen und Personenstand oder die Änderung des Kleidungsstils.
Misgendern bedeutet, dass eine Person nicht dem gefühlten Geschlecht zugeordnet und /oder mit dem falschen Pronomen angesprochen wird.